Made in Bremen: Internetnutzer finanzieren Konzertreihe von Jaro Medien / 33 Jahre im internationalen Geschäft

Wie ein Traditionslabel neue Wege geht

Ein für den Grammy nominierter Frauenchor, ein Qawwali-Künstler, der bei der Friedensnobelpreis-Verleihung auftritt, oder ein Cellist, der mit Musik von Charlie Chaplin allein in Japan knapp 50000 Tonträger verkauft: Die Bremer Jaro Medien GmbH blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Doch Geschäftsführer Ulrich Balß ruht sich nicht auf Traditionen aus. Stattdessen setzt er auf neue Medien – und finanziert nun erstmals eine Tour zum Teil über Crowdfunding.
23.02.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie ein Traditionslabel neue Wege geht
Von Maren Beneke

Ein für den Grammy nominierter Frauenchor, ein Qawwali-Künstler, der bei der Friedensnobelpreis-Verleihung auftritt, oder ein Cellist, der mit Musik von Charlie Chaplin allein in Japan knapp 50000 Tonträger verkauft: Die Bremer Jaro Medien GmbH blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Doch Geschäftsführer Ulrich Balß ruht sich nicht auf Traditionen aus. Stattdessen setzt er auf neue Medien – und finanziert nun erstmals eine Tour zum Teil über Crowdfunding.

Wenn Ulrich Balß ganz ehrlich ist, dann hat er einen kleinen Teil seines Erfolges Dieter Bohlen zu verdanken. Damals, 1989, vermittelte Balß das Pop-Duo Modern Talking für mehrere Konzerte nach Russland. Dass Balß hinter diesen Auftritten stand, sollte zu jener Zeit noch geheim bleiben. Passte Bohlen mit seiner Musik ja auch so gar nicht ins Portfolio des Bremer Verlags- und Labelchefs, der sich mit der Vermarktung von Künstlern aus dem Genre Weltmusik einen Namen gemacht hatte. Heute könne er aber zugeben, sagt Ulrich Balß, „dass Dieter Bohlen für eine gewisse finanzielle Basis verantwortlich ist, die am Ende dazu geführt hat, dass ich über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren die Sachen produzieren konnte, die ich für interessant hielt.“ Dennoch sollte dieser Ausflug ins Pop-Geschäft einer der ganz wenigen in der rund 40-jährigen Musikkarriere von Balß bleiben.

Die Geschichte von Balß’ Verlag beginnt schon Mitte der 70er Jahre. Damals organisierte er zusammen mit ein paar Bekannten Veranstaltungen in einer alten Zigarrenfabrik. Balß war für das Musikprogramm verantwortlich, knüpfte nach und nach Kontakte zu Künstlern deutschland-, europa- und weltweit – und machte sich neben seinem Studium selbstständig. Sein Ziel: Nach dem Studienabschluss vom Organisieren von Konzerten leben können.

Konzerte allein reichen nicht

Und tatsächlich stellte sich der erhoffte Erfolg ein. „Aber irgendwann kam der Punkt, an dem mir klar wurde, dass die Vermarktung von Musik nicht allein über Konzerte funktioniert“, erinnert sich der heute 59-Jährige. Um die Vermarktungskette zu vervollständigen, gründete Ulrich Balß 1981 sein Plattenlabel Jaro – dessen Name sich aus den Musikrichtungen Jazz und Rock – zusammensetzt und bewies mit den ersten Verlagskünstlern, der finnischen Band Piirpauke, gleich den richtigen Riecher. Der Erfolg habe ihn schon überrascht, sagt Balß. Gerade, weil er sich alles selbst beibringen musste. „In der ersten Zeit war man angewiesen auf Leute, die einen unterstützen“, sagt der Labelchef.

Piirpauke wurden in den einschlägigen Radiosendern gespielt, traten in ganz Europa auf. Und es folgten weitere Jaro-Bands, die sich ebenfalls durchsetzen konnten: unter anderem der Frauenchor The Bulgarian Voices Angelite, der in den 90er-Jahren für einen Grammy nominiert wurde. Oder der Cellist Thomas Beckmann, der mit einer Neuauflage von Kompositionen Charlie Chaplins allein in Japan 50000 Tonträger absetzen konnte. Nicht zu vergessen der Auftritt des Qawwali-Künstlers Nusrat Fateh Ali Khan bei der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1994.

