Die Bremer Philharmoniker beeindrucken mit „Musikalischen Verwandtschaften“ / Katia und Marielle Labèque sowie Jimmy Lopez zu Gast

Wie ein tropischer Sturm fegte die Musik über die Köpfe

Bremen. Mit dem schlichten Titel „Musikalische Verwandtschaften“ hatten die Bremer Philharmoniker ihr viertes philharmonisches Konzert in dieser Saison überschrieben und stapelten damit stimmungsmäßig ganz schön tief. Denn die Zuhörer im großen Saal der Glocke bekamen am Montag und gestern ein geistreich zusammengestelltes Programm geboten, dargeboten mit viel Verve – es wurden zwei kurzweilige Abende.
17.12.2014, 00:00
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Wie ein tropischer Sturm fegte die Musik über die Köpfe
Von Iris Hetscher
Wie ein tropischer Sturm fegte die Musik über die Köpfe

Viel Applaus nebst Bravorufen gab es auch für den Komponisten Jimmy Lopez.

Frank Thomas Koch

Mit dem schlichten Titel „Musikalische Verwandtschaften“ hatten die Bremer Philharmoniker ihr viertes philharmonisches Konzert in dieser Saison überschrieben und stapelten damit stimmungsmäßig ganz schön tief. Denn die Zuhörer im großen Saal der Glocke bekamen am Montag und gestern ein geistreich zusammengestelltes Programm geboten, dargeboten mit viel Verve – es wurden zwei kurzweilige Abende.

Das konnte eigentlich auch gar nicht ausbleiben, wenn man Werke miteinander kombiniert, die auf Tänzen und Liedern basieren. Gastdirigent Miguel Harth-Bedoya, Generalmusikdirektor des Norwegischen Rundfunkorchesters, erwies sich dabei gleich im ersten Stück als richtiger Mann am richtigen Ort. Er verordnete zunächst Pjotr Tschaikowskys gefällligem „Capriccio Italien“ (1880) eine Frischzellenkur. Die Suite, deren melodisch auffälligstes Kernstück Variationen des italienischen Volkslieds „Bella ragazza della treccia bionda“ (Schönes Mädchen mit blondem Zopf) bilden, führte Harth-Bedoya auf ihr rhythmisches Gerüst zurück, verzögerte, baute Pausen ein, nahm ab und an eine gewisse Kirmeshaftigkeit in Kauf. Angenehmer Nebeneffekt: Die schwungvollen Melodielinien des Stücks kamen so ganz besonders gut zur Geltung ohne kitschig zu wirken – immer weg mit den alten blonden Zöpfen.

Kitsch-Gefahr besteht beim „Konzert für zwei Klaviere und Orchester“ (1932) von Francis Poulenc überhaupt nicht, überbordende musikalische Gefühlswallungen waren dem französischen Komponisten zuwider. Poulenc kombinierte für sein Werk sehr luzide ganz unterschiedliche historische und formale Einflüsse, stets orientiert an der Klassik. Das Pianistinnenduo Katia und Marielle Labèque arbeitete diese im Verein mit den Bremer Philharmonikern sehr pointiert heraus: hier eine Toccata, dort ein Marsch, mal ein chopineskes Motiv, mal ein Ausflug ins Reich von Mozart. Jede Stimmung erhielt bei den beiden Französinnen eine eigene interpretatorische Note, der Anschlag dabei mal zart, mal beinahe berserkerhaft.

Nach der Pause nahm das Orchester die Zuhörer zunächst mit nach Rio de Janeiro – dort sind die „Saudades do Brasil“ (1920), die brasilianischen Erinnerungen von Darius Milhaud, angesiedelt. Die 14 kurzen Sätze pendeln zwischen betrübt und fröhlich, und obwohl Harth-Bedoya die steten Anschläge Milhauds auf einen erwarteten Wohlklang gut herausspielen ließ, wirkte die Suite insgesamt doch zu langatmig; die Spannung ging zwischendurch verloren.

Wie gut, dass das Konzert dann mit „Peru negro“ (2012) des jungen peruanischen Komponisten Jimmy Lopez einen mächtigen Schlussakkord präsentierte – ein Fest vor allem für die Schlagwerker des Orchesters, die stark gefordert waren. Die sechs Sätze des Stücks fußen auf der Volksmusik der Afro-Peruaner; Lopez hat über Motive improvisiert, sie auseinandergenommen und zu monumentalen Klanggemälden wieder zusammengesetzt. Wie ein tropischer Sturm fegte diese Musik über die Köpfe des völlig gebannten Publikums in der Glocke hinweg. Für das Orchester, den Dirigenten und den Komponisten gab es viel Applaus und einige Bravo-Rufe.

Jimmy Lopez ist heute Abend zu Gast bei „5nach6“, 18.05 Uhr, in der Glocke

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