Karl Marx im Osten

Wie Marx über Chemnitz kam

In der ehemaligen DDR hieß Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Während Marx heute Teil der Kultur und Vermarktung der Stadt geworden ist, speilte der Name für die Bewohner in der DDR eher eine untergeordnete Rolle.
30.04.2018, 15:13
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Von Peter Gärtner
Wie Marx über Chemnitz kam

Ingrid Mössinger, ehemalige Direktorin der Kunstsammlung Chemnitz.

Ralf Herzig

Karl Marx in der Marktwirtschaft – das passt eigentlich nicht. In Chemnitz, dem früheren Karl-Marx-Stadt, versucht gerade Nicolle Schwabe, aus Marx Kapital zu schlagen: mit Gerstensaft. „Marx-Städter“ nennt sich die Biermarke, die jetzt zum 200.Geburtstag des Denkers die Theken der Stadt erobern soll.

„Einige Brauereien haben hier dichtgemacht“, sagt die Geschäftsführerin der Chemnitzer Privatbrauerei. „Da wollten wir mal etwas Neues versuchen.“ Herausgekommen ist ein Pils – „massentauglich“, wie sie noch hinzufügt. Und wie schmeckt das Marx-Städter? „Gerade von den jungen Leuten wird es stark angenommen“, berichtet Bierkutscher Lutz Klein. „Gut gehopft“, sei es. „Die Älteren gehen mit dem Namen mittlerweile auch recht entspannt um.“

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Das war nicht immer so. „Der Name Karl Marx ist uns damals einfach übergestülpt worden“, sagt Edeltraud Höfer, die kurz nach der Umbenennung in Karl-Marx-Stadt geboren wurde. Für die Gästeführerin ist Marx noch immer ein Thema, denn für viele Chemnitz-Besucher ist der große Denker aus Trier eng mit der Stadt verbunden, die er nie besucht hat. Gleichwohl beschloss die Partei- und Staatsführung der DDR im April 1953 kurzerhand, den jahrhundertealten Namen Chemnitz zu streichen. In einem Flugblatt an die „Einwohner unserer Industriestadt“ wenige Tage vor dem 10. Mai 1953 heißt es: „Das ist eine große Auszeichnung und Ehre für alle Einwohner, dass unsere Stadt den Namen des größten Sohnes des deutschen Volkes, Karl Marx, erhält.“

Das Karl-Marx-Monument an der Straße der Nationen.

Das Karl-Marx-Monument an der Straße der Nationen.

Foto: Ralf Herzig

Chemnitz sollte gar nicht umbenannt werden

Tatsächlich war es eine Verlegenheitslösung. Denn nicht die drittgrößte sächsische Stadt sollte nach Marx benannt werden, sondern die neue sozialistische Wohnstadt, die damals um das Eisenhüttenkombinat-Ost in Brandenburg gebaut wurde. „Doch dann starb Stalin“, sagt Höfer, „und die Musterstadt (heute Eisenhüttenstadt, die Red.) erhielt seinen Namen, Marx aber blieb übrig.“ Und weil sich die Messestadt Leipzig, aus der der damalige SED-Chef Walter Ulbricht stammte, tapfer gegen eine Umbenennung wehrte, traf es „Ruß-Chemnitz“ oder das „sächsische Manchester“, wie die Stadt mit ihren zahlreichen Schloten aus der Blütezeit der Industrie auch genannt wurde.

Mit dem Bau von Lokomotiven, Autos, Industriemaschinen und Werkzeugen war Chemnitz im vergangenen Jahrhundert zu einer der wichtigsten Wirtschaftsmetropolen des Deutschen Reichs aufgestiegen. Trotz starker Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde hier auch zu DDR-Zeiten über ein Viertel der Industriewertschöpfung des Landes erzielt, ein Großteil für den Westmarkt. Die zahlreichen Facharbeiter waren die einzige nachvollziehbare Brücke zum Theoretiker des Proletariats.

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„Warum hieß die Stadt denn mal nach Marx?“, ist eine der Fragen, die die Stadtführerin vor allem jüngeren Besuchern beantworten muss. „Am meisten interessiert aber die Gäste“, sagt Frau Höfer, „wie wir den Namen wieder losgeworden sind.“

Das ging dann recht schnell. In der „aufgeregten Zeit“ der friedlichen Revolution der DDR habe gleich die erste Bürgerinitiative das Thema aufgegriffen, erinnert sich Udo Lindner, Stellvertretender Chefredakteur der Chemnitzer „Freie Presse“. Am Ende stand im April 1990 eine Bürgerbefragung, bei der sich 76 Prozent für die Rückbenennung entschieden und 23 Prozent dagegen. „Ganz auslöschen“, schrieb das Blatt damals prophetisch, „lassen sich die 37 Jahre Karl-Marx-Stadt nicht.“

Frank Maibier (links) und Ronald Weise betreiben das alternative Kulturhaus Weltecho.

