Ein historisches Gespräch mit Schauspieler Will Quadflieg über Bühne, Film und Wirklichkeit Zwischen Faust und König Lear

Osterholz-Scharmbeck. Ein Bauernhaus unter alten Bäumen irgendwo im Ländlichen zwischen Bremen und Bremerhaven. „Wer zeitlebens im Rampenlicht stand, hat ein Recht auf Stille“, meint Will Quadflieg, der mich an der Gartenpforte empfängt.
10.07.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Zwischen Faust und König Lear
Von Alice Echtermann

Osterholz-Scharmbeck. Ein Bauernhaus unter alten Bäumen irgendwo im Ländlichen zwischen Bremen und Bremerhaven. „Wer zeitlebens im Rampenlicht stand, hat ein Recht auf Stille“, meint Will Quadflieg, der mich an der Gartenpforte empfängt. Wir waren bei einem Rezitationsabend im Schloss Schönebeck ins Gespräch gekommen. „Besuchen Sie mich mal!“, hatte er gesagt. Es folgten ein Telefonat, Terminabsprache, die Suche nach der versteckten Einfahrt.

Wenig später sitzen wir auf der Diele, die zur großzügigen Bibliothek mit schräg zum First führenden Balken ausgebaut ist. Durch die verglaste Dielentür flutet Licht in den Raum. Bücherregale, ein Flügel, antike Relikte sind mit zeitgemäßen Möbeln kombiniert. Einer der Großen deutscher Schauspieltradition sitzt mir gegenüber. Wie ein guter Nachbar.

Obwohl der Schauspieler Will Quadflieg bereits vor einigen Jahren verstorben ist, scheint mir dieses Gespräch von zunehmender Aktualität. Manche erinnern sich noch an den Fernseh-Mehrteiler „Der Große Bellheim“, in dem er bravourös die Hauptrolle verkörperte. „Das Zusammenspiel mit Mario Adorf und Hans Korte war für mich eine besondere Freude“, sagt Quadflieg. Er hat bereits auf allen wichtigen Bühnen gespielt und mit bedeutenden Schauspielerkollegen zusammengearbeitet. Sechs Jahre unter Gustav Gründgens Regie. Seine Darstellung des Faust und des Mephisto bestätigten seinen Rang als Klassiker des Sprechtheaters. Hamlet, Tasso, Don Carlos, Moliére-Figuren – sein Repertoire scheint unerschöpflich.

Als die Idee der Hörbücher aufkam, gehörte er zu den ersten Sprechern und las „Der Kleine Prinz“ und den „Steppenwolf“ von Hesse. Sechs Jahre gab er den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. Seine Auszeichnungen reichen vom Bundesverdienstkreuz bis zur Golden Kamera und dem Adolf-Grimme-Preis. Für seinen aktiven Einsatz im bürgerlichen Widerstand steht der Friedenspreis der Villa Ichon ebenso wie der Lew-Kopelew-Preis.

Meine Frage nach seiner Laufbahn schiebt er mit einer lässigen Geste beiseite. „Vergangenheit! Nehmen Sie Zucker zum Kaffee?“ Er reicht mir die Zuckerdose. „Im Herbst spiele ich wieder im Thalia Theater den König Lear.“ Ich wollte ihn für eine Faust-Abend gewinnen. So war unser Thema vorgegeben. „In den Figuren Faust und Mephisto spiegeln sich Goethes eigene janusköpfige Existenz“, ist Quadflieg sicher. Jede angesprochene Zeile ergänzt der Schauspieler durch den vollständigen Textteil. So entwickelt er den Osterspaziergang „Vom Eise befreit“ als selbstzufriedenes, bürgerliches Ideal. Die Szene im Studierzimmer „Habe nun, ach! Philosophie“ taucht er mit nuanciertem Sprachvermögen in eine fast körperlich spürbare Atmosphäre von Düsternis und Zweifel. Er sitzt nur und rezitiert, aber seine Sprache zaubert Bilder von beklemmender Dichte. Ohne jede Theatralik.

„Der Versuch einer Selbstfindung“, meint der Schauspieler, nachdem er die Szene beendet hat. Zwischen der Niederschrift und heute liegen fast 180 Jahre, wende ich ein. Entfernt sich die Kunst nicht von der heutigen Wirklichkeit? „Eben nicht!“, protestiert Quadflieg. „Den Einwand lass ich nicht gelten. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen im Menschen findet sich in Goethes Figuren zeitlos aktuell formuliert. Zu dem Schrecklichen und Bösartigen, was uns die Medien täglich ins Wohnzimmer bringen, ein Zitat aus dem Faust: Er nennt's Vernunft und braucht's allein nur tierischer als jedes Tier zu sein! Aktueller kann man es kaum ausdrücken.“ An andere Stelle im Faust II findet sich eine neurologisch präzise Beschreibung der endogenen Depression: „Soll er gehen, soll er kommen? Der Entschluss ist ihm genommen. Auf gebahnten Weges Mitte wankt er tastend halbe Schritte. Er verliert sich immer tiefer, siehet alle Dinge schiefer.“ Bis zur Zeile „Glück und Unglück wird zur Grille, er verhungert in der Fülle, halber Schlaf und schlecht Erquicken“ rezitiert mein Gegenüber mühelos den Seelenzustand des Depressiven.

Wie stehen Sie zum Fernsehen? „Man will informiert sein. Am liebsten sehe ich Fußball. Vielleicht deshalb, weil dort nach festen Regeln gespielt wird, die jeder akzeptiert.“ Bei einer problembeladene Welt, welchen Rat kann ergeben? „Ich maße mir keine Empfehlung an. Aber nach meiner Beobachtung sollte für alle, vom Politiker über die Macher der Medien bis hin zum Normalbürger gelten: Geht verantwortungsbewusst mit Sprache um! Die zunehmende Spracharmut, ihre Deformierung zur Floskel, macht sie für echte Problemlösungen stumpf. Sprachlosigkeit fördert Aggression. Dagegen kann das verantwortungsbewusste Gespräch die Gewaltbereitschaft mindern.“

Für die Ausgabe DIE WOCHE · MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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