Straßen in Bremen Zuhause bei Karl Marx

In Bremen gibt es eine Karl-Marx-Straße. Fritz Bolte wohnt hier und erzählt von der bewegten Geschichte der Straße und seinem eigenen Bezug zum deutschen Philosophen.
30.04.2018, 15:25
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Zuhause bei Karl Marx
Von Jürgen Hinrichs

An dieser Stelle treffen sie wieder aufeinander, Karl Marx und Friedrich Engels. Auf dieser Kreuzung geben sie sich sozusagen die Hand. Nicht persönlich natürlich, sondern im übertragenen Sinn. Auf der einen Seite ist es die Karl-Marx-Straße, auf der anderen die Friedrich-Engels-Straße. Eine Verbindung, die auf 1600 Metern durch halb Habenhausen führt. Marx und Engels, hier sind sie in Bremen seit 40 Jahren vereint, als damals auf freier Wiese die Siedlung mit Reihenhäusern entstand.

Es ist ein Teil der Stadt, in dem nicht besonders viel los ist und auch nicht sein soll, die Leute wollen ihre Ruhe. Viele von ihnen wohnen von Anfang an in den Häusern, sie sind mit ihnen alt geworden. Die Gärten sind gepflegt, darauf wird offenbar wert gelegt. Ein bürgerliches Quartier, ordentlich, auch ein bisschen langweilig. Nichts jedenfalls, was sich auf den ersten Blick mit den revolutionären Gedanken von Marx und Engels verbinden ließe. Auf den zweiten aber schon, denn da ist ja Fritz Bolte.

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„Ich war der erste Kommunist in der Karl-Marx-Straße“, sagt der 79-Jährige. 1978 war das, als er das neue Haus bezog. Auch einer von den Pionieren der Siedlung. Dass ein Mann mit seiner Gesinnung so eine Adresse bekommt – „da habe ich mich natürlich riesig gefreut“.

Schon der Vater war Kommunist

Kommunist war schon sein Vater, er wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und saß wegen seiner politischen Überzeugung im Gefängnis. Sohn Fritz wollte zur Freien Deutschen Jugend (FDJ), die es nach dem Krieg auch in Westdeutschland gab, doch dann wurde die Organisation verboten. Später wollte er in die KPD – verboten. „Das hat mich damals schon geprägt“, erzählt Bolte. Vollends verzagen kam aber nicht in Frage. 1968 gehörte Bolte in Bremen zu den Gründern der DKP. Heute ist er bei den Linken und führt dort die Landesarbeitsgemeinschaft der Senioren an.

Die Bände von Karl Marx hat er komplett im Regal stehen. „Schwieriger zu lesen als Engels“, findet Bolte. Vor zwei Monaten hat er eine Fahrt nach Hamburg organisiert, zu einer Sonderausstellung im Museum der Arbeit: 150 Jahre „Das Kapital“, das Hauptwerk von Marx. Der Rentner, er war Schlosser von Beruf, erzählt von Ware und Mehrwert, die Rolle der Arbeitskraft und des Kapitals, von den großen Zusammenhängen eben, die der Philosoph hergestellt hat. „Hunderte, Tausende von Professoren, die seine Lehre ausgelegt haben und oft auch widerlegen wollten, viele dieser Leute gibt es heute nicht mehr; die Schriften von Marx sind dagegen aktueller denn je.“

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Bolte erinnert sich an eine Kampagne der Jungen Union, muss lange her sein. Der CDU-Nachwuchs wollte, dass die Karl-Marx-Straße einen anderen Namen bekommt. Er ist damit nicht durchgedrungen. Oder die Spaßvögel, die sich an einem der Straßenschilder zu schaffen gemacht hatten. Da stand nicht mehr Karl Marx, sondern Karl Murks. Bolte lacht drüber, was soll‘s.

„ich stehe ja eher links als rechts“

Der Rentner hat einen Nachbarn, sie wohnen quasi Wand an Wand, er heißt Heinz Fricke und war mal Chef der Sportredaktion dieser Zeitung. „Die Kollegen haben damals mit beißendem Humor reagiert, als sie erfuhren, dass ich in einer Straße wohne, die nach Karl Marx benannt wurde“, berichtet Fricke. Seine Kinder hätten damit aber gut leben können. Er auch, „ich stehe ja eher links als rechts“.

Was ihn wundert, ist, dass der Straßenname in einem Viertel Verwendung fand, das so durch und durch bürgerlich ist. „Karl Marx – das hätte besser nach Gröpelingen gepasst.“ Nun sei es aber so, „das zieht sich hier jetzt sozialistisch durch“. Marx hat exakt einen Kilometer Straße bekommen, Engels dagegen nur 600 Meter. Auch eine Form von Gewichtung.

Am Rand der Straße stehen Bäume, die schon etwas älter sind. Fricke hat mal einen Vorschlag gemacht, nicht ganz ernst gemeint, „wenn schon“, sagt er, „hätte das hier Karl-Marx-Allee heißen sollen.“

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