Biografischer Film über die Wissenschaftlerin läuft ab heute mehrere Tage im Kino City 46 Wie Annelie Keil ihr Leben meistert

Bahnhofsvorstadt·Schwachhausen. Fast ihre gesamte berufliche Tätigkeit hat die bekannte Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil an der Bremer Universität verbracht. Viele Jahre lebte sie in einem alten Bauernhaus am Weserdeich, gegenüber von Brake.
16.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Koppel

Fast ihre gesamte berufliche Tätigkeit hat die bekannte Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil an der Bremer Universität verbracht. Viele Jahre lebte sie in einem alten Bauernhaus am Weserdeich, gegenüber von Brake. Vor drei Jahren musste sie dem Generalplan Küstenschutz weichen und ist nach Schwachhausen zurückgekehrt. Ein Film über ihr Leben läuft ab heute im Kino City 46 an der Birkenstraße. Der Titel: „Geht doch!“

1971 gehörte Annelie Keil zu den ersten Hochschullehrern, die an die neu gegründete Bremer Uni berufen wurden. Trotz ihrer SPD-Zugehörigkeit war sie zuvor vom Verfassungsschutz überwacht und von der damaligen Bildungssenatorin Annemarie Mevissen argwöhnisch begutachtet worden. Der Bremer Universität ist sie bis zu ihrer Emeritierung trotz vieler attraktiver anderer Angebote treu geblieben. Zu sehr entsprachen die Prinzipien der in der Vergangenheit als „rote Kaderschmiede“ verschrienen Bremer Uni ihrem wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Verständnis von Interdisziplinarität, Projekt- und Gesellschaftsbezug.

Annelie Keil, die 1939 unehelich in Berlin zur Welt gekommen ist, verbrachte ihre ersten Lebensjahre in einem nationalsozialistischen Waisenhaus in Polen. Ihren Vater hat sie nur einmal gesehen. Erst am Ende des Zweiten Weltkrieges holte ihre Mutter sie aus dem Waisenhaus. Die beiden flüchteten vor der russischen Armee. Als Kind hat sie Ausgrenzung, Armut und Hunger kennengelernt. Das hat sie nicht gebrochen. Selbstbewusst hat sie das Abitur in Bad Oeynhausen gemacht, Politikwissenschaft und Soziologie studiert. Mit 17 Jahren trat sie in die SPD ein. „Aus Solidarität mit dem unehelichen Flüchtlingskind Willy Brandt“, erzählt sie schmunzelnd.

Sie selbst bezeichnet sich als Grenzgängerin zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, wobei es ihr besonders darum ging, Barrieren zwischen verschiedenen Disziplinen zu überwinden. Auch Schicksalsschläge sah sie immer wieder als Herausforderung an, Grenzen zu erkennen, zu überwinden oder mit ihnen leben zu lernen. „Das Leben lehrt uns eine tiefe Demut“ sagt sie dennoch all denen, die bedingungslos an den Fortschritt und die Überwindung aller Grenzen glauben. Wissenschaft heißt für sie „Wissen schaffen“, damit wir das Leben in den politischen Strukturen, unseren seelischen Strukturen sowie im Falle von Krankheit in den somatischen Strukturen verstehen. Dafür muss man aus der Universität herausgehen und in das Leben treten, ist die engagierte Gesundheitswissenschaftlerin überzeugt. Sie kann dabei auf die Erfahrungen in ihrer eigenen Biografie mit zwei schweren Krankheiten, sowie ihre lebensbegleitenden gesellschaftspolitischen Projekte mit devianten und arbeitslosen Jugendlichen, Auszubildenden, der Arbeit mit Landfrauen, dem Aufbau einer Gesundheitsstation in Guatemala sowie dem Aufbau einer „Lebensschule“ in Brasilien zurückgreifen.

Als sie 2004 in den Ruhestand ging, wurde der Studiengang Diplomsozialpädagogik, den sie aufgebaut hatte, geschlossen. Das hat weh getan, doch Abschiede sind für sie das tägliche Brot, etwas, aus dem Menschen lernen müssen, das Leben immer wieder neu zu erfinden. An Bremen schätzt sie die Offenheit und Vielfältigkeit der Stadt mit ihrer lebendigen kulturellen Szene. Die räumliche und soziale Vernetzung der Stadtteile macht für sie die Stadt lebenswert und hat ihr die Rückkehr erleichtert. Sofern sie sich nicht gerade auf Vortragsreise ist, engagiert sie sich ehrenamtlich in sozialen Stadtteilprojekten, für das Kinder- und Familienzentrum Haus Windeck auf der Grohner Düne, beim Gastmahl bei Freundinnen aus aller Welt in Tenever oder auch über Stadtteilgrenzen hinweg im Projekt Pegasus, das Kinder krebskranker Eltern unterstützt.

Der Film „Geht doch!“ ist ab heute, 16. Januar, um 20 Uhr im City 46, Birkenstraße 1, zu sehen. Unter der Regie von Heide Nullmeyer und Ronald Wedekind entstand ein Plädoyer für die Fähigkeit des Menschen, das eigene Leben immer wieder neu gestaltend in die Hand zu nehmen. Weitere Aufführungen von Sonnabend bis Mittwoch, 18. bis 22. Januar, um 20 Uhr. Kartenreservierung unter der Telefonnummer 95799290.

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