Geschäftsaufgaben in Hagen

Einzelhandelsstruktur

Motorradfahren statt Brillenverkauf
05.05.2021, 05:07
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas Palme
Einzelhandelsstruktur

Frank Joachim Graue und seine Frau Ilona freuen sich auf den Ruhestand und viel mehr Zeit für ihre Hobbys. Ihr Optikgeschäft haben sie aufgegeben.

Andreas Palme

Hagen. Hagens Einzelhandelsstruktur vollzieht einen größeren Wandel. Altbekannte Geschäften in der Ortsmitte geben auf, neue Händler etablieren sich in bisherigen Leerständen. Unter anderem hat Optikermeister Frank Joachim Graue den Geschäftsbetrieb am Amtsdamm eingestellt. „Wir haben uns schon geraume Zeit mit dem Rückzug aus dem Arbeitsleben beschäftigt“, erklärt der 64-jährige Augenoptiker. Gemeinsam mit einer Ehefrau Ilona möchte Graue jetzt einen neuen Lebensabschnitt beginnen.

Als Zeichen für diese Veränderung steht sein Motorrad im Verkaufsraum vor der Wand aus Brillengestellen, die nur noch ein paar Restexemplare aufzuweisen hat. „Wir freuen uns auf die neue Zeit mit unseren Enkeln, dem Urlaub und Motorradfahren“, berichten die beiden von ihren Ideen für die Zukunft und wirken dabei keineswegs unglücklich. Seit 20 Jahren betreibt Frank Joachim Graue das Geschäft am Amtsdamm 45 a in Hagen. Der Lilienthaler übernahm die Räume 2001 von einem Bekannten und bediente zahlreiche Stammkunden.

Räume verkauft

Mit seiner konsequenten Art wirkte der Geschäftsmann auf manche Kunden eher „speziell“. „Ich habe immer meine Meinung offen vertreten“, betont Graue und weiß, „dass er damit auch schon einmal angeeckt ist“. Zwei Jahre suchte der Optiker erfolglos einen Nachfolger für sein Geschäft. Jetzt hat er seinen Betrieb am 17. April geschlossen und die Geschäftsräume verkauft – über die Art der Nachnutzung hüllt sich Frank Joachim Graue in Schweigen.

Wesentlich länger existierte das Eisenwarengeschäft Pape in der Gartenstraße. Nach über 100 Jahren haben sich die Pforten dort aber am 30. April ebenfalls endgültig geschlossen. „Es gibt vielfältige Gründe dafür“, erklärt Inhaber Hartmut Pape. Im Gespräch betont er die Veränderungen im Großhandel und spricht von Lieferengpässen bei Ersatzteilen von Fahrrädern und Motorgeräten. Gerade der Werkstattbetrieb stellte eine wichtige Umsatzquelle für ihn dar. „Natürlich sind meine langjährigen Kunden jetzt von der Schließung betroffen“, weiß Pape, dennoch sieht er keine Zukunftschance für seinen Betrieb, „wenn ich die Kunden nicht in gewohnter Form bedienen kann“. Wartezeiten von über einem halben Jahr bei Ersatzteilen für die Fahrradreparatur könne er nicht vertreten. So hat sich Pape seit Ende vergangenen Jahres mit dem Ende des Geschäftsbetriebs auseinandergesetzt. „Das ist eine sehr emotionale Situation“, betont der 64-jährige Schlossermeister. Am Ende habe er sich nach intensiver Diskussion mit seiner Familie zur jetzigen Entscheidung durchgerungen.

Reparaturen immer ein Standbein

Die Schlosserei Pape gründete sein Urgroßvater Heinrich Pape 1895 an der Lindenstraße in Hagen. Geschäftsidee war die Herstellung von Kutschen und Ackerwagen für die Landwirtschaft und der Pferdehufbeschlag. Mit Schmiedemeister Hermann Pape übernahm die zweite Generation das Geschäft nach dem Krieg und führte es bis 1962. Dann übernahm mit Heinrich Pape, der wie der Urgroßvater hieß und der Vater von Hartmut Pape ist, die Werkhalle an der Lindenstraße, in der noch bis zum Schluss Reparaturen an Motorgeräten und Schmiedearbeiten ausgeführt wurden. 1972 eröffnete Heinrich Pape ein Ladengeschäft an der Lindenstraße. Dort begann der Verkauf von Rasenmähern, Freischneidern und Kettensägen sowie Angelzubehör.

Im Jahre 1996 übernahm Hartmut Pape das Geschäft vom Vater in vierter Generation. Gemeinsam mit Ehefrau Karin eröffnete Pape das aktuelle Geschäftshaus an der Gartenstraße. An der Piazza waren die Geschäftsräume für Kunden gut sichtbar und sorgten für auskömmlichen Umsatz. Jahrzehntelang war Hartmut Pape erste Adresse, wenn es um Fahrräder, Rasenmäher und Kettensägen ging. Zudem gab es Schrauben, Nägel und Eisenbeschläge sowie ein breites Angebot an Angelzubehör. Schließlich war die Hermes-Paketannahme ein Teil des Dienstleitungsangebots von Familie Pape. Leerstand wird es an der Gartenstraße nach der Geschäftsaufgabe nicht geben: Es gibt einen Nachnutzer des Ladens.

Hoffen auf Nachnutzer

Dennoch geht mit dem Geschäft von Hartmut Pape eine „Institution“ und ein Stück Hagener Geschichte verloren. Auch Hagens Bürgermeister Andreas Wittenberg (parteilos) bedauert den Verlust von zwei alteingesessenen Geschäften und hofft auf eine interessante Nachnutzung. Dass Veränderungen nicht immer nachteilig sein müssen zeige sich am Amtsdamm. Neben der geplanten Ansiedlung eines Sonderposten-Baumarktes mit einem „modernen Tante-Emma-Laden“ im ehemaligen Schomacker-Markt freut sich Wittenberg über die Eröffnung des „Unverpackt“-Geschäfts am östlichen Teil der Hauptstraße neben der Polizeistation. „Die Geschäftsidee von Rita Hogreve passt gut zu unserem 'Fair-Trade'-Engagement“, findet Wittenberg. Das rücke nachhaltige Lebensweise in den Fokus und so komme es wie gerufen, dass im Ort auch Lebensmittel lose ohne Umverpackung verkauft werden.

Bedauern bei der UHiB

Für die Unternehmergemeinschaft Hagen im Bremischen (UHiB) bedauert die Vorsitzende Petra Klipp den Verlust der alten Geschäfte. Sie hofft auf neue Betreiber, damit keine Lücken im Ortsbild entstehen.

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