Bremen

Wundertüte voller Wissen

Wenn Finja Wege das Bilderbuch hervorholt, wird es ruhig bei den Löwen. Immer vor der Mittagsstunde ist in der Krabbelgruppe Zeit für das Vorlesen.
13.11.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wundertüte voller Wissen
Von Catrin Frerichs

Wenn Finja Wege das Bilderbuch hervorholt, wird es ruhig bei den Löwen. Immer vor der Mittagsstunde ist in der Krabbelgruppe Zeit für das Vorlesen. Die Zwei- bis Dreijährigen kuscheln sich dann zu der 19-Jährigen aufs Sofa und hören zu. „Diese Vorlesezeit hilft den Kindern, vor dem Schlafengehen ruhiger zu werden“, sagt die Bremerin. Bevor sie in diesem Jahr ihr Studium an der Universität Hannover begonnen hat, absolvierte Finja Wege ein Freiwilliges Soziales Jahr in den Kindergruppen Regenbogen in Findorff. Erfahrung mit dem Vorlesen hat sie schon vorher gesammelt – etwa beim Babysitten der Kinder von Freunden und der Familie oder in der Martin-Luther-Gemeinde, wo sie manchmal Bibelgeschichten vorliest.

Das Vorlesen ist eine besondere Situation, findet Finja Wege. Es schaffe Nähe, die Kinder bauten dabei Vertrauen auf. Dabei geht es nicht allein ums Zuhören, sagt die Studentin. „Die Kinder stellen auch viele Fragen, zum Beispiel zu den Maschinen in Büchern über Baustellen“, sagt sie. Und so reden sie gemeinsam darüber, wie ein Schaufelbagger funktioniert, wieviel er wohl wiegt und warum er so schön bunt ist.

Wie wichtig das Vorlesen für die kindliche Entwicklung ist, weiß Sven Nickel. Er ist Professor für Sprachdidaktik und Literatur an der Universität Bremen und bildet dort Frühpädagogen und angehende Deutschlehrer aus. Das Vorlesen, bestätigt er, „ist eine emotional stabile Situation und sehr wichtig für die Lernentwicklung“. Kinder, denen oft vorgelesen wird, verfügen über einen deutlich höheren Wortschatz. Der Grund dafür: Die Wortwahl in Kinderbüchern ist vielfältiger und differenzierter als im alltäglichen Sprachgebrauch. Im Alter von 18 Monaten beginnt bei Kindern das, was Sven Nickel „Wortschatzspurt“ nennt. Kennen die Mädchen und Jungen bis dahin um die 50 Wörter, lernten sie von da an rasant dazu – bis zu zehn neue Wörter am Tag. Wer täglich nur zehn Minuten vorliest, fördert Kinder damit nachhaltig. Mit den Büchern entwickeln Kinder zudem ein Gefühl für Reime und Sprachspielereien, sagt Nickel. Auch die in der Literatur verwendete Vergangenheitsform, das Präteritum, können Kinder nur richtig lernen, wenn ihnen vorgelesen wird.

Enorm wichtig für die Sprachbildung ist das dialogische Vorlesen. „Es zählt zu den erfolgreichsten Instrumenten zur Sprachförderung an Grundschulen“, sagt Nickel. Bücher werfen Fragen auf, wie auch das Beispiel der Findorffer Löwengruppe zeigt. Da geht es um Großbaustellen oder Meerestiere, um fiktive Personen, um ihr Lebensumfeld, ihre Sorgen und ihre Gefühle. „Beim dialogischen Vorlesen kommt man miteinander ins Gespräch, Kinder erweitern dadurch nicht nur ihr Wissen über die Welt, sondern auch ihre Ausdrucksfähigkeit“, sagt Nickel. „Sprache lernt man nur durchs Sprechen.“ Beim Vorlesen lernten die jungen Zuhörer zudem, sich einzufühlen und schulten ihre Fähigkeit zur Empathie. Manche Geschichten können Kindern dabei helfen, bestimmte Lebenssituationen besser zu bewältigen. Die Angst vor dem Alleinsein etwa, vor Monstern unter dem Bett, vor dem ersten Schultag, vor einem Streit mit dem besten Freund oder dem Tod des Meerschweinchens.

Wer regelmäßig vorliest, bewirkt sogar noch mehr: etwa die Fähigkeit von Kindern, selbst Geschichten zu erzählen. Bei Episodenerzählungen lernen Kinder die Handlung weiterzudenken und sich so eine mögliche Fortsetzung zu erschließen. Ist sieben viel? Diese Frage stellt Autorin Antje Damm in ihrem gleichnamigen Kinderbuch. Die Antwort: Alles eine Frage der Perspektive, denn es kommt darauf an, ob man sieben Kugeln Eis oder sieben Legosteine in der Hand hält. Und, schon wieder was gelernt.

Bei all diesen Vorteilen ist das Vorlesen zudem nichts, das man Kindern aufzwingen müsste. Neun von zehn Kindern lieben es, wenn ihnen jemand etwas vorliest, wie die aktuelle Vorlesestudie 2016 belegt. Bereits zum zehnten Mal veröffentlichten die Stiftung Lesen, das Institut für Lese- und Medienforschung, die Zeitschrift „Die Zeit“ und die Deutsche Bahn Stiftung im Oktober die Studienergebnisse. Mehr als 90 Prozent der befragten Kinder zwischen fünf und zehn Jahren wollen das Vorlese-Ritual nicht missen – egal, welchen Bildungstand die Eltern haben oder welche Sprache zu Hause gesprochen wird. Fast jedes dritte Kind wünscht sich noch mehr gemeinsame Lesezeit. Dagegen stehen 30 Prozent Eltern, die ihren Kindern zu selten vorlesen, belegt die Studie.

Oftmals bleibt das Vorlesen Sache der Mütter. „Lesen ist aber ein Alle-Mann-Manöver“, sagt Ulrike Hövelmann, die 2003 den Verein Bremer Leselust gründete. Die 62-Jährige ist derzeit viel auf Achse. Die Bremer Leselust unterstützt viele Projekte zur Leseförderung – etwa das „Zeitung in der Schule“-Projekt des WESER-KURIER. Am 18. November steht wieder der bundesweite Vorlesetag an, dafür will Hövelmann die Bremer aktivieren. In Kitas, Schulen und sogar Einkaufszentren lesen Kinder und Erwachsene anderen vor. Bremen ist offenbar ein gutes Vorlese-Pflaster: Im vergangenen Jahr wurde die Stadt zur bundesweiten Vorlesehauptstadt gekürt. Mitmachen kann jeder. Zur Titelverteidigung muss die Aktion auf der Homepage www.vorlesetag.de eingetragen werden.

„Das Tolle ist, dass es in Bremen eine riesige Unterstützung gibt“, sagt Hövelmann, der für ihr Engagement im Oktober das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Ihre Botschaft ist offensichtlich angekommen: Lesen ist eine Schlüsselqualifikation. „Wer nicht sinnentnehmend lesen kann, hat keine gesellschaftliche Teilhabe“, ist Hövelmann überzeugt. „Der versteht weder Matheaufgaben noch den Beipackzettel eines Medikaments.“

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