Als Ausbilder in Afrika

Ein Exot im positiven Sinne

Der Hagener Günther Thielking ist als Schiedsrichterausbilder für den DFB weltweit unterwegs. Gerade ist er von einer Reise nach Tansania zurück.
17.01.2020, 18:07
Lesedauer: 4 Min
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Von Andrea Grotheer
Ein Exot im positiven Sinne

Die Fußballer des „Bariadi Dutwa Umushi FC“ freuen sich über die Trikots aus Hagen.

Privat

Hagen. Sibirien, Südafrika, Singapur und Borneo – Günther Thielking ist in den letzten Jahren ganz schön rumgekommen. Der pensionierte Schulleiter ist im Auftrag des Fußballs weltweit unterwegs, er gibt Lehrgänge für Clubfunktionäre und übernimmt als ehemaliger Schiedsrichter oft auch Entwicklungsarbeit in Sachen Fußball.

„Ich habe bis zu meiner Jugend Fußball gespielt und hatte damals zwei Möglichkeiten: Als Spieler in der Kreisklasse zu bleiben oder als Schiedsrichter Karriere zu machen“, erzählt der Hagener. Er entschied sich für die Alternative Schiedsrichter, die er nie bereut hat. „1969 habe ich ein HSV-Spiel mit Uwe Seeler gepfiffen“, erinnert er sich gerne an einen der Höhepunkte seiner Schiedsrichter-Laufbahn, die ihn als Linienrichter bis in die zweite Bundesliga führte. Doch irgendwann war Schluss: „Mit 45 Jahren kommt die Zeit, wo du aufhören musst.“

Da er als Schulleiter über eine entsprechende pädagogische Ausbildung verfüge, sei er vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gefragt worden, ob er Schiedsrichter ausbilden wolle. So sei er zunächst zu dieser Lehrarbeit gekommen. Als Mitglied des DFB-Kompetenzteams ist er dabei für die übergeordnete Schiedsrichterausbildung des DFB zuständig und als Referent in ganz Deutschland unterwegs. Per Zufall führte ihn vor knapp zehn Jahren sein Weg dann auch nach Afrika. „Ich erfuhr von einem Projekt in Kapstadt, bei dem der Frauenfußball in Afrika gefördert werden sollte. Dafür wurden – aufgrund mangelnder weiblicher Beteiligung – auch männliche Ausbilder gesucht, da Niedersachsen auf unterschiedlichen Ebenen einen Austausch mit der südafrikanischen Provinz Eastern Cape (Ostkap) hat“, erzählt Günther Thielking, der als pädagogischer Leiter teilnahm. Zu dieser Zeit noch im Dienst als Schulleiter der Grundschule Bramstedt, konnten solche Reisen für ihn nur während der Ferien stattfinden. Nach seiner Pensionierung zeigte sich die zeitliche Unabhängigkeit für ihn als großer Vorteil: „Ich habe die Freiheit, als Pensionär solche Reisen kurzfristig zu machen, ohne dass ein Arbeitsplatz im Wege steht. Das ist ein Riesen-Privileg“, freut er sich über diese Möglichkeit.

Vor wenigen Wochen war Günther Thielking das erste Mal in Tansania in Ostafrika und erlebte den schwarzen Kontinent in seiner ganzen Ursprünglichkeit: „Man hatte mich im Vorfeld darauf hingewiesen, dass Tansania eine ganz andere Welt sei als Südafrika“, sagt der Hagener. Und gleich der Einzug in das Hotel in der Region Simiyu offenbarte die Eigenarten des Landes: Eines der vielen Fotos, die der Fußball-Experte von seiner Reise mitgebracht hat, zeigt ein einfaches Zelt vor dem Hotelgebäude. Dabei handelt es sich um einen Friseur, der bei trockenem Wetter seine Geschäfte dort betreibt, wie Günther Thielking erklärt. „Bei Regen zogen die Menschen in ein Gebäude, und der Friseur hatte geschlossen.“

