Rücktritt von Carsten Werde

Alles passt (nicht mehr) beim FC Hagen/Uthlede

Der überraschende Rücktritt von Carsten Werde als Trainer bei Fußball-Oberligist FC Hagen/Uthlede hat für großes Aufsehen und einige Diskussionen gesorgt. War dieser Schritt die einzig verbleibende Möglichkeit?
06.10.2020, 08:47
Lesedauer: 4 Min
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Alles passt (nicht mehr) beim FC Hagen/Uthlede
Von Tobias Dohr
Alles passt (nicht mehr) beim FC Hagen/Uthlede

Der letzte Gang als Trainer des FC Hagen/Uthlede: Carsten Werde am Rande des mit 0:7 verloren gegangenen Oberligaspiels in Lohne. Nach der Partie verkündete der 32-Jährige seinen Rücktritt.

Julian Berndt

Hagen. Dieses Gefühl war neu. Ungewohnt. Irgendwie verwirrend. Auf jeden Fall nicht gerade schön. 15 Jahre lang war Carsten Werde ein Teil der ersten Herrenmannschaft des FC Hagen/Uthlede. Kaum ein Name ist so sehr mit dem Verein (und seiner Erfolgsgeschichte) verbunden, wie der des langjährigen Spielers, Co-Trainers, Chef-Coaches. Und jetzt Ex-Trainers. Denn die fast ewig währende Verbindung „Erste Herren/Carsten Werde“ ist seit dem Wochenende gekappt.

Am Sonntagnachmittag, nach der bitteren 0:7-Packung im Oberliga-Auswärtsspiel des FCH in Lohne, hatte Werde seinen Rücktritt erklärt. Für fast alle Außenstehende kam dieser Schritt ziemlich überraschend, für die allermeisten ist er auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar. Selbst die, die ganz nah dran an Carsten Werde waren, sind hin- und hergerissen. Musste dieser Schritt wirklich sein? War ein Rücktritt die einzig verbleibende Möglichkeit?

Offene Worte nach 0:4

„Es ging darum, glaubwürdig zu bleiben“, bringt es Werde auf den Punkt. Denn die Gedanken an einen Rücktritt, so verrät er, waren bereits etwas länger in seinem Kopf. Und nach dem desaströsen 0:4 im Heimspiel gegen den Heeslinger SC am 20. September hatte der 32-Jährige diese Gedanken auch der Mannschaft erstmals ganz offen mitgeteilt. „Das war eine Art des Fußballs, mit der ich mich in keiner Weise identifizieren konnte“, berichtet Werde. Und es war eben nicht das erste Mal, das sich die Mannschaft mehr oder weniger in ihr Schicksal ergab. Immer wieder hatte es in den vergangenen Monaten hohe Punktspiel-Klatschen gegeben. Ein 0:7 in Uphusen, ein 0:9 gegen Egestorf-Langreder, schließlich ein 0:10 gegen Spelle-Venhaus.

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„Nach der Partie in Spelle habe ich erstmals richtig zu kämpfen gehabt“, erinnert sich Werde. „Es kostet enorme Kraft, solche Ergebnisse zu verdauen. Vor allem aber ist es sehr schwierig, solche Spiele inhaltlich aufzuarbeiten und einen Lösungsansatz zu finden, der dann auch inhaltlich glaubwürdig zu vermitteln ist.“ Genau das sei mit jeder hohen Niederlage schwerer und schwerer gefallen. Nach dem 0:4 gegen Heeslingen hatte Werde das Team deshalb explizit in die Pflicht genommen und mit persönlichen Konsequenzen gedroht. „Und die Reaktion war dann ja auch absolut zufriedenstellend“, sagt Werde mit Blick auf den 3:1-Auswärtssieg in Celle. Doch das 0:7 in Lohne hat nun alle Wunden wieder aufgerissen. Und zwar auf eine Art, die irreparabel war.

„Das hat etwas in meinem Kopf gemacht“, versucht es Werde zu erklären, „ich hatte das Gefühl, ich kann es einfach nicht noch einmal glaubwürdig aufarbeiten, ohne dabei jemanden in den Boden stampfen zu müssen“, führt der Ex-Coach weiter aus. Und genau das habe er ja nicht tun wollen – denn Werde weiß schließlich ganz genau, dass man bei seinem FC Hagen/Uthlede nicht dieselben Maßstäbe anlegen kann, wie beispielsweise in Heeslingen, in Lohne, Uphusen oder bei Kickers Emden. So sollte sein Rücktritt am Ende ein letzter Dienst an der Mannschaft sein, einer, der Werde selbst extrem wehtut. Denn eine generelle Müdigkeit verspürte er ja gar nicht.

Keine generelle Amtsmüdigkeit

„Ich bin verdammt gerne Trainer, bin immer noch zu jedem einzelnen Training mit riesengroßer Freude gefahren. Und die Jungs haben ja auch nach wie vor erstklassig mitgezogen. Es gab wirklich keinerlei atmosphärische Störungen. Aber die Diskrepanz zwischen Trainingseinsatz und Spieleinstellung war am Ende einfach zu groß“, sagt Werde. Für ihn sei es immer das Wichtigste gewesen, dass der FC Hagen/Uthlede für eine ganz bestimmte Art Fußball steht. „Diese Unbekümmertheit, diese Mentalität, den Kopf auszuschalten und gegen alle Widerstände anzugehen, das habe ich bei den Jungs am Ende einfach nicht mehr erreichen können.“ Und dabei habe er die vergangenen Wochen alles nur noch auf dieses eine Ziel ausgerichtet.

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Hagens Teammanager Gunnar Schmidt hat deshalb Verständnis für die Entscheidung seines jetzigen Ex-Coaches, einerseits: „Fußball ist unser aller Hobby und wenn Carsten so etwas innerlich auffrisst, kann ich diesen Schritt natürlich nachvollziehen.“ Gleichwohl, betont Schmidt, habe niemand im Verein zu irgendeiner Sekunde Zweifel an Carsten Werde gehabt. Oder Druck ausgeübt. Im Gegenteil: „Wir waren voll davon überzeugt, das gemeinsam durchzuziehen.“ Und im schlimmsten Fall wäre man – natürlich – auch wieder gemeinsam in die Landesliga abgestiegen. Schmidt sieht die Mannschaft nun in der Pflicht, noch mehr als vorher schon. Denn jeder müsse sich darüber im Klaren sein, dass sich da ein extrem beliebter und fachkundiger Trainer nun quasi selbst geopfert hat. Im Sinne der Mannschaft – auch wenn das schwer zu verstehen ist.

„Ich bin heute Morgen mit sehr viel Wehmut aufgewacht“, sagte Carsten Werde am Montagvormittag. Die Zeit als aktiver Teil der ersten Herrenmannschaft des FC Hagen/Uthlede ist vorbei. Nach 15 Jahren. Trotzdem könne es gut sein, dass er am Sonntag im Heimspiel gegen Tabellenführer Spelle-Venhaus irgendwo in der hintersten Ecke auf dem Platz an der Blumenstraße steht und „seiner“ Mannschaft die Daumen drückt. Dafür sei das Verhältnis noch viel zu gut, als dass er nun alle Verbindungen kappen könne. Sorgen, dass er den für viele unerwarteten Schritt zeitnah bereuen könne, hegt er aber nicht: „Es war ja nicht aus dem Affekt heraus, sondern absolut überlegt. Aber am Ende war dieses Feuer, sich noch einmal produktiv mit solch einer Situation zu befassen, einfach erloschen.“

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