Interview mit Autorin Silke Böschen

Sprengstoffanschlag als Romanthema

Die Fernsehreporterin Silke Böschen liest am Sonnabend, 14. März, in Hagen zugunsten des Hospizvereins Loxstedt. Wir sprachen mit ihr über ihren Roman, in dem ein realer Sprengstoffanschlag eine Rolle spielt.
11.03.2020, 16:06
Lesedauer: 4 Min
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Von Andrea Grotheer
Sprengstoffanschlag als Romanthema

Die Fernsehjournalistin und Autorin Silke Böschen liest am 14. März im Hermann-Allmers-Haus in Rechtenfleth aus ihrem Roman „Träume von Freiheit – Flammen am Meer“.

Inga Sommer

Die Handlung Ihres ersten Romans rankt sich um die Thomas-Katastrophe, einen Kriminalfall, der im 19. Jahrhundert für viel Aufmerksamkeit sorgte, heute aber in Vergessenheit geraten ist. Wie sind Sie gerade auf dieses Thema gekommen?

Es ist jetzt fast elf Jahre her, da lag meine älteste Tochter als Säugling im Stubenwagen und ich las ihr vor, damit sie einschlafen konnte. Weil sie noch nicht verstehen konnte, was ich las, nahm ich mir ein Buch, das mich selbst interessierte: Eine Chronik über meine Heimatstadt Bremerhaven. Dabei wurde ich schneller müde als meine kleine Tochter, es war ein etwas langatmiges Werk. Bis ich auf die Geschichte der Thomas-Katastrophe stieß. Davon hatte ich vorher noch nie gehört, obwohl ich in Bremerhaven zur Schule gegangen war und später meine journalistische Ausbildung dort gemacht hatte. Die Geschichte interessierte mich und ließ mich nicht mehr los.

Das Leben im 19. Jahrhundert schildern Sie sehr detailgetreu und authentisch. Sogar historische Dokumente sind im Buch abgedruckt. Wo haben Sie über den damaligen Alltag recherchiert? Welche Quellen konnten Sie nutzen?

Ich habe viel Zeit in Archiven verbracht. Im Bremer Staatsarchiv sind diverse Akten prall gefüllt über das Verbrechen aufbewahrt. Ich war häufig im Bremerhavener Stadtarchiv, in Zeitungsarchiven, habe in alten Kirchenbüchern geblättert, war in Dresden, wo auch ein Teil der Handlung spielt. Ich habe auch versucht, die wahren Schauplätze dieser Ereignisse zu finden. Doch es gibt kaum noch etwas. In Bremerhaven erinnert lediglich das Massengrab auf dem Wulsdorfer Friedhof an die Explosion und die vielen Opfer. In Dresden, wo der Täter lebte, stehen in dem ehemaligen amerikanischen Viertel gerade noch drei Häuser aus jener Zeit. Der Rest wurde im Krieg zerstört. Außerdem lese ich sehr viel. Und besonders gern Romane aus dem 19. Jahrhundert. Von Theodor Fontane über Edith Wharton. In diesen Werken lerne ich viel über diese vergangene Zeit und die Rollen und Lebensentwürfe, die Frauen damals hatten. Mittlerweile habe ich einen großen Bücherschrank voll mit Literatur zum 19. Jahrhundert, darunter auch viele Sachbücher.

Als Fernsehjournalistin haben Sie viel vor der Kamera gearbeitet, als Rhetoriktrainerin geben Sie Workshops. Im Gegensatz dazu ist das Füllen von 450 Romanseiten ja eine eher einsame Arbeit. Wie vereinbaren Sie beide Seiten für sich?

Zum Glück kriege ich irgendwie alles unter einen Hut – mal besser, mal schlechter. Eine Familie habe ich ja auch noch. Ich finde es ganz wunderbar, in eine fremde, untergegangene Welt einzutauchen. Und bei der Recherche freue ich mich über jedes Detail, das ich finde und das zu den Figuren in meinen Büchern gehört. Denn die meisten Protagonisten im Roman haben wirklich gelebt. Das eigentliche Schreiben ist manchmal ziemlich anstrengend, dann wieder fließt es. Aber ich muss auch unter Leute. Deswegen arbeite ich sehr gern als Fernsehjournalistin und mache Reportagen über Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. Als Trainerin mein Wissen weiterzugeben, macht ebenfalls Freude. Kurz und gut: Ich bin ein zufriedener Mensch.

Sie arbeiten bereits an zwei weiteren Büchern, denen ebenfalls historische Lebensgeschichten von Frauen zugrunde liegen. Handelt es sich wieder um regionale Begebenheiten? Können Sie schon Details verraten?

Wieder geht es um besondere Frauen aus dem 19. Jahrhundert. Frauen, die tatsächlich gelebt und ein außergewöhnliches Schicksal erlebt haben. Es sind Amerikanerinnen in Deutschland. Mein nächster Roman, der 2021 erscheinen soll, spielt wieder in Dresden. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sehr unglücklich verheiratet ist und von ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter in eine Nervenheilanstalt abgeschoben wird. Sie kann sich befreien und fliehen. In ihrer New Yorker Heimat reicht sie die Scheidung ein. Für die damalige Zeit ein Riesen-Skandal. Die Geschichte beruht in Teilen wieder auf wahren Begebenheiten. Gerade war ich in Dresden und Pirna und habe in einer ehemaligen Irrenanstalt den Alltag von damals recherchiert. Da stehen einem die Haare zu Berge. Ich lerne jedes Mal selbst eine Menge dazu.

Das Interview führte Andrea Grotheer.

Info

Zur Person

Silke Böschen

ist Fernsehreporterin und Kommunikationstrainerin. Wie viele Journalisten träumte sie davon, einmal ein Buch zu schreiben. Verwirklicht hat sie diesen Wunsch mit ihrem Erstlingswerk „Träume von Freiheit - Flammen am Meer“. Zehn Jahre hat die gebürtige Bremerhavenerin – mit Unterbrechungen - daran gearbeitet. In ihrem Roman verwebt sie die zum Teil fiktiven Lebensgeschichten zweier Frauen mit der sogenannten Thomas-Katastrophe: Bei einem Sprengstoffanschlag im Hafen von Bremerhaven im Jahre 1875 verloren 83 Personen ihr Leben, etwa 200 Menschen erlitten schwere Verletzungen und Verstümmelungen. Das Motiv für diese Tat war Habsucht: Der gebürtige Kanadier Alexander Keith Jr., der unter dem falschen Namen William King Thomas in Deutschland lebte, plante einen Versicherungsbetrug.

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Zur Sache

Lesung in Rechtenfleth

Am Sonnabend, 14. März, liest Silke Böschen im Hermann-Allmers-Haus in Rechtenfleth, Mittelstraße 1, aus ihrem Buch. Die vom Rotary-Club Hagen initiierte Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, der Eintritt kostet 19 Euro. Karten gibt es im Vorverkauf bei Firma Schoolmann in Loxstedt (Bahnhofstraße 24) und bei Hörakustik Reemts in Hagen (Amtsdamm 20). Der Überschuss aus den Einnahmen kommt dem Hospizverein Loxstedt zugute.

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