Wie Licht ins Dunkel kommt

A ufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Dieser 1784 veröffentlichte Satz des Philosophen Immanuel Kant ist seither fast bis zum Überdruss zitiert worden.
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Wie Licht ins Dunkel kommt
Von Jürgen Wendler

A ufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Dieser 1784 veröffentlichte Satz des Philosophen Immanuel Kant ist seither fast bis zum Überdruss zitiert worden. Nach Jahrhunderten, die im Abendland von christlichen Vorstellungen beherrscht waren und in denen sich die meisten Menschen mit vorgefertigten Erklärungen begnügt hatten, wie sie in der Bibel zu finden waren, begannen Gelehrte, in der Vernunft das einzige Mittel zu sehen, um die Welt zu durchschauen. In Verbindung mit dem 17. und 18. Jahrhundert ist deshalb nicht nur vom Zeitalter der Aufklärung, sondern auch vom Zeitalter der Vernunft oder des Rationalismus (vom lateinischen Wort ratio für Vernunft) die Rede. Heute gilt es in den technisch hoch entwickelten Gesellschaften als selbstverständlich, vernünftig zu handeln. Moderne Menschen verstehen sich als aufgeklärt. Hat die Aufklärung ihr Werk also bereits getan? Oder bleibt sie vielmehr eine Daueraufgabe? Und wenn ja, was könnte dies bedeuten?

Unter Unmündigkeit verstand Kant „das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Als selbst verschuldet betrachtete er diese Unmündigkeit, weil es den Menschen nach seiner Meinung nicht an Verstand, sondern an Mut fehlte. Faulheit und Feigheit seien die Gründe dafür, dass ein großer Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibe. Solche Aussagen legen Fragen nahe: Wenden heutige Menschen genug Fleiß auf, um Sachverhalten und Vorgängen gerecht zu werden? Wie groß ist der Mut, herrschenden Auffassungen zu widersprechen, wie groß die Bereitschaft, Erkenntnisse zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen?

Kant hat zwar viel beachtete Aussagen zur Aufklärung gemacht, war aber keineswegs der Erste, der diese mit Leben erfüllte. Wer an Aufklärung glaubt, glaubt an den Fortschritt, und der hatte von Anfang an eine naturwissenschaftliche Komponente. Zu den Wegbereitern der Aufklärung gehörten zum Beispiel der Philosoph Francis Bacon (1561 bis 1626), der sich für eine auf der Erfahrung basierende Wissenschaft stark machte, und der Physiker Isaac Newton (1643 bis 1727), der unter anderem bewies, dass die planetarischen Umlaufbahnen mithilfe der von ihm selbst formulierten allgemeinen Hauptsätze der Mechanik vorausgesagt werden können. Überzeugungskraft erlangten die Ideen der Aufklärung nicht zuletzt dadurch, dass die dank der Vernunft gewonnenen Erkenntnisse zu nützlichen technologischen Neuerungen führten. Zu den Meisterleistungen des 18. Jahrhunderts zählen die Erfindung des Heißluftballons durch die französischen Brüder Joseph Michel und Jacques Étienne Montgolfier und die Vervollkommnung der Dampfmaschine durch den Briten James Watt. Dampfmaschinen eröffneten die Möglichkeit, andere Maschinen anzutreiben. So konnten zum Beispiel mit automatischen Webstühlen Textilien in großen Mengen hergestellt werden. Mit anderen Worten: Die Dampfmaschine stand am Beginn der Industriellen Revolution; sie ermöglichte die Massenproduktion von Waren in Fabriken.

