Achillesferse Papier

Wie die Buchbranche für den Klimaschutz umdenkt

In der Buchbranche besteht in Sachen Klimaschutz Nachholbedarf – doch Verlage beginnen mit dem Umdenken.
04.10.2019, 11:12
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Wie die Buchbranche für den Klimaschutz umdenkt

Die Achillesferse ist das Papier“, sagt Anke Oxenfarth vom Oekom Verlag in München.

Jens Kalaene dpa/lbn

Wie klimaschädlich ist die Produktion eines Buches? Und wie können Verlage nachhaltiger arbeiten? In Zeiten wie diesen kann kaum jemand auf einen Klimacheck verzichten – auch nicht die Buchbranche. „Die Verlage beginnen die Zeichen der Zeit zu erkennen, die Betonung liegt auf ‚beginnen‘“, sagt Anke Oxenfarth vom Oekom Verlag in München. „Es gibt einige Vorreiter, die viel tun – und es gibt andere, die mal eine Einschweißfolie weglassen und gleich denken, groß etwas für die Umwelt geleistet zu haben.“

Wo liegt das Hauptproblem? „Die Achillesferse ist das Papier“, sagt Oxenfarth, die bei ihrem Verlag die Stabstelle Nachhaltigkeit leitet. „Noch immer werden dafür Primärwälder gerodet mit den bekannten Folgen für die Biodiversität und fürs Klima.“ Ein guter Ansatz seien die verschiedenen FSC-Zertifikate, die beispielsweise nachweisen, dass das Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt. Aber um wirklich umweltfreundlich zu produzieren, gebe es eigentlich nur eine Lösung: hundertprozentiges Recyclingpapier, dessen Produktion etwa deutlich weniger Wasser verbraucht. Allerdings spielten hier auch Preis und Verfügbarkeit eine Rolle.

Sind E-Reader umweltfreundlicher?

2015 hat der Verlag das Umweltzeichen „Blauer Engel“ für emissionsarme und ressourcenschonende Druckprodukte mitinitiiert. Ein Kooperationspartner war die Frankfurter Buchmesse, gefördert wurde das Projekt vom Umweltministerium. 2018 lag beim Oekom-Verlag der Anteil von Recyclingpapier bei 96 Prozent. Diese Quote könne 2019 aufgrund höherer Kosten und Lieferengpässen leider nicht gehalten werden. Fortschritte gibt es Oxenfarth zufolge beim Druck, da viele Druckereien inzwischen auf mineralölfreie Farben umgestiegen sind.

„Die Papierherstellung ist grundsätzlich eine der energieintensivsten Industrien – und die Produktion steigt weiter deutlich an“, sagt Johannes Zahnen von der Umweltschutzorganisation WWF. Aber er sagt auch: In Deutschland mache die Buchbranche nur einen geringen Anteil am Papierverbrauch aus, der Löwenanteil gehe auf die Werbe- und die Verpackungsindustrie.

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Bei den großen Publikumsverlagen wird man sich des Problems bewusst, etwa bei C.H. Beck in München. „Wir produzieren jährlich etwa 1200 neue Titel mit unterschiedlichen Auflagen. Diese Jahresproduktion bedeutet einen Ausstoß von 13.000 Tonnen Kohlendioxid“, sagt Jonathan Beck, Verleger in siebter Generation. Laut Umweltbundesamt entspricht das dem jährlichen Fußabdruck von 1120 Bundesbürgern (ca. 11,6 Tonnen pro Person) oder der Produktion von 2000 Autos (sechs bis sieben Tonnen pro Auto).

Etwa die Hälfte der Produktion kompensiert der Verlag: „Wir erfassen die für Herstellungsprozess erforderliche Energie und das CO₂, indem wir mit Druckereien und Papierherstellern sprechen. Dafür kaufen wir im gleichen Umfeld Zertifikate für ein Klimaschutzprojekt in Kenia“, sagt Beck. Das sei aber nur eine kurzfristige Lösung. Mittelfristig müssten Papierfirmen noch energieeffizienter arbeiten, sanfter Druck der Verlage könne da nicht schaden.

Den Holtzbrink-Buchverlagen, die sich das Thema Nachhaltigkeit schon länger auf die Fahnen schreiben, ist es nach eigenen Angaben gelungen, die Kohlendioxid-Freisetzung seit 2010 zu halbieren – durch verschiedene Maßnahmen, von Veränderungen beim Papiereinkauf bis zu Standortentscheidungen, erklärt CEO Joerg Pfuhl. Ein weiteres Problem, dem sich die Branche zunehmend stellen muss, ist die Einschweißfolie. Laut dem Börsenverein des deutschen Buchhandels verbrauchen die rund 3000 Verlage in Deutschland jährlich rund 16 Millionen Quadratmeter für das Verpacken von Hardcover-Büchern – was einer Fläche von rund 2230 Fußballfeldern entspricht.

„Wir stecken viel Arbeit in die Gestaltung, und das hat seinen Preis"

Beim Beck-Verlag gibt es viele Produktreihen, die noch nie eingeschweißt wurden, etwa Taschenbücher oder Hardcover ohne Schutzumschlag. Bei anderen Büchern ist man noch unsicher. „Wir stecken viel Arbeit in die Gestaltung, und das hat seinen Preis, ich kann einen Kunden verstehen, der nicht 40 Euro für ein Buch zahlen will, das kleine Risse hat“, sagt Verleger Beck.

Zudem bestehe die Gefahr, dass die beschädigten Bücher nicht verkauft würden und kosten- und klimaaufwendig wieder als Remittenden zurückgingen. „Ich hoffe eher darauf, dass Folie künftig aus umweltfreundlicherem Recyclingmaterial hergestellt wird.“ Anders sieht es der Oekoem Verlag: „Wir haben 2016 begonnen, auf Folien zu verzichten, um zu schauen, was passiert. Die Befürchtung, dass die Zahl der Remittenden steigt, ist nicht eingetreten“, sagt Oxenfarth. Und auch bei Ullstein erscheint inzwischen ein Großteil der Bücher ohne Plastikumhüllung.

Bleibt die Frage: Können E-Reader eine klimafreundlichere Variante zu Büchern sein? Schließlich sind die Geräte nicht gerade für ihre ressourcenschonende Herstellung bekannt. „Schwierig“, meint Oxenfarth. „Wenn ein Lesegerät mindestens zwei bis drei Jahre im Einsatz ist und wenn darauf im Jahr mehr als 20 Bücher gelesen werden, dann ist es eine Alternative – sonst nicht.“ (dpa)

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