Wie die Karnickel

Sven Regener, in Bremen geborener Romancier („Herr Lehmann“) und Sänger (Element of Crime), hat sich sozusagen als Ghostwriter erprobt. Er ist seinem langjährigen Freund, dem Musiker Andreas Dorau, beim Verfassen des launigen Erinnerungsbuches „Ärger mit der Unsterblichkeit“ zur Hand gegangen.
10.05.2015, 00:00
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Wie die Karnickel
Von Hendrik Werner

Sven Regener, in Bremen geborener Romancier („Herr Lehmann“) und Sänger (Element of Crime), hat sich sozusagen als Ghostwriter erprobt. Er ist seinem langjährigen Freund, dem Musiker Andreas Dorau, beim Verfassen des launigen Erinnerungsbuches

„Ärger mit der Unsterblichkeit“ zur Hand gegangen.

Und dann war da noch die Sache mit dem Dackel. So euphorisch soll das Tier angesichts des Wonneproppens Andi gewesen sein, dass es sein Glück nicht anders zu artikulieren wusste als durch einen emphatischen Biss in des Knaben Weichteile. Diese Begebenheit hatte künstlerische Folgen: Als aus dem bangen kleinen Andi der forsche Andreas Dorau geworden war, der 1989 an der Münchner Filmhochschule seinen Abschlussfilm plante, schwebte ihm ein abendfüllender Kinderfilm vor. Titel: „Der beste Hund der Welt“. Protagonist: ein Holzhund. Handlung: sehr schräg.

Das Projekt zerschlug sich dann wegen des Mauerfalls. An seine Stelle trat eine Arbeit, die ebenfalls auf eine befremdliche Expedition in die Fauna zielte: eine Show mit dem wunderbar ambivalenten Namen „Schlag dein Tier“: „Darin sollten diverse Tiere in Quiz- und Geschicklichkeitsspielen gegen ihre Besitzer antreten, ein Schwein gegen einen Bauern im Witzeraten, eine Gans gegen eine Rockerbande im Geldstück-an-die-Wand-werfen, ein Bär gegen einen schwererziehbaren Jungen im Radfahren und so weiter.“

Man ahnt: Der Musiker und Filmkünstler Andreas Dorau, der 1981, gerade mal 17-jährig, mit dem Dada-Song „Fred vom Jupiter“ und dem Kinderchor „Die Marinas“ auf der Neuen Deutschen Welle zu seinem ersten Chartserfolg surfte, hat sich als Erwachsener reichlich subversiven Humor bewahrt. Überbordende Tierliebe sowieso. (Wenn die Tiere in der oben skizzierten Versuchsanordnung gewannen, wünschten sie sich als Siegprämie stets einen Andreas-Dorau-Titel mit entsprechender Videoeinspielung).

Es dürfte insbesondere diese Art von Humor sein, die den Elektropop-Doyen Dorau, der sich trotz Filmhochschulabschlusszeugnis gegen das Kinofach entschied, mit Sven Regener verbindet. Die Tierliebe sowieso. Denn was Dorau, Jahrgang 1964, mit „Schlag das Tier“ ersann, ist ähnlich gewitzt wie das von einer skurrilen Begegnung mit einem Hund erzählende Auftaktkapitel des Debütromans von Sven Regener, Jahrgang 1961. Weil Regener aber neben lyrischen Miniaturen für Element of Crime seit „Herr Lehmann“ (2001) auch die größere poetische Form beherrscht, kam es unter freundlicher Vermittlung des auf komische Stoffe abonnierten Galiani-Verlags zu einem literarischen Freundschaftsdienst: Dorau erzählte anekdotisch über sein Leben als Künstler, Mensch und Tierfreund, und Regener protokollierte das Gehörte getreulich, um die biografische Mixtur aus höherem Blödsinn, mittlerem Erfolg und niederen Instinkten ins Gewand einer gefälligen Lach-und Sachgeschichte zu kleiden.

Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Kooperation liest sich sehr vergnüglich. Obwohl (oder gerade weil) der Text ein ums andere Mal vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Gerade so, als würde Frank Lehmann, Regeners rabulistischer Held, mit der schönen Köchin Katrin oder mit dem Standortpfarrer aus „Neue Vahr Süd“ um die Krone des Wortverdrehens ringen. Es ist zu erwarten, dass sich das Lektürevergnügen sogar noch steigert, wenn Dorau und Regener das Werk demnächst auf einer kleinen Deutschland-Tournee gemeinschaftlich vorstellen, die auch einen Halt in Regeners Geburtsstadt vorsieht.

Man muss sich diesen Andreas Dorau, der die schriftliche Deutungshoheit über sein Leben teilweise abgetreten hat, als fröhlichen, vielleicht sogar glücklichen Menschen vorstellen. Jene kindliche Heiterkeit (durchaus mit einem guten Schuss Naivität), die Lebensstationen und Text soufflieren, prägte schon den bemerkenswerten Auftritt, mit dem sich Dorau vor 34 Jahren erstmals dem popkulturellen Gedächtnis einschrieb: „Fred vom Jupiter, Fred vom Jupiter / Der Traum aller Fraun / Du machst mich schwach. / Fred vom Jupiter, Fred vom Jupiter / Bleib für immer hier / Geh doch nicht fort!“

Selbst in den 1980er-Jahren, die einer neuen Studie zufolge musikalisch besonders stumpf waren (wir glossierten), muss man sich solche Gaga-Zeilen erst einmal vorzutragen getrauen. Dorau hatte sie, folgt man der Fama, bereits als 15-Jähriger im Rahmen einer Schul-AG geschrieben – und gegen den Willen seines Lehrers einem Label geschickt. Sein Glück (und das der Hörer) war, dass bereits in dieser Frühphase der Neuen Deutschen Welle erlaubt war, was gefiel. Auch davon erzählt das schelmische Buch, dem viele Leser mit ausgeprägten Nonsense-Faible zu wünschen sind.

Postskriptum: „Wie die Karnickel“, die Überschrift dieses Textes, bezieht sich weder explizit auf das besprochene Buch noch auf dessen Urheber. In deren unsinnigem Sinne ist die Zeile gleichwohl.

Andreas Dorau & Sven Regener: Ärger mit der Unsterblichkeit. Galiani, Berlin.

180 S., 16,99 .

Am Dienstag, 19. Mai, stellen Sven Regener und Andreas Dorau ihr Werk im Bremer Schlachthof vor. Beginn der Lesung: 20 Uhr.

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