Reparatur-Café Ein neues Leben für den Samowar

Zum ersten Mal reparierten Fachleute in Bokel ehrenamtlich unterschiedliche Dinge, die damit eine zweite Chance bekommen.
30.07.2019, 17:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Andrea Grotheer

Bokel. Er wird nicht mehr heiß, doch er hat noch eine Chance: Der etwa 20 Jahre alte Samowar, den Hildegard und Helmut Böhler zum ersten Reparatur-Café in Bokel mitgebracht haben, ist bei Elektromeister Martin Windhorst in guten Händen. Sorgfältig wird das silbern glänzende Stück, das das Ehepaar aus Russland mitgebracht hat, zerlegt. Ein Kabel hat sich gelöst, stellt der Fachmann zügig fest. Martin Windhorst nimmt das Lötgerät zur Hand und behebt den Schaden zunächst provisorisch. So viel Glück hat der Kaffeevollautomat aus dem Besitz von Hedwig Cordes nicht. „Er funktioniert, aber es läuft Wasser aus“, sagt die Loxstedterin, die von dem neuen Angebot in der Zeitung gelesen hat. Fabian Reese aus Bokel arbeitet im Bereich Technik einer Bremerhavener Lebensmittelfirma und hat Mechatronik gelernt. Doch auch der Fachmann, der seine Fähigkeiten wie alle anderen Helfer hier ehrenamtlich anbietet, muss vor der komplizierten Technik kapitulieren: Der Schaden kann nicht behoben werden. „Ich habe den Fehler nicht gefunden, wir haben aber für solche Geräte auch keine Ersatzteile“, sagt Fabian Reese und bietet Hedwig Cordes einen Kontakt zu einem Spezialisten in Bremen an.

Zum ersten Mal findet im Treffpunkt „Alte Feuerwache“ in Bokel das Reparatur-Café statt. Organisiert hat es die Arbeitsgemeinschaft Bokel morgen in Zusammenarbeit mit dem Bürgerverein Bokel. Themen wie Nachhaltigkeit und Müllvermeidung liegen Initiator Michael Burchert am Herzen: „Vieles wurde mit nicht erneuerbaren Ressourcen hergestellt.“ Der Umweltschutz spielt für ihn eine große Rolle. Als Nebeneffekt sieht er in der Zusammenkunft im Reparatur-Café eine Stärkung der Dorfgemeinschaft und eine Form der Nachbarschaftshilfe. Repariert werden soll nach Möglichkeit alles, was noch zu gebrauchen ist. Das kann das Loch in der Hose genauso sein wie das Loch im Fahrradschlauch, aber auch das stumpfe Messer oder das defekte Elektrogerät. Werkzeuge und Gerätschaften sind dafür reichlich vorhanden. Sogar passende Lektüre mit Titeln wie „1000 Dinge selbst gebaut“ oder „Die Welt reparieren“ liegt aus.

Mit Meike Hinze ist eine Hobby-Näherin vor Ort, die sich auch mit Nähmaschinen gut auskennt. „Wenn der Faden Schlaufen zieht, ist es meistens ein Ölproblem“ weiß sie und ölt die Maschine von Tülin Böhler an den richtigen Stellen. „Der Fehler wurde behoben“, kann schon nach kurzer Zeit berichtet werden. Eine Bügelstation dagegen muss aus dem Verkehr gezogen werden.

Vor dem Reparaturbeginn wird ein Laufzettel ausgefüllt, der auch auf Regeln und Haftungsbeschränkungen verweist. Darf ein Gerät nach Meinung der Fachleute nicht mehr benutzt werden, wird die Reparatur abgebrochen und der Besucher um eine Unterschrift zu seiner Kenntnisnahme dieser Empfehlung gebeten. Das Reparaturangebot erfolgt unentgeltlich und das Team freut sich über eine Spende. Es soll gemeinsam repariert, Wissen geteilt und Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden. Dazu gibt es, auch gegen eine Spende, Kaffee und Kuchen. „Wir wollen keine Reparaturwerkstätten ersetzen, sondern nur unterstützen“, betont Initiator Michael Burchert und freut sich über den regen Zulauf bereits in der ersten Stunde: „Das geht ja wie am Fließband.“

Der Plattenspieler von Horst Niemeyer kann spontan nicht repariert, der Fehler jedoch analysiert werden: Der Bandantrieb ist im Laufe der Jahre porös geworden und müsste ausgetauscht werden. Ein Fachmann in Worpswede wird dafür empfohlen. Bei einem Laubbläser liegt der Fehler beim Kabel, und für ein Fußsprudelbad kommt jede Hilfe zu spät. Auch der mobile Lautsprecher und die fliegende Spielfigur von Familie Marschall-Meyer aus Wollingst werden von den Elektrospezialisten auseinandergenommen. Spontane Unterstützung kommt von Ricardo Hochberger, einem weiteren Elektromeister aus Bokel, der sich gemeinsam mit Fabian Reese um die bunte Plastikfigur kümmert. „Chinesisches Spielzeug ist Hightech“, sagt Reese mit Blick auf die winzigen Schrauben und die zahlreichen kleinen Einzelteile, in die er die Figur bereits zerlegt hat.

Insgesamt lagen an diesem Tag 17 Elektrogeräte auf den Reparaturtischen. Ein Smartphone funktioniert wieder und 10 Messer wurden geschärft. „Nicht zuletzt wurden viele Tipps und Hilfen gegeben sowie Reparaturwerkstätten der Region empfohlen“, kann Michael Burchert am Ende des Tages erfreut verkünden. Und das Reparaturteam plant eine Wiederholung: Das nächste Reparatur-Café findet am Sonntag, 20. Oktober, von 12 bis 16 Uhr in der Alten Feuerwache in Bokel (Hauptstraße) statt. Informationen gibt es bei Michael Burchert unter Telefon 0 47 48 / 5 49 75 38. Helfer werden noch gesucht.

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