Ein anderes Foto zeigt ihn im Kreise der Lehrgangsteilnehmer bei einer Mittagspause – als Einziger hat er Besteck in der Hand. Traditionell wird mit der rechten Hand gegessen. „Man ist als Weißer ein Exot im positiven Sinne, die Menschen sind mir offen, mit einer herzlichen Neugierde und hohem Wissensdurst begegnet“, so Thielking, der – mithilfe eines Übersetzers, da die meisten Kinder nur Suaheli sprechen – auch Erdkundeunterricht in einer Schulklasse gegeben hat. „In der Klasse waren an dem Tag 83 Kinder. Normalerweise sind es 105 Mädchen und Jungen, aber einige waren krank“. Die Bevölkerungsexplosion sei auch dort ein riesiges Problem.

Sein Name sei für die Kinder schwierig auszusprechen, so machten sie ihn zunächst zu Mr. Gunther. Und als sie erfuhren, dass er schon Großvater sei, wurde er zu Mr. Babu, das wohl in der Landessprache eine entsprechende Beschreibung ist. „Aus 200 Kinderkehlen klang mir 'Good morning, Mr. Babu' entgegen“, schildert Günther Thielking einen weiteren bewegenden Moment seines Afrika-Aufenthaltes.

Geschichten wie diese kann Günther Thielking nach seiner Reise viele erzählen. „Es ist für mich jedes Mal eine große Herausforderung, vor der Reise zu überlegen, welchen Menschen begegne ich dort; sprechen sie englisch, können sie lesen und schreiben?“ Einen Eindruck von seiner Arbeit vermittelt ein Foto, auf dem er mit den Clubfunktionären – oft Lehrer, die sich ehrenamtlich für den Sport engagieren – während eines Lehrganges zu sehen ist. Auf dem Tisch liegt ein aufgemaltes Fußballfeld, es wird laut Thielking über Abseits gefachsimpelt. Kronkorken stellen die Spieler dar. „Cola ist die Abwehr, Becks der Angriff, der Ball eine Münze“, beschreibt Thielking die Arbeitssituation. Einfach, aber effektiv.

Fußball habe in Tansania eine große Bedeutung: „Aufgrund seiner Einfachheit ist es der Sport der einfachen Bevölkerung“, erklärt Günther Thielking. Dabei werde oft ohne passendes Schuhwerk und mit einem aus Stofffetzen und Plastikbändern gebastelten Ball gespielt. Die Menschen seien zu arm, um sich eine andere Ausrüstung leisten zu können. „Clubstrukturen wie in Deutschland gibt es nicht, oft wird in Nichtregierungsorganisationen (NGO) gespielt“, so der Ausbilder.

Im Gepäck hat Günther Thielking bei seinen Reisen neben seinen Arbeitsmaterialien auch Geschenke. Für die Spieler des „Bariadi Dutwa Umushi FC“ hatte er 15 gebrauchte, aber gut erhaltene Trikots aus dem Bestand des FC Hagen/Uthlede dabei. „Ich war im Vorfeld gebeten worden, einen Satz mitzubringen, da diese Mannschaft bisher in unterschiedlicher Kleidung angetreten ist“, erzählt Thielking. Von dieser Art der Nachverwendung zeigte sich Trikotsponsor Steffen Baumgart begeistert: „Ich finde eine solche Aktion stark und bin auch ein bisschen stolz, dass diese Trikots nun in Tansania gelandet sind.“ Für Günther Thielking offenbarte Tansania bei einer zweitägigen Safari, die der Ministerpräsident der Region für die deutschen Gäste organisiert hatte, seine ganze landschaftliche Schönheit. „Das ist ein Vorteil. Ich erlebe Afrika backstage und nicht nur als Tourist“, freut sich Thielking.

Der Schiedsrichterausbilder plant indes schon die nächsten Reisen: Im Mai 2020 geht es für Günther Thielking wieder nach Sibirien, und Ende Juni steht für ihn erneut Afrika auf dem Programm: Seine Fußballarbeit führt ihn dann nach Westafrika, in den Senegal.

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