Das Interview Aus dem Urlaub direkt in den Shutdown

Lorenz Kruse wollte ins Ausland, am liebsten in die USA. Das Schüler-Austauschprogramm des Rotary Clubs - in seinem Fall des Distrikt 1850 - machte es möglich. Nun musste er wegen des Virus früher zurück.
07.05.2020, 05:29
Lesedauer: 4 Min
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Aus dem Urlaub direkt in den Shutdown
Von Brigitte Lange
Sie haben fast ein Jahr in den USA als Austauschschüler verbracht, haben in Gast-Familien gelebt, sind zur High School gegangen. Dann erreichte die Pandemie die Vereinigten Staaten. Wie haben Sie den Ausbruch des Virus erlebt?

Lorenz Kruse: Das war Mitte Februar, Spring Break, und wir waren gerade auf dem Rückweg vom Urlaub in Florida. Da fing meine Gast-Mutter bereits an, mit den Unis meiner Gast-Geschwister und mit der High School zu telefonieren. Noch auf der Heimfahrt hieß es, dass die Schulen erst mal für die nächsten vier Wochen geschlossen werden sollten. Kurz darauf war klar, dass sie für das restliche Schuljahr dicht blieben. Als wir zu Hause ankamen, erfuhren meine Gast-Geschwister, dass ihre Unis ebenfalls geschlossen würden. Unterricht fand nur noch digital statt. Sie mussten ihre Wohnungen, die der Uni gehörten, räumen und kamen heim. Die letzten Tage vor meiner Abreise konnte ich meine Freunde nicht mehr treffen. Die meisten Eltern verboten das. Und zwei Wochen nach meiner Abreise musste die Tierarztpraxis aufgrund des Virus vorübergehend schließen. Das war hart für meine Gast-Eltern.

Wie haben Ihre Gast-Familie und Freunde auf das Virus reagiert?

Meine Gast-Familie und meine Freunde haben es sehr ernst genommen. Sie alle waren sich bewusst, dass die Situation ausarten könnte. Aber sie hatten nicht mit dieser Schnelligkeit gerechnet. Die letzten Tage vor dem Abflug schnellten die Infektionszahlen bereits in die Höhe. Da haben sie realisiert, dass es wirklich schlimm wird.

War das Krisenmanagement anderer Länder ein Thema?

Ja. Meine Gast-Familie war relativ liberal, also Demokraten. Oft haben wir die Situation in den USA mit Deutschland verglichen und darüber geredet, wie gut wir Deutschen es in dieser Zeit mit Angela Merkel, einer Chemikerin als Kanzlerin, haben. Sie könne die Lage besser einschätzen als – sage ich jetzt mal – ein Geschäftsmann. Sie weiß wirklich mit den Fakten der Krise umzugehen. Es wurde auch oft darüber gesprochen, dass andere Länder besser auf die Krise reagiert haben als die USA. Die haben wirklich sehr spät auf den Ausbruch reagiert. Und es wurde oft darüber geredet, was Trump wieder falsch gemacht hatte.

War die vorzeitige Abreise Ihre eigene Entscheidung?

Meine Gast-Familie und ich entschieden zunächst, dass ich bleiben sollte. Die Situation war da in Deutschland schlimmer als in den USA. Meine Eltern stimmten zu, sagten aber, dass es ja immer noch Flüge gebe, sollte ich es mir anders überlegen. Am 19. März kam dann eine E-Mail vom Rotary-Club. Der riet allen Austauschschülern, nach Hause zurückzukehren. Er war überzeugt, die Lage in den USA würde nicht besser. Und der Aufenthalt bringe uns nichts mehr: Die Schulen blieben geschlossen, Veranstaltungen, auch die der Rotarier, waren abgesagt. Meine Eltern entschieden, dass ich zurückkommen sollte. Noch für die selbe Woche – den 24. März – buchten sie einen Flug. Tatsächlich war das der zweit- oder drittletzte Flug aus den USA nach Europa. Danach sollte erst in zwei Monate wieder einer gehen. Und dieser war bis auf drei oder vier Plätze ausgebucht.

War es die richtige Entscheidung?

Ich dachte, wenn ich schon wegen der Pandemie irgendwo rumsitzen muss, dann würde ich das lieber mit meiner Familie in Deutschland tun. Und sollte ich krank werden, ist das Gesundheitssystem in Deutschland einfach besser vorbereitet. Im März dauerte es in den USA zwei Wochen, bis überhaupt Tests zu bekommen waren. Das Risiko wollte ich nicht eingehen.

Gehen wir Deutschen mit dem Thema anders um?

In den USA gibt es noch immer Demonstrationen. Viele Menschen glauben, dass das Coronavirus überhaupt nicht schlimm ist. Sie sind überzeugt, dass es nicht mehr als eine kleine Erkältung verursacht. Dagegen nehmen die Menschen hier, die ich kenne, das Virus wirklich ernst, bleiben zu Hause und versuchen, das Virus nicht zu bekommen.

Wie hat der Umgang mit dem Virus Ihren Eindruck von den USA verändert?

Wenig – das, was ich bereits vorher über das Land dachte, hat sich durch den Umgang mit dem Virus-Ausbruch eher noch bestätigt. Die USA sind zwar ein tolles Land. Aber das Gesundheitssystem ist meiner Meinung nach überaltert. Positiv ist dagegen, dass die amerikanischen Schulen besser als unsere auf einen solchen Ausnahmezustand vorbereitet sind. Ich hatte den Eindruck, dass die Schulen dort mehr Geld haben. Sie können ihre Schüler besser mit Laptops ausstatten, damit diese von zu Hause arbeiten und die Online-Klassen besuchen können. In fast allen Schulen ist es dort längst Standard viel übers Internet zu machen.

Würden Sie gern für längere Zeit oder gar für immer in den USA leben?

Ich würde gern während des Studiums für ein Semester rüber gehen. Und ich möchte meine Gast-Familien und Freunde bald besuchen. Aber in den USA längere Zeit zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Dafür hat die USA einfach zu viele Probleme. Probleme, die Deutschland nicht hat. Etwa das Gesundheitssystem, das System der Krankenkassen und auf jeden Fall das politische System. Politik ist in den USA zwar um Welten einfacher gestaltet, aber trotzdem ist es für die meisten Leute schwieriger, daran teilzunehmen. In meinen Augen funktioniert das politische System in Deutschland insgesamt besser.

Das Interview führte Brigitte Lange.

Info

Zur Person

Lorenz Kruse (16)

hat über den Rotary Distrikt 1850 an einem Schüleraustausch in den USA teilgenommen. In State College, Pennsylvania, besuchte er die High School. Dem Rotary-Konzept entsprechend lebte er in dieser Zeit in zwei verschiedenen Familien. Während er in der ersten eine gleichaltrige Gast-Schwester und einen 14-jährigen Gast-Bruder hatte, lebte in der zweiten Familie noch ein 18-jähriger Sohn zu Hause. Diese Gast-Eltern betrieben eine Tierarztpraxis. Wegen der Pandemie brach Lorenz Kruse den Aufenthalt vorzeitig ab. Am 24. März kehrte er zu seinen Eltern nach Beverstedt zurück und will auf das Llyod Gymnasium in Bremerhaven wechseln.

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