Appelner Ansichten Auf den Spuren von einst

„Appelner Ansichten“: Bilder von Fritz Dehn und Maria Mißelhorn-Dehn aus Privatbesitz geben Einblicke ins Dorfleben der Vergangenheit und und die Geschichte der Familie Höllings.
05.07.2022, 18:37
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulf Buschmann

Appeln. Matthias Höllings kommt ein wenig ins Schleudern. Eigentlich ist das nicht die Art des Journalisten. Doch wenn er seinem Enkel Frederik die drei Generationen zurückreichende Familiengeschichte erzählen soll, muss Matthias Höllings wirklich überlegen. Dann hat er die Erinnerung sortiert: Auf dem Bild links ist seine Mutter Ursula Höllings verewigt. Sie ist eine geborene Mißelhorn. Und dann sind da noch Heinrich und Emelie Mißelhorn, geborene Rose, zu sehen. Sie sind die Eltern von Ursula Höllings – und von Maria Mißelhorn, also Matthias Höllings’ Tante.

Spätestens jetzt dürfte Kunstkennern ein Licht aufgehen. Maria Mißelhorn heiratete Fritz Dehn und hieß von diesem Zeitpunkt an Maria Dehn-Mißelhorn. Das Paar gehörte mit ihren Ansichten des kleinen Dorfs Appeln in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert zu den Malern, die nicht nur regional, sondern im ganzen Land etwas zu sagen hatten. Maria Dehn-Mißelhorn und Fritz Dehn lebten und wirkten in dem Haus, in dem sich die von ihrem Vater aufgebaute Molkerei befand.

Werkschau

Heute gehört es Barbara Sütterlin, Helga Stienecke und Johann Hamm – dieses Trio lebt dort in einer Wohngemeinschaft. Doch der Kontakt zur Familie Mißelhorn ist bis heute nicht wirklich abgerissen. Eine der noch lebenden Töchter des Künstlerpaares, Gunda Runge, lebt zwar heute in Berlin. Doch sie kommt immer mal wieder nach Appeln. So entstand schon 2019 die Idee, eine kleine Werkschau für die Menschen des Dorfes zu veranstalten. Die gab es an den vergangenen beiden Wochenenden. „Appelner Ansichten“ nannte sie sich.

Genau genommen war die Werkschau zu Beginn lediglich ein Bild, das es bei Gunda Runge gab. Also machten sich die heutigen Eigentümer des schmucken Anwesens mit seinem riesigen Garten auf und fragten die Menschen des Dorfes. Bei einem Schnack mit Kaffee und Kuchen waren die Appelner schnell für die Sache gewonnen. „Das war überhaupt kein Problem“, denkt Helga Stienecke an die Gespräche zurück. Jeder habe irgendwie ein Bild von Maria Dehn-Mißelhorn und Fritz Dehn an der Wand. Also brachten die Menschen ihre privaten Kunstwerke rüber zur Dreier-Wohngemeinschaft.

Zu diesem Zeitpunkt war längst auch Matthias Höllings mit im Boot. Glücklicherweise gehört er zur jener Kategorie von Menschen, die nichts wegwerfen können. Und so hat er die Privatausstellung mit kleinen Exponaten angereichert, die nicht nur einen sehr privaten Einblick in das Leben des Künstler-Ehepaares geben, sondern weit darüber hinaus das Leben in Appeln zwischen 1900 und 1980 – dem Todesjahr von Maria Dehn-Mißelhorn – in das Hier und Heute  zurückholen. Dass Familie Höllings als Ganzes in den „Appelner Ansichten“ auch in die eigene Familiengeschichte eintaucht, kommt hinzu.

Finger in der Pforte

Matthias Höllings gibt denn auch gleich beim Betreten des Hauses die erste Anekdote zum Besten. Drei Bilder im Windfang zeigen das Grundstück gegenüber. Dort sah es natürlich bei der Entstehung des Werkes ganz anders aus. Auf einem der Motive ist eine Pforte zu sehen. Die habe es schon gegeben, als der Bruder noch klein und Matthias noch gar nicht geboren war. Der große Bruder erinnere sich noch heute daran, wie er sich eben an dieser Gartenpforte die Finger eingeklemmt habe.

Diese Anekdote und die Bilder lassen den Besucher in die Vergangenheit einer ganzen Region eintauchen. Aber es gibt noch mehr – eine Mischung zwischen Kunst- und Zeitgeschichte. So hat Matthias Höllings alte Rechnungen und Lieferscheine aufgetan. „Fritz konnte sich kein Papier leisten. Also hat er das genommen, was da war und seine Entwürfe auf die Rückseite gescribbelt“, sagt Matthias Höllings.

Überfall auf Hut-Salon

Zwei schöne Beispiele: Auf der Rückseite einer Milchlieferliste der Bauern an die Molkerei ist die Szene eines Überfalls auf einen Hut-Salon zu sehen. Darunter: ein Mann im Gespräch mit Kindern. Ein anderes Dokument zeigt einen Mann mit einem Huhn auf den Armen. Die Geschichten zu den Dokumenten liefert Matthias Höllings dazu: Als die älteren Leute aus dem Dorf die Liste der Bauern durchgegangen sind, haben sie ihm erzählt, welche Familie sie kennen. Eine Rechnung von J.W. Döscher aus Beverstedt verrät, was Fritz Dehn dort alles per 1. April 1911 eingekauft hat. Übrigens gibt es die Firma noch immer.

Nach dem Rundgang erzählt Matthias Höllings, dass er selbst nie im Haus seiner Tante und seines Onkels gewesen sei. Aber: „Für mich ist das irre, in den Räumen herumzulaufen, in denen die Verwandtschaft ihr Leben zugebracht hat.“ Und: „Ich bin mit den Bildern groß und alt geworden. Jetzt habe ich sie dorthin gebracht, wo sie entstanden sind.“ Inzwischen sind die Kunstwerke wieder bei ihren heutigen Besitzern.

Vorher versammelt sich die Familie noch einmal unter den Gemälden ihrer Ahnen. Auf diese Weise haben die Höllings fünf Generationen versammelt – neben Enkel Frederik sind nämlich auch Matthias Höllings’ Frau Frauke Wegener-Höllings, Tochter Miriam und ihr Gatte Ulrich Meyer-Höllings mit von der Partie.

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