Dass es auch eine Kehrseite der Industrialisierung und des technischen Fortschritts gibt, zeigt nicht zuletzt die vor dem Hintergrund der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Paris einmal mehr viel diskutierte globale Erwärmung. Um Maschinen zu betreiben, wird Energie benötigt. Gewonnen wurde und wird diese vor allem durch die Verbrennung von Energieträgern wie Erdöl und Kohle, die zur Freisetzung von Treibhausgasen führt. Der Klimawandel ist allerdings bei Weitem nicht die einzige Folge der Bemühungen des Menschen, sich mithilfe seines Verstandes und seiner technischen Möglichkeiten einen größeren materiellen Wohlstand zu verschaffen. Rohstoff- und Flächenbedarf sowie Emissionen haben vielfältige Auswirkungen auf die Umwelt, bis hin zum Aussterben zahlreicher Arten von Pflanzen und Tieren. Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert in ihrem Werk „Dialektik der Aufklärung“ herausgearbeitet, was es bedeutet, wenn Wissen zu Macht wird, wenn die Vernunft missbraucht wird, um zu herrschen, sei es über andere Menschen oder die Natur.

Auch wer auf Möglichkeiten des Vernunftmissbrauchs und Grenzen des Erkenntnisvermögens hinweist, klärt auf, ist ein Aufklärer im besten Sinne. Worum es geht, hat schon Kants Zeitgenosse Christoph Martin Wieland, ein Dichter, klar benannt. Er verglich Aufklärung mit der Aufgabe, Licht ins Dunkel zu bringen, sodass Dinge erkannt und voneinander unterschieden werden könnten. Damit formulierte er zugleich eine Grenze: Voraussetzung dafür, dass über etwas aufgeklärt werden könne, sei, dass es grundsätzlich sichtbar sei – aus heutiger Sicht ließe sich hinzufügen: für Menschen und die von ihnen entwickelten Instrumente sicht- beziehungsweise messbar.

Die zahllosen hilfreichen Erkenntnisse, die Naturwissenschaftler der Menschheit beschert haben, verleiten zu der Vorstellung, dass dem Menschen am Ende nichts verborgen bleiben werde, dass grundsätzlich alles der menschlichen Erkenntnis zugänglich sei. Ein namhafter Naturwissenschaftler, der dies als Illusion beschrieb, war der 2014 verstorbene frühere Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Physik Hans-Peter Dürr. „Unser wissenschaftliches Denken ist wie alles Denken immer fragmentierend und analysierend. Alles, was wir untersuchen und verstehen wollen, zerlegen wir“, schrieb er. Damit aber werde ein tieferer Zusammenhang verletzt. Dürrs Denken war von der Quantenmechanik, den Erkenntnissen von Physikern über den Mikrokosmos geprägt, die besagen, dass Licht und Materie sowohl Teilchen- als auch Wellencharakter haben. Die Eindeutigkeit, die sich Menschen für gewöhnlich wünschen, gibt es in dieser Welt nicht. Was Menschen als Wirklichkeit begreifen, hängt nach Dürrs Aussagen davon ab, wie und mit welchen Hilfsmitteln sie wahrnehmen und erkennen.

Vor diesem Hintergrund könnte ein Mensch als aufgeklärt bezeichnet werden, der um seine Grenzen weiß und dadurch vor Überheblichkeit geschützt ist. Der Weg dorthin führt gleichwohl über die Erkenntnis beziehungsweise das Bemühen, sich der Wahrheit anzunähern, über das der Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781) dies geschrieben hat: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“

Ein Beispiel für eine Möglichkeit, den Aufklärungsgedanken auf das Leben im 21. Jahrhundert zu übertragen, liefert die Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für Selbstbestimmung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit sowie kritische Rationalität stark macht. Giordano Bruno war ein italienischer Priester und Philosoph, der im 16. Jahrhundert lebte und als vermeintlicher Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete. Er bekannte sich unter anderem zu der Vorstellung, dass das Weltall unendlich sei und dass es auch auf anderen Planeten Lebewesen gebe. Dem Dogma der Sonderstellung der Menschheit und der Erde erteilte er damit eine Absage. Die Giordano-Bruno-Stiftung begreift den Menschen vor dem Hintergrund der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht mehr als Krone der Schöpfung, sondern als unbeabsichtigtes Ergebnis der natürlichen Evolution. Sie plädiert für ein Weltbild, das im Einklang mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen steht.

