Figurentheater: Ausencia erzählt von den Schrecken der Militärdiktatur in Argentinien Wie Abwesenheit sichtbar wird

Wie macht man Abwesenheit sichtbar? Diese Frage steht zentral im Theaterstück „Ausencia“. Die Premiere fand bei „Mensch, Puppe!“ statt.
01.06.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Sven Garbade

Wie macht man Abwesenheit sichtbar? Diese Frage steht zentral im Theaterstück „Ausencia“. Die Premiere fand bei „Mensch, Puppe!“ statt.

Kann man Abwesenheit sichtbar machen? Auf der kleinen Bühne des Figurentheaters „Mensch, Puppe!“ gibt es jetzt einen solchen Versuch zu sehen: „Ausencia / Abwesenheit“ heißt das Stück, das mit Tanz und Figuren von den Schrecken der argentinischen Militärdiktatur erzählt. In der Zeit von 1976 bis 1983 verschwanden dort mehrere Zehntausend Menschen spurlos. Dabei ist die Verschmelzung von Menschen mit Puppen, wie es der Name des Ensembles sagt, auf der Bühne in der Schildstraße besonders eindringlich zu begutachten. Einerseits sehen wir einen Menschen: den Tänzer Tomas Bünger, der sich in stiller Konzentration seiner selbst zu vergewissern scheint.

Zunächst liegt er auf Stühlen, schwebt traumverloren auf ihnen und schichtet später die hölzerne Möbel-Welt in eiligem Aufbruch zu neuer Ordnung um. Zwischendrin wird er von dem Berg der Stühle sogar begraben – doch das eigentlich Interessante an diesen Vorgängen sind die vielen gespenstischen Wesen, die ihm Besuch abstatten. Direkt aus seiner Fantasie scheinen diese Gestalten sich losgeeist zu haben und bilden nun einen quälenden Querschnitt aus mulmigen Erinnerungen. Wie aus einem verblassenden Familien-Album purzeln diese Zwitterwesen auf die Bühne. In allen steckt der Puppenspieler Leo Mosler, der hinter den ausdrucksvollen Masken von Anna Siegrot vielfältige Gestalt annimmt. Manchmal taucht er als alter Mann auf, der an Krücken humpelt und sich mühsam in die Rhythmen eines halb vergessenen Tangos fallen lässt. Diese klanglichen Einbettungen werden durch den Musiker Alexander Seemann vorangetrieben, der das Geschehen von der Seite her mit Piano, Bandoneon und viel Gefühl fürs argentinische Liedgut begleitet.Oft genügen in der Inszenierung von Henrike Vahrmeyer bereits einfache Ausstattungen (von Katja Fritzsche), um die melancholische Atmosphäre aufzurauen. Beispielsweise wenn eine Frau in rot leuchtendem Kostüm auf einem Stuhl sitzt und – wartet. Hübsch zurechtgemacht hat sie sich, doch niemand trifft zu ihrer Verabredung ein. Eine Witwe im roten Kleid: Sie ist das blühende Leben, das noch nicht von der Todesnachricht ereilt wurde. Und der Tod selbst? Der tritt auch noch auf, höchstpersönlich, in Gestalt einer ziemlich gruseligen Dame mit Knochenkopf und angefledderter Abendrobe. Dazu fiept eine Stimme (wieder Mosler), die sich als Grande-Dame des internationalen Jetsets ausweist: „Oh, wie schön“, jubiliert sie, der Tod komme nach langer Zeit zurück in seine eigentliche Heimat: nach Buenos Aires, der Stadt des Tangos und der Cafés. Und wie wohl der Tod sich hier fühlt. Eine Fiesta des Sterbens könne man feiern...Der bittersüße Angsttraum führt im Laufe der Aufführung über viele Stationen und erweist sich dabei als geschickt eingebettet in die Möglichkeiten der eigentlich viel zu kleinen Bühne.

In einer Szene taucht Diktator Videla im Gespensterlicht auf, spricht dabei allerdings Worte, als würde ein strafender Vater über abtrünnige Kinder richten. Da ein Großteil der Inszenierung zuvor aus bilderstarken Bewegungsszenen besteht, können sich solche gesprochenen Texte umso eindringlicher herauskristallisieren. So erntet die Aufführung die Früchte einer intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung, die für dieses Projekt von Tomas Bünger, langjährigem Mitglied des Bremer Tanztheaters, initiiert wurde.

Dass die Folgen von Diktatur und Terror nicht nur in aktuellen Flüchtlingsströmen präsent sind, sondern auch in tieferem kollektiven Bewusstsein abgespeichert sind, nutzt der Abend auf künstlerisch gelungene Weise. Allerdings: Eine räumlich größere Bühne wäre dem Projekt sehr zu wünschen gewesen.

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