Deichbrand 2019

Früher war mehr Musik

Früher gab es auf einem Festival wie dem Deichbrand gefühlt mehr Musik. Für viele Besucher geht es aber um mehr. Neben den Konzerten steht auch das Rahmenprogramm mit Riesenrad und Konfetti im Mittelpunkt.
20.07.2019, 20:50
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Früher war mehr Musik
Von Pascal Faltermann
Früher war mehr Musik

Bei einer Runde im Riesenrad auf dem Deichbrand-Gelände kann sich jeder Gedanken machen, was er neben den 100 Konzerten des Festivals noch erleben möchte.

Bernd Kramer

In Jogginghosen, kurzen Shorts, alten Trainingsanzügen und mit Schweißbändern haben sich die Festivalbesucher vor der Fire Stage eingefunden. Die morgendliche Sporteinheit steht auf dem Programm. Also fit werden, klar kommen, aufwachen oder den Kater aus dem müden Körper schwitzen. Der Sonnabend beim Deichbrand-Festival am Seeflughafen Cuxhaven/Nordholz beginnt um 12 Uhr verhältnismäßig früh. Die Punkrocker Donots aus Ibbenbüren sind sonst eher im Abendprogramm zu finden, doch zu ihrem 25. Bandgeburtstag haben die Mitglieder verrückte Ideen im Kopf. Sie nennen es Bier-Cardio oder auch Frühsport, was sie auf der Hauptbühne veranstalten. Kniebeugen, Rudern, Hüpfen oder im Sitzen vor und zurück rudern – so wird der Kreislauf der noch trägen Menschenmasse in Gang gebracht.

Früher war mehr Punkrock, die Musik stand stärker im Fokus, sagen viele der älteren Konzertgänger zu solchen Aktionen. Klar: Musik sollte immer da sein, zumindest auf einer Großveranstaltung wie dem Deichbrand. Für viele Besucher und die Veranstalter geht es aber um mehr. Neben den Konzerten stehen das Erlebnis, die Show, das Rahmenprogramm und die Unterhaltung im Mittelpunkt. Riesenrad, Henna-Malerei sowie Flammenwerfer und Konfettikanonen an den Bühnen zeugen davon.

Lesen Sie auch

Die Donots, diese Spaß-Energie-Krawall-Band um Sänger Ingo Knollmann und Bruder Guido (Gitarre), sind bekannt dafür, dass sie nicht einfach nur ein Konzert spielen. Irgendeinen Quatsch lassen sie sich immer einfallen. Und so wird dieses Mal eben zu Songs wie „Wake the Dogs“, „Geschichten vom Boden“ oder „So Long“ ordentlich Sport getrieben. Das ist früh für die abgerockten Festivalbesucher und führt nahe an die Leistungsgrenzen. Herzgymnastik mit Gerstensaft zum Frühstück. Die Liegestütze macht Sänger Ingo Knollmann mitten in der Menschenmenge. Auch so geht Festival.

Zusätzliches Geheimkonzert der Donots

Doch nach der morgendlichen Einheit haben die Donots-Mitglieder nicht genug. Kurzfristig geben sie ein Geheimkonzert auf der kleinen Bühne Hafenbar bekannt. Ähnlich machen es weitere Bands, die am Merchandise-Stand spielen. Um 16 Uhr geht es also mit der „dritten Halbzeit der Herzen“, so Ingo Knollmann, weiter. Da stört auch der Regen nicht, der durch das am Festival vorbeigezogene Gewitter den Boden befeuchtet und den aufgewirbelten Staub in der Luft mindert. Knollmann zitiert dazu seine Mutter: „Der meiste Regen fällt sowieso daneben.“

Der kurzzeitige Niederschlag – das angekündigte Unwetter mit Starkregen und Hagel war es nicht – hält die Deichbrand-Besucher auch von weiteren Aktivitäten abseits der Musik nicht ab. Vorm Haupteingang hat die ESK Events & Promotion GmbH bereits zum dritten Mal eine Flunkyball-Arena aufgebaut. Ein Spielfeld für ein Saufspiel. In Vorrunden, Viertel-, Halb- und Finalspielen treten sechsköpfige Teams gegeneinander an, die jeweils in Reihe aufgestellt, einen Ball auf eine fünf Meter entfernte Flasche am Boden werfen. Kippt die Flasche um, darf getrunken werden, bis sie wieder steht. Gewinner ist, wer zuerst die 0,5-Liter-Dosen ausgetrunken hat. „Wir hatten drei Tage geplant, richten das Turnier nun aber an vier aus“, sagt Spielleiter Lucas Paradies von ESK Events & Promotion. Insgesamt nehmen 64 Teams an den Spielen teil, angemeldet hätten sich rund 240.

Lesen Sie auch

Bei zahlreichen Spielen auf dem Campingplatz geht es nur darum, möglichst viel Flüssigkeit in kurzer Zeit in den Körper zu bekommen. Oder ganz einfach: Bier aus dem Trichter oder einem Schlauch.

Wesentlich ruhiger geht es da im Green Circus zu. In braunen Zelten werden Yoga am Morgen, Henna-Malerei, Bier-Yoga oder orientalischer Tanz angeboten. Direkt daneben ist eine Fläche zum Slacken angelegt. Ähnlich dem Seiltanzen balancieren die Menschen dabei auf einem Kunstfaser- oder Gurtband.

Umfangreiches Rahmenprogramm

Marc Engelke und Daniel Schneider, die Geschäftsführer des Deichbrand-Festivals, setzen bewusst auf ein umfangreiches Rahmenprogramm. Wer will, kann nicht nur im XXL-Pool schwimmen gehen, sondern auch Wakeboarden, Kitesurfen oder einen Ausflug zu den Seehundbänken machen. Weitere Angebote: Stand Up Paddling, Wattwandern, Besuch eines Escape Rooms oder Flüge mit dem Hubschrauber. Bei einer Runde im Riesenrad kann sich jeder Gedanken machen, was er neben den 100 Konzerten des Festivals noch so erleben möchte. Und sonst überrumpeln Promoter die Gäste und spielen mit ihnen Stein-Schere-Papier.

Ein Trend, der sich auch auf der Bühne zeigt. Es geht eben nicht nur um die Musik, sondern auch um die Effekte, die Show, die Interaktion mit dem Publikum. Musikalisch lässt sich beispielsweise über den Auftritt des ersten Headliners am Freitag, Thirty Seconds to Mars, streiten. Aber bei der aus Los Angeles stammenden Alternative-Rock-Band um Sänger und Schauspieler Jared Leto bestimmen Luftschlangen, künstlicher Nebel und riesige, bunte Gummibälle die Show. Fliegen die Luftschlangen, jubelt, grölt und feiert die Masse.

Lesen Sie auch

Der Headliner am Sonntag, der deutscher Rapper und Sänger Alligatoah, probierte vergangenen Jahr etwas anderes aus. Er lud zum Sitzkonzert am Mittag ein. Volle Konzentration auf die Musik. Mal sehen, was er sich an diesem Sonntag zum Abschluss des Festivals auf der Hauptbühne einfallen lässt. Für ihn ist es übrigens ein Heimspiel, er stammt aus Langen – direkt um die Ecke des Deichbrand.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+