Solche Forschungsergebnisse haben es für Verfechter des Gedankens der Ausnahmestellung und Einzigartigkeit des Menschen zunehmend schwerer gemacht, ihre Position zu behaupten. Der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth hat mit Blick auf den Forschungsstand darauf hingewiesen, dass der Mensch den Tieren zwar bei allen Formen des Lernens, der Gedächtnisbildung und des Denkens weit überlegen sei, dass es beim Menschen aber nichts gebe, was nicht in Vorstufen auch bei Tieren vorkomme. Auch Tiere können planen und zusammenarbeiten, Werkzeuge herstellen und nutzen.

Wer sich zur Aufklärung und zum Ideal der Wahrheitssuche bekennt und bereit ist, sich an aktuellen Forschungsergebnissen zu orientieren, wird beim gegenwärtigen Kenntnisstand kaum umhin kommen, als Mensch bescheidener zu werden, sowohl was die Erkenntnismöglichkeiten als auch was die eigene Rolle im großen Ganzen angeht. Wer die Wahrheit sucht, kommt zudem nicht umhin, das Zeitgeschehen, etwa politische Vorgänge und Berichte, kritisch zu hinterfragen und – ganz im Sinne Kants – zu überlegen, welche Interessen, genauer: Machtinteressen dahinter verborgen sein könnten. In unterschiedlichen Gesellschaften gibt es unterschiedliche Weltanschauungen und Interessen. Und überall gibt es die Gefahr, dass Menschen im Interesse bestimmter Gruppen manipuliert, gelenkt und zu bestimmten Zwecken missbraucht werden.

Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Sprache. „Wer die Sprache beherrscht, also die Begrifflichkeiten und Kategorien, in denen wir über gesellschaftlich-politische Phänomene nachdenken und sprechen, hat wenig Mühe, auch uns zu beherrschen“, erklärte der Psychologe Rainer Mausfeld von der Universität Kiel vor einigen Monaten in einem viel beachteten Vortrag mit dem Titel „Warum schweigen die Lämmer?“. Deshalb ist es wichtig, genau über Begriffe und das, was sie vermitteln, nachzudenken. Sie können von Menschen in der gut gemeinten Überzeugung geprägt worden sein, damit eine treffende Beschreibung der Wirklichkeit zu liefern. Ebenso gut können sie jedoch entwickelt worden sein, um mit dem Ziel der Durchsetzung eigener Interessen bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen zu erzeugen. Dieselben Menschen können zu Aufständischen oder Freiheitskämpfern erklärt werden, je nach Blickwinkel und Interessenlage.

Politische Aussagen enthalten häufig Begriffe, die bestimmte Personen und Denkansätze von vornherein in ein zweifelhaftes Licht rücken. Haben Menschen zum Beispiel immer wieder erfahren, dass jemand als Populist, Verschwörungstheoretiker oder Putinversteher bezeichnet wird, werden sie ihm und den Ansichten, die er vertritt, am Ende mit großen Vorbehalten begegnen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinen Aussagen wird nicht stattfinden – auch wenn diese im Dienste der Sache nötig wäre. Mausfeld spricht im Zusammenhang mit solchen Vorgängen von Meinungsmanagement.

Wie solche Mechanismen funktionieren, hat der Schweizer Historiker Daniele Ganser erfahren, der mit seiner Doktorarbeit über Geheimarmeen der NATO bekannt wurde und mit seinen Zweifeln an den ermittelten Ursachen der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA ins Abseits geriet – ein Abseits, das es aus wissenschaftlicher Sicht gar nicht geben dürfte. Wissenschaft ist Wahrheitssuche, und wer diese ernsthaft betreibt, muss Spuren folgen, die er zu erkennen meint.

Das Scheitern gehört zur Wissenschaft, Denkverbote nicht. Sie verhindern Erkenntnisgewinne und damit auch Möglichkeiten, als Gemeinschaft Herausforderungen besser bewältigen und Fortschritte erzielen zu können. Im Sinne der Machtpolitik mag es nützlich sein, Menschen zu manipulieren. Im Sinne der Aufklärung ist es nicht. Sich dies bewusst zu machen ist heute genauso wichtig wie zu den Zeiten Kants, Lessings und Wielands. Aufklärung tut noch immer not.

FOTO: 123RF

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