Der Dichter und der Kaiser

Ein altes Schwert in Dichterhand

Marschendichter Hermann Allmers behauptete stets, dass Kaiser Karl der Große bei Rechtenfleth die Weser überquert habe. Ein Schwert sollte diese Behauptung untermauern.
27.04.2021, 05:30
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Von Andrea Grotheer
Ein altes Schwert in Dichterhand

Das Schwert in den Händen des Ortsvorstehers Hardy Köhler ist eng mit Hermann Allmers Leben verbunden.

Andrea Grotheer

Rechtenfleth. Eher unscheinbar lehnt das Schwert im Feuerraum des nicht mehr genutzten Kamins in der Halle des Hermann-Allmers-Hauses. Tatsächlich aber steht es für eine kuriose Geschichte im Leben des Marschendichters (1821 bis 1902): Das Schwert soll für Allmers ein Beweis gewesen sein, dass Karl der Große, Fränkischer König von 768 bis 814 und römischer Kaiser ab dem Jahr 800, auf seinem Feldzug gegen die heidnischen Sachsen in Rechtenfleth die Weser überquert hat. Zeit seines Lebens setzte Allmers sich für diese Theorie ein.

„Hermann Allmers hatte in einem alten Buch des Mönchs Dionysius Petavius aus dem 16. Jahrhundert gelesen, dass Karl der Große bei einem Ort namens Alisni über die Weser gegangen sein soll“, erzählt Hardy Köhler, Ortsvorsteher von Rechtenfleth. Im Landkreis Wesermarsch gebe es – quasi genau gegenüber von Rechtenfleth – einen Ort namens Alse, den Allmers mit Alisni gleichgesetzt und seine Theorie damit begründete. Als um 1891 bei Baggerarbeiten in der Weser das Schwert gefunden wurde, sei es in den Besitz von Hermann Allmers gelangt. Und der ordnete es Karl dem Großen zu.

Darüber berichtet ein erhalten gebliebener Brief des für die Arbeiten an der Weser zuständigen Oberbaudirektors Ludwig Franzius vom 29. Dezember 1894: „Es soll vor etwa zwei bis drei Jahren, entgegen der amtlichen Vorschrift, dass alle in der Weser gefundenen Sachen zunächst an das hiesige Büro für Unterweserkorrektur abgeliefert werden sollen, durch einen Beamten der UnterW-Korr. dir ein Schwert geschenkt oder wenigstens in die Hand gegeben sein“, heißt es dort.

Zitiert wird der Brief in dem Buch „Hermann Allmers und das Altertum“. Herausgeber war Matthias D. Schön und das Zitat fand sich im Kapitel „Ein Schwert aus der Weser“ von Matthias D. Schön und Herbert Westpfahl. Besagter Ludwig Franzius gehörte zum Freundeskreis von Hermann Allmers und schrieb fast ein wenig scherzhaft: „Du denkst wohl, dass ich vor lauter Langeweile dir einen Neujahrsbrief schreiben will?! Weit gefehlt, es handelt sich um eine hochnotpeinliche Sache, in welcher du eine sehr bedenkliche Rolle gespielt haben sollst.“ Außerdem heißt es: „Es ist von dir bekannt, dass du dich bemühst, die Welt glauben zu machen, dass s. Zt. Carl der Große bei Rechtenfleth über die Weser gegangen sei und in deinem Hause gefrühstückt habe.“

Damit Allmers „auf seine alten Tage nicht in gerichtliche Prozesse verwickelt werde“, riet ihm sein Freund, das Schwert zurückzugeben. „Man sieht, du willst jenen Anspruch auf die Vornehmheit deines Hauses mit Hilfe des listig erworbenen Schwertes verstärken“, so der Vorwurf. Dennoch befindet sich das Schwert bis heute im Allmers-Nachlass.

„Untersuchungen haben ergeben, dass es sich bei der Waffe um einen sogenannten Katzbalger handelt, ein Schwert aus dem 17. Jahrhundert“, weiß Hardy Köhler über die Waffe aus dem 30-jährigen Krieg. Ein Teil der Klinge fehle offensichtlich. Und ein Holzgriff wird wahrscheinlich vorhanden gewesen sein. Ob Hermann Allmers tatsächlich an die Verbindung zwischen Karl dem Großen und der Weserortschaft Rechtenfleth glaubte, bleibt offen: „Es gibt die Annahme, dass er den Ort nur berühmt machen wollte“, sagt Allmers-Kenner Hardy Köhler.

Begeistert vom Schaffen des Marschendichters ist auch der elfjährige Florian aus Rechtenfleth. Er hat am Wettbewerb um das Hermann-Allmers-Diplom teilgenommen. Den Wettbewerb hatte Ortsvorsteher Köhler anlässlich des 200. Geburtstag von Hermann Allmers ausgerufen. „Es ist faszinierend, was er hier alles hatte und dass er so viele Briefe geschrieben hat“, sagt der Gymnasiast auch mit Blick auf die zahlreichen Handwerksarbeiten in dem historischen Haus und die große Briefe-Sammlung. Die regionale Kultur hat für den Schüler Bedeutung: „Es ist schön, wenn man aus Rechtenfleth kommt, auch etwas über Hermann Allmers zu wissen.“

In der Halle des Hermann-Allmers-Hauses hängt ein großes Gemälde, das Karl den Großen in Herrscherpose zeigt. Geschaffen hat es Heinrich von Dörnberg, ein Malerfreund von Hermann Allmers. „Es gibt keine Bildnisse von Karl dem Großen. Ich kann mir vorstellen, wie die beiden hier gesessen und sich überlegt haben, wie er wohl ausgesehen haben könnte“, hat Hardy Köhler diese Szene fast vor Augen. Herausgekommen ist die Darstellung eines Kaisers mit Schwert, Krone und Reichsapfel, die auch als Vorlage für das Karls-Denkmal dienen sollte.

„Allmers wollte ein Denkmal für den, der das Christentum hergebracht hat“, erzählt Köhler. Das sei nicht überall auf Gegenliebe gestoßen, zumal Karl der Große auf seinem Weg viele Opfer hinterlassen habe und auch als sogenannter Sachsenschlächter betitelt wurde. „Hermann Löns, zu Allmers Lebzeiten Dichter aus der Lüneburger Heide, hatte sich vehement gegen ein Denkmal ausgesprochen“, weiß Köhler. Enthüllt wurde 1899 dennoch das „Denkmal zum Gedächtnis des gewaltigen Kaiser Karls des Großen“.

Mehr als 30 Jahre habe sich Allmers mit der Denkmal-Idee beschäftigt, berichtet Axel Behne in dem Buch „Das Haus des Dichters Hermann Allmers in Rechtenfleth an der Weser“. Bei der Realisierung habe ihm schließlich Professor August Tiede aus Berlin, einer seiner zahlreichen Freunde aus dem römischen Freundeskreis der Colonna-Gesellschaft, geholfen. Mit dem Entwurf sei der Architekt Christoph Hehl, Professor für mittelalterliche Baukunst an der Technischen Hochschule in Charlottenburg beauftragt worden. Die Steinmetzarbeiten übernahmen die Gebrüder Küsthardt aus Hildesheim.

Zur Einweihung am zweiten Pfingsttag 1899 seien, trotz aller Vorbehalten im Vorfeld, gut 2500 Festgäste nach Rechtenfleth gekommen. 2010 wurde das Denkmal im Verlauf einer Deicherhöhung saniert und vor den Deichfuß versetzt. So steht der steinerne Karl der Große bis heute am Deich in Rechtenfleth, einem Ort, den er zu Lebzeiten mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nie gesehen hat.

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