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Ulrich Balß mit seinem Unternehmen von Bremen aus. Für jemanden, der aus Ostwestfalen komme, ist Bremen eine Großstadt, begründet der Label-Gründer seine Standortwahl. Vieles von dem, wozu er sich damals entschlossen hätte, seien Bauchentscheidungen gewesen. Ob ein Künstler Erfolg hat, oder eben auch nicht, hänge oft nur davon ab, ob man den Nerv der Zeit trifft. „Und eine ganze Portion Glück gehört natürlich auch dazu“, sagt der zweifache Familienvater Ulrich Balß.

Mittlerweile ist die Jaro Medien GmbH auf drei Angestellte neben dem Firmeninhaber angewachsen. „Wir arbeiten sehr selektiv“, sagt Ulrich Balß, derzeit würden aktiv etwa zehn Künstler vermarktet werden, rund acht Produktionen stemme die Firma jährlich. Sein Unternehmen besteht heute aus Produktionsfirma, Künstleragentur und dem Eigenverlag. Allein im Lager der alten Villa in der Bismarckstraße sind nach Schätzungen des Geschäftsführers etwa 20000 CDs vorrätig, die von hier aus über einen eigenen Onlineshop vermarktet und in die ganze Welt verschickt werden. Dazu kommen noch einmal 160 Onlineshops, über die die Musik von Jaro vertrieben wird. Natürlich gehört auch der Internetriese Amazon dazu.

Sowieso will sich Ulrich Balß den neuen Medien nicht verschließen. Im Gegenteil: Als die Digitalisierung der Musik ihren Lauf nahm, habe der heute 59-Jährige von Beginn an gesagt, dass es nichts bringe, diese Entwicklung zu verteufeln. Natürlich, am Musikstreaming sei für ein Plattenlabel in der Größenordnung wie der Jaro Medien GmbH kaum etwas zu verdienen. „Wir bewegen uns mit unserer Weltmusik in einer Nische“, sagt Balß. „Das funktioniert – aber nur, solange ich alle Rechte der Vermarktungskette habe.“ Etwa durch die Weiterverwertung als Filmmusik oder den Vertrieb über Kanäle wie das Internet. Ein wichtiger Bestandteil sind für das Unternehmen nach wie vor die Konzerte. „Wenn ein Künstler nicht spielt, ist er für uns kaum vermarktbar“, weiß der Geschäftsführer. Denn über Konzerte können die Tonträger direkt vermarktet werden, es kommen keine weiteren Abzüge wie beim Verkauf über andere Onlineshops hinzu.

Vier US-Sängerinnen auf Tour

Und Ulrich Balß hat noch einen weiteren Weg gefunden, um sein Unternehmen weiter voranzubringen: Über die Crowdfunding-Plattform Startnext hat er im vergangenen Jahr die Teilfinanzierung einer Konzertreihe ausgeschrieben. Mit den American Songbirds wollte er vier Sängerinnen zusammenbringen, die es in den USA bereits zu einiger Bekanntheit gebracht haben, hierzulande aber noch relativ unbekannt sind. 45 Tage lang konnten Internetnutzer Geld für das Projekt spenden, damit die Tour überhaupt zustande kommt. Und tatsächlich: Ein paar Tage vor Ablauf der 45-Tage-Frist hatte Ulrich Balß die erforderlichen 5000 Euro zusammen. Im März und April sind die vier Künstlerinnen nun also in Deutschland und Österreich unterwegs – am 26. März machen sie auch halt in Bremen.

Dennoch: Vom großen Erfolg möchte Ulrich Balß nicht sprechen. Er wartet lieber ab, wie sich seine Projekte, wie sich seine Künstler entwickeln. Von einem weiteren Wachstum seines Unternehmens geht er jedenfalls erst einmal nicht aus. Warum auch? „Was soll der Sinn davon sein?“, fragt der Label-Gründer. „Wichtig ist doch, dass wir hinter dem Produkt stehen, dass wir verkaufen.“ Und so hat es dann wohl auch fast 15 Jahre gebraucht, dass Ulrich Balß bereit war zu erzählen, dass auch Dieter Bohlen Teil der Geschichte der Jaro Medien GmbH ist. Wenn auch nur ein wirklich kleiner.

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