Regisseur Burhan Qurbani über seinen Rostock-Lichtenhagen-Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ „Wir wollten die Opfer nicht romantisieren“

Mit „Wir sind jung. Wir sind stark“ läuft seit Donnerstag ein Film in den Kinos, der die Ereignisse thematisiert, die unter dem Stichwort „Rostock-Lichtenhagen“ in die jüngere deutsche Geschichte eingegangen sind.
26.01.2015, 00:00
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Mit „Wir sind jung. Wir sind stark“ läuft seit Donnerstag ein Film in den Kinos, der die Ereignisse thematisiert, die unter dem Stichwort „Rostock-Lichtenhagen“ in die jüngere deutsche Geschichte eingegangen sind. Vom 24. auf den 25. August 1992 zündete ein wütender Mob – darunter viele Jugendliche – ein Asylbewerberheim an, in dem sich 120 Vietnamesen, städtische Angestellte und ein ZDF-Team befanden. Samstagabend hat der Regisseur Burhan Qurbani seinen Film in der Schauburg vorgestellt – Iris Hetscher hat im Vorfeld mit ihm gesprochen.

Herr Qurbani, Sie haben fünf Jahre an Ihrem Film gearbeitet. Wie schwierig war es für Sie, sich in die Rollen Ihrer jugendlichen Hauptpersonen hinein zu versetzen?

Burhan Qurbani: Wir beschreiben ganz normale Kids, von daher war das nach einer Weile gar nicht mehr schwierig. Die Dynamik, in die diese Gruppe im Laufe dieser 24 Stunden hineingerät, konnten mein Autor Martin Behnke und ich total gut nachvollziehen. Martin Behnke ist nach der Wende in Ost-Berlin aufgewachsen, und er beschreibt, wie diese ganze Attitüde, die rechten Tendenzen, sich nach und nach eingeschlichen haben. Das war auch in seinem Freundeskreis so, der sich dann gespalten hat.

Die Jugendlichen wirken wie eine sprachlose Generation.

Ich denke, sie sind nicht sprachlos, aber es hat Ihnen niemand zugehört, und sie sind deshalb frustriert. Im Film kommt eine Szene vor, da wird der Hauptakteur Stefan gefragt, ob er „links“ oder „rechts“ sei. . .

. . .und er antwortet darauf: „Ich bin normal“.

Genau. Damals gab es eine Art Einteilungszwang, wahrscheinlich, weil nach der Wende dieses Werte-Vakuum da war: Es gab keine Vorstellung davon, was man sein könnte in diesem neuen Deutschland. Und die Elterngeneration war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihren Kindern nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Die zweite Perspektive im Film gehört den vietnamesischen Arbeitern. Auch hier ist die Hauptfigur Lien durchaus jung und stark; sie ist kein geborenes Opfer.

Lien ist nicht von Anfang an eine Sympathieträgerin – auch von ihr kommen rassistische Sprüche gegen die „Zigeuner“, die vor dem Haus campieren. Wir wollten die Opfer dieses Tages nicht romantisieren. Während der Recherche haben Martin Behnke und ich viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt, da ist klar geworden: Die Vietnamesen haben sich schon über die Asylsuchenden geärgert – auf einmal wurde nur noch verallgemeinernd von „den Ausländern“ gesprochen. Vor der Wende waren die Vietnamesen zwar nicht komplett integriert, aber es gab ein relativ friedliches Nebeneinander mit den Deutschen.

Devid Striesow spielt Stefans Vater, einen überforderten Lokalpolitiker. Er versucht verzweifelt, den Kontakt zu seinem Sohn nicht zu verlieren. War diese Rolle in ihrer Intensität so geplant?

Ursprünglich wollten wir zeigen, wie Vater und Sohn aneinander vorbei leben und keine Worte mehr füreinander haben. Doch Devid Striesow hat sofort in der ersten Szene, die wir mit ihm und Jonas Nay als Stefan gedreht haben, eine andere Note hereingebracht: Da ist schon noch viel, viel Liebe da. Er möchte sich wirklich kümmern, aber kommt einfach nicht an Stefan heran. Auch, weil er selbst gerade in einen Machtkampf in seiner Partei verwickelt ist.

Es gibt eine Szene mit Devid Striesow vor dem Asylbewerberheim, da schreit er verzweifelt „Wir sind das Volk, keine Gewalt“, und die Randalierer machen daraus „Wir sind das Volk, Ausländer raus“. Da ist Ihr Film unfreiwillig sehr aktuell.

Als wir den Film in Dresden präsentiert haben, haben die Zuschauer sehr emotional reagiert, einige haben weinend das Kino verlassen, weil sie für so etwas derzeit natürlich ein ähnliches Potenzial sehen in ihrer Stadt. Wir haben den Film ja gemacht, um an ein Ereignis zu erinnern, das beinahe schon vergessen war. Dann von der Realität eingeholt zu werden, ist schon bitter.

Es gibt drei Flaschen sammelnde Kinder, die man immer wieder sieht. Steht dieses Trio für die nächste verlorene Generation?

Ja, das ist die Generation Lichtenhagen. Wir wollten den Film nicht in dieser Zeit verharren lassen, sondern zeigen, dass die Steine, die in Rostock geflogen sind, heute woanders fliegen oder fliegen könnten.

„Wir sind jung. Wir sind stark“ bis Mittwoch, 21.15 Uhr, Schauburg

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