Geschäft in Beverstedt Was es mit der Hexenwerkstatt auf sich hat

Ende April wird im Harz die Walpurgisnacht gefeiert, dieses Mal allerdings digital. Wer die passenden Utensilien für Zuhause benötigt, ist in der „Hexenwerkstatt“ in Beverstedt richtig.
27.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Janet Binder

Anja Müller ist an diesem Tag mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Man muss das so betonen. Denn einige Menschen glaubten, dass sie mit dem Besen komme, sagt Müller. „Hexenwerkstatt“ steht groß auf dem Schild an ihrem Geschäft in Beverstedt (Landkreis Cuxhaven). Tatsächlich hängt im Ladeninneren ein Hexenbesen an der Wand. „Festgeschraubt, damit er nicht wegfliegt“, sagt die 56-Jährige verschmitzt und lacht.

Dass Menschen auf die Idee kommen, der Besen könne fliegen, liegt wohl auch daran, dass Magie in der „Hexenwerkstatt“ eine große Rolle spielt. So sind dort „Seherkugeln“, „Magieöle“, „Pflanzengeister“ oder auch „magische Steine“ im Angebot. Dem selbst gemachten „Hexensalz Liebe“ (60 Milliliter für 12,90 Euro) werden auf Müllers Internetseite magische Kräfte zugesprochen: „Vor der Haustür verstreut, lässt es Liebe und Harmonie herein und schützt vor Streit und Unruhe.“ Und das „verzauberte Haselnusswasser – Handmade“ im Zerstäuber (50 Milliliter für 10,90 Euro) soll angeblich den Mut stärken.

Der Glaube hilft

„Magie hat viel mit Vorstellungskraft zu tun“, sagt Anja Müller dazu. „Vieles erfüllt sich allein durch den Glauben daran.“ Manche Menschen bräuchten auch regelmäßige Rituale wie das Anzünden von „Zauberkerzen“ oder Räuchern mit getrockneten Kräutern, um sich auf sich selbst zu besinnen. „Wichtig ist, dass man regelmäßig etwas für sich tut, egal was man tut.“ Eine Art Ritual wird auch jedes Jahr zur Walpurgisnacht zelebriert: Am 30. April tanzen der Sage nach Hexen auf dem Blocksberg – also auf dem Brocken im Harz –, um den Winter zu vertreiben. Der Name kommt von der Äbtissin Walpurga, die im frühen Mittelalter lebte und an einem 1. Mai heiliggesprochen wurde. Mit Hexerei habe Walpurga jedoch nichts zu tun gehabt, sagt Thomas Becker, Archivar an der Universität Bonn, der nach den Ursachen des Hexenglaubens forscht.

Literarisch bekannt wurden die Feiern in der Walpurgisnacht dank Johann Wolfgang von Goethe, der das Treiben auf dem mit 1141 Metern höchsten Berg Norddeutschlands im „Faust“ verarbeitete. Zuletzt erwiesen sich die Feste immer mehr als touristisches Zugpferd für die Region. Da wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr wieder nicht vor Ort gefeiert werden kann, bieten die Touristiker am 30. April eine digitale Veranstaltung an. Auch wenn dies kein gleichwertiger Ersatz sei, solle der Termin nicht „sang- und klanglos verstreichen“, teilte der Harzer Tourismusverband mit.

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Als Hexe würde sich Anja Müller selbst eher nicht bezeichnen und zur Walpurgisnacht im Harz zieht es sie auch nicht. Andere betrachten sie dagegen wohl doch als Hexe: Als sie vor neun Jahren ihren Laden eröffnete, habe sie viele Vorurteile und Ängste bei den Menschen im Ort erlebt, erzählt sie. Dabei habe sich das Bild der Hexe eigentlich längst gewandelt, sagt der Glaubensforscher Becker. Mit der Emanzipation in den 1970er- Jahren habe sich eher das Bild der starken Frau durchgesetzt. Später sei dann noch die positive Bedeutung im Kinderbereich durch die Figuren „Bibi Blocksberg“ und „Die kleine Hexe“ dazugekommen.

Tatsächlich kämen viele Kinder in ihren Laden, erzählt Anja Müller. Sie interessierten sich vor allem für die Steine und die Schreibfedern. Mit der Hoffnung auf ein wenig Zauberei reisen dagegen manche Erwachsene sogar von weit her an. „Es kommen Frauen, die sagen: Mein Kerl ist abgehauen, jetzt bring ihn mir wieder her.“ Natürlich kann sie das nicht. Aber sie hört zu, versucht herauszufinden, wo das Problem liegt und wie die Hilfesuchenden ihre Einstellungen zur Situation ändern können. „Das meiste hat mit einem selbst zu tun“, ist Müller überzeugt.

Seminare und Wanderungen

Die Vorstellung von zaubernden Hexen und Hexern, die einen Pakt mit dem Teufel eingehen, habe sich im 15. Jahrhundert entwickelt, sagt Thomas Becker. Dass es sich bei ihnen um Kräuterkundige und Hebammen handelte, sei eine Mär: Vielmehr wurde ein Querschnitt der Bevölkerung während der Hexenverfolgung angeklagt. „Die einzigen, die fehlten, waren Adelige und hohe Geistliche, aber es waren auch Nonnen, Mönche, einfache Bettlerinnen und hochgestellte Beamte dabei.“

Anja Müller kennt sich tatsächlich gut mit Kräutern und Pflanzen aus. Sie stellt aus ihnen in ihrer „Hexenwerkstatt“ sogenannte Hydrolate – eine Art Pflanzenwasser –, Kräutermischungen zum Räuchern oder auch Öle her. Wenn nicht gerade Pandemie-Zeiten sind, gibt sie auch Seminare, bietet Kräuterwanderungen an – und sie lehrt, wie man einen Reisigbesen selber herstellt. „Ein Hexenbesen schützt und hat etwas Reinigendes“, ist Müller überzeugt. Man könne mit ihm negative Energie aus dem Haus rauswirbeln. Nur reiten – das steht unumstößlich fest – kann weder sie noch jemand anderes auf ihm.

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