Frank Maibier (links) und Ronald Weise betreiben das alternative Kulturhaus Weltecho.

Foto: Ralf Herzig

Umbenennung spielte nur eine untergeordnete Rolle

Tatsächlich spielte die Umbenennung in der DDR ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. „Wir fahren in die Stadt oder wir fahren nach Chams“, hieß es stets. „Karl-Marx-Stadt hat niemand im privaten Umfeld gesagt.“ Und Chemnitz, sagt Lindner, blieb auch die „Stadt mit Köpfchen“, wie in den neunziger Jahren in Anspielung auf die vielen Ingenieure und das Karl-Marx-Denkmal geworben wurde. Denn ein Abriss der monumentalen, 40 Tonnen schweren Bronzebüste im Zentrum der Stadt habe nie ernsthaft auf der Tagesordnung gestanden.

Seit Oktober 1971 blickt der „Nischel“ (sächsisch für Kopf) etwas finster über den tristen Platz mit der Stadthalle, der von breiten Verkehrsschneisen umgeben ist. „Er schaut so grimmig“, spotteten die Leute zu DDR-Zeiten, „weil er mit seinem Nischel nicht in den Intershop gegenüber hineinpasst.“ Eigentlich sah der ursprüngliche Beschluss des SED-Politbüros die Schaffung einer stehenden, den Platz dominierende Marx-Figur vor, berichtet Lindner. Doch dann ließ sich Ulbricht vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel mit dem Satz überzeugen, „aus seinem Gesicht müssen seine Ideen und ihre Verwirklichung ablesbar sein.“

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Zur Einweihung war dann auch Ulbricht schon Geschichte. Der neue SED-Generalsekretär Erich Honecker erklärte damals, wer wissen wolle, wie der Marxismus auf deutschem Boden lebendige Wirklichkeit geworden sei, „der mag in diese Stadt kommen.“

Über so einen Satz kann Ingrid Mössinger nur energisch den Kopf schütteln. Für die Kunsthistorikerin ist Chemnitz eine bedeutende Kulturstadt, der wohlhabende Unternehmer einst „ein ihren wirtschaftlichen Erfolgen entsprechendes ästhetisches Gewand gegeben haben“. Architekten und Designer wie Erich Mendelsohn und Henry van de Velde erhielten hier bedeutende Aufträge. Der Maler Karl Schmidt-Rottluff wurde in Chemnitz geboren, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner gingen hier zur Schule.

Stadtführerin Edeltraud Höfer vor dem Marx-Engels-Denkmal von Walter Howard von 1957.

Stadtführerin Edeltraud Höfer vor dem Marx-Engels-Denkmal von Walter Howard von 1957.

Foto: Ralf Herzig

Auf Produktion reduziert

„Dresden galt als Kulturstadt, Leipzig als Messestadt – Chemnitz wurde hingegen in der DDR auf Produktion reduziert, fast 40 Jahr lang“, sagt die aus Stuttgart stammende Mössinger, die nach 22 Jahren die Kunstsammlungen Chemnitz verlässt. „Ich habe es all die Jahre als meine größte Aufgabe gesehen, wieder freizulegen, was vergessen war und der Stadt mit dem Museum zu einem neuen Selbstbewusstsein zu verhelfen.“ Das ist ihr mehr als gelungen, und die Stadt Chemnitz kürte sie gerade zur Ehrenbürgerin.

Aus der Zeit des Werkbunds stammt das heutige Agricola-Gymnasium, bis 1990 war es die „EOS (Erweiterte Oberschule) Karl Marx“. Im Unterricht, sagt Deutschlehrerin Bärbel Eichelkraut, spiele der Protagonist der Arbeiterbewegung überhaupt keine Rolle. „Ältere Kollegen wissen natürlich noch viel. Aber es wird nicht vermittelt.“

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Gegenüber der Schule, etwas versteckt hinter Buschwerk steht eine vergleichsweise kleine Skulptur, die Marx gemeinsam mit Friedrich Engels zeigt. Das Denkmal auf dem früheren Karl-Marx-Platz (heute Park der Opfer des Faschismus) schenkte die DDR-Staatsführung 1957 der Stadt. Angesprochen auf die Skulptur fällt heutigen Gymnasiasten allenfalls das Gespenst ein, das in Europa umgeht. Aber worauf sich der erste Satz des Kommunistischen Manifests bezieht, lässt sie nur ratlos mit den Schultern zucken.

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