Hamburgische Staatsoper erinnert an York Höllers Bulgakow-Oper „Der Meister und Margarita“

Wie der Satan Moskau aufmischte

Es war kein leicht zu konsumierender Opernabend. Mit York Höllers „Der Meister und Margarita“ präsentierte die Hamburgische Staatsoper ihrem Publikum ein recht sprödes Werk der etwas älteren Moderne, das allerdings durch eine flotte, fantasiereiche Inszenierung griffig gemacht wurde.
16.09.2013, 00:00
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Von Gerhart Asche
Wie der Satan Moskau aufmischte

Hamburgs Staatsoper schwelgt zur Saisoneröffnung in Formen und Farben.FOTO: JÖRG LANDSBERG

joerg landsberg, landsberg

Es war kein leicht zu konsumierender Opernabend. Mit York Höllers „Der Meister und Margarita“ präsentierte die Hamburgische Staatsoper ihrem Publikum ein recht sprödes Werk der etwas älteren Moderne, das allerdings durch eine flotte, fantasiereiche Inszenierung griffig gemacht wurde.

Man konnte diese Saisoneröffnungspremiere als eine Art „Heimholaktion“ betrachten; denn eigentlich hätte das Werk in Hamburg schon vor einem knappen Vierteljahrhundert gespielt werden sollen. Doch die Umstände waren nicht so. Höller hatte nämlich den Kompositionsauftrag 1984 vom damaligen Hamburger Chefdirigenten Hans Zender erhalten, der aber – bevor die Oper fertig war – abgelöst wurde durch Gerd Albrecht. Womit dem Vertrag das Aus beschieden war. Die Uraufführung fand dann 1989 im Pariser Palais Garnier statt; eine zweite Produktion gab es 1991 in Köln. Seitdem wurde „Der Meister und Margarita“ nicht mehr gespielt, bis jetzt Simone Young, Hamburgs Intendantin und Generalmusikdirektorin sich des Werkes entsann.

Viel Liebesmüh um ein auf die Dauer langatmiges, sperriges Stück. Seine Handlung geht zurück auf den in den 1930er- Jahren entstandenen, aber erst 1966/67 erschienenen gleichnamigen Kultroman des sowjetrussischen Autors Michail Bulgakow, ein phantasiereiches episches Pamphlet gegen Intoleranz und Gesinnungsterror. Der Held, ein Schriftsteller, hat ein Buch über Pilatus geschrieben, das mit seinen eingehenden Exkursen über das Verhältnis von Macht und Schuld nicht ins damalige Sowjet-System hineinpasst. Er wird deshalb in einem Irrenhaus kaltgestellt. Aber er findet Unterstützung nicht nur bei seiner Geliebten Margarita, sondern vor allem auch bei dem in der Gestalt des Professor Voland leibhaftig erschienenen Teufel, der mit seinen Spießgesellen das Moskau der Stalin-Zeit gehörig auf den Kopf stellt.

Bulgakows Roman wie Höllers Oper sind eine bunte Mischung aus Satire und philosophischer Parabel mit einem Zug ins Fantastische. Sarkasmus und Groteske dominieren das Geschehen. In der expressiven Partitur drückt sich das aus in einem Stilmix aus großem Orchester und Elektronik, live sowie vom Tonband: Höller war langjähriger Leiter des Elektronischen Studios des WDR Köln. Mit Zitaten wird nicht gespart, von der Renaissancemusik bis zu Jazz und Hardrock, von Gounods „Faust“ und Berlioz‘ „Sinfonie fantastique“ bis zu Mussorgskys „Boris Godunov“.

Das ergibt – alles in allem – einen wunderbar farbigen Orchesterklang, dem jedoch die gleichförmige, rezitativische Behandlung der Stimme, öfter durch längere gesprochene Dialogpassagen unterbrochen, auch nicht annähernd Paroli bieten konnte. Hier liegt das Paradoxon einer Oper vor, in der nicht der Gesang, sondern das begleitende Orchester dominiert und in der die reinen Instrumentalstücke – der Hexenflug über Moskau, der Satansball – die musikalischen Höhepunkte bilden.

Auch Jochen Biganzolis Inszenierung, durchgehend gekennzeichnet durch eine choreographische, teils auch akrobatisch aufgelockerte Personenführung, lief in den rein pantomimischen Szenen zu großer Form auf. Eine eindrucksvolle Unterstützung boten dabei die ungemein einfallsreich entworfenen Kostüme, ein wahrer Rausch an Formen und Farben, entworfen von Heike Neugebauer, der ständigen Kostümbildnerin der Bremer Shakespeare-Company.

Gesangssolistisch setzte die Hamburgische Staatsoper ein persönlichkeitsstarkes Ensemble ein. Herausragend Dietrich Henschel, von charismatischer Ausstrahlung in der Rolle des Meisters, und Derek Welton als Voland, ein magisch-mephistophelischer Intrigant mit dunkel grundiertem Bass. Daneben Cristina Damian als Margarita mit schönem, klar geführtem Mezzo, Andrew Watts mit grell-virtuosem Countertenor und Tigran Martirossian in einer Doppelrolle als Pontius Pilatus und zynischer Irrenhaus-Arzt Dr. Strawinsky. Chris Lysack als lyrischer Dichter Iwan Besdomny, dem vom Komponisten die gesangliche Lyrik versagt war, blieb wohl unter seinen Möglichkeiten, ebenso wie Corny Littmann, Leiter vom Schmidts-Tivoli, der als Conférencier in der überlangen Variété-Szene zu viele Plattitüden von sich gab.

In einer Hochform wie selten erlebte man das Orchester, das zusammen mit seinem Dirigenten, dem Nürnberger GMD Marcus Bosch, auf Höllers komplexe Partitur geradezu eingeschworen schien. Es erhielt denn auch einen Löwenanteil des Beifalls, der (während ein Teil der Zuschauer den Saal spontan verließ) freundlich und anhaltend ausfiel. Insgesamt aber war diese Saisoneröffnungspremiere eher eine Pflichtübung, als dass sie eine große, weiterwirkende Ausstrahlung haben dürfte.

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