Brokser Heiratsmarkt abgesagt

„Ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf“

Der Marktmeister der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen, Ralf Rohlfing, spricht über die Absage des Brokser Heiratsmarktes. Unter anderem erklärt er, warum die Veranstaltung nicht in den September verlegt wurde.
07.05.2020, 06:50
Lesedauer: 5 Min
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„Ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf“
Von Micha Bustian
„Ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf“

Nächstes Jahr wieder: Bullenreiten vor Tausenden von Augenpaaren ist wegen des Coronavirus zurzeit nicht drin – der für Ende August geplante Brokser Heiratsmarkt wurde abgesagt.

Michael Braunschädel
Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie mitbeschließen mussten, dass der Brokser Heiratsmarkt nicht stattfinden soll?

Ralf Rohlfing: Dass es die vernünftigste Entscheidung ist, den Brokser Heiratsmarkt in diesem Jahr nicht zu veranstalten. Mich hat es trotzdem sehr gewurmt, dass wir keine andere Lösung finden konnten und in der jetzigen Situation machtlos sind. Am Donnerstag war ich aber schon gefasster. Was ich eine Woche vorher bei der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin Angela Merkel gedacht habe, möchte ich lieber nicht sagen – zumindest fing das Wort mit S an. Und dann schoss mir durch den Kopf: „Mensch, das sollte unser Jahr werden!“. 375 Jahre Brokser Heiratsmarkt, und dann das! Ich musste dann erstmal an die frische Luft und bin – wie so oft derzeit – zu „meinem“ Marktplatz gegangen. Und ich glaube, ich habe mit ihm gesprochen.

Warum wurde die Verlegung in den September zu den Akten gelegt?

Zunächst muss man festhalten, dass aufgrund des Verbots von Großveranstaltungen bis mindestens 31. August der Brokser Heiratsmarkt 2020 ohnehin abgesagt werden musste. Nachdem wir eine Nacht darüber geschlafen hatten, waren sich aber Politik und Verwaltung schnell einig, dass die Alternative des Verschiebens in Ruhe geprüft wird. Das waren wir den Marktbeschickern und den Marktbesuchern schuldig. Bei der Prüfung standen viele Einzelpunkte auf der Liste, unter anderem Terminüberschneidungen mit anderen Märkten. Dass der Markt dann anders aussehen würde, war uns gleich klar. Dass wir eine riesige Menge von Zusatzarbeiten hätten, wäre auch logisch gewesen. Das wäre meinen Kolleginnen aus dem Marktteam und mir aber egal gewesen. Rat und Verwaltung hätten alles an Manpower dafür eingesetzt. Am Ende der Abwägung aller Parameter musste man aber feststellen, dass bei den derzeitigen Rahmenbedingungen, sowohl in rechtlicher als auch gesellschaftlicher Hinsicht, eine Verschiebung in den September nicht zu vertreten war. Dass wir mit unserer Einschätzung nicht ganz schief liegen, zeigt auch die zeitgleiche Absage der Stadt Bonn für den „Pützchensmarkt“ Mitte September.

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Wen trifft die Absage härter: Besucher oder Marktbeschicker?

Eigentlich hinkt der Vergleich gewaltig. Man kann sicherlich den wirtschaftlichen und den ideellen Wert schlecht messen. Nach der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin kamen unendlich viele Nachrichten von Freunden und Bekannten sowie von Schaustellern auf den verschiedensten Kanälen an. Aus dem gesamten Bundesgebiet kam die Frage auf: „Und nun?“ Für die Besucher ist eine Welt zusammengebrochen, da oft die gesamte Urlaubsplanung auf den Brokser Heiratsmarkt ausgerichtet ist. Es gilt dann, wieder nach Hause zu kommen, seine Leute zu treffen, den „Brokser“ zu feiern und zu erleben. Wie zum Beispiel meine Tochter, die seit Jahren in Wien lebt und mit Freund und dessen Familie über den Markt nach Broksen kommen wollte. Für viele Besucher wäre es gerade in der jetzigen Zeit eine willkommene Abwechslung zum Alltag gewesen, für ein paar Stunden die Sorgen vergessen, wieder Kraft und Lebensfreude tanken. Für die Marktbeschicker bedeutet die Absage natürlich auf der einen Seite einen großen wirtschaftlichen Verlust. Sowohl für Schausteller als auch für örtliche Gastronomen, aber auch für das gesamte Umfeld: Zulieferer, Anlieger, Logistiker, Vermieter von Ferienwohnungen und Zimmern. Am ganzen Markt hängt eine so große Maschinerie, die von Außenstehenden nicht gesehen wird. Gerade in der jetzigen Zeit ist die Marktabsage noch der Schlag mit dem Hammer auf dem Kopf – ich hoffe, nicht der Knockout. Aber auch für viele Marktbeschicker bedeutet die Teilnahme am Brokser Heiratsmarkt etwas ganz Besonderes. Oft stehen ganze Generationen auf dem Markt, man kennt sich untereinander, und man fühlt sich auch im Ort willkommen.

Bleibt das geplante Programm bestehen? Immerhin läuft die 375. Auflage des Brokser Marktes ja nun im Jahr 2021.

Rat und Verwaltung haben sich in den vergangenen Monaten, ach, in den vergangenen Jahren so viel Mühe bei den Planungen zu den Festlichkeiten gegeben, dass diese aus meiner Sicht nicht einfach ausfallen beziehungsweise im Schreibtisch verschwinden können. Die ganze Region hat sich schon auf diesen Marktgeburtstag gefreut. Nicht zuletzt für den Festumzug liefen in vielen Vereinen und Gruppen schon die Vorbereitungen. Aber wie heißt es so schön: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Insgesamt sind das Themen, die nun im Arbeitskreis zum Marktjubiläum besprochen werden müssen.

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Ist es nicht irgendwie auch schön, für die Planungen eines solchen Jubiläums-Events jetzt mehr Zeit zu haben?

Ob man das als schön bezeichnen kann? Wir haben uns auf der Zielgraden zum Jubiläum befunden, als uns das Coronavirus kalt erwischte. Im Prinzip gab es bei der Eröffnung zum ersten Teil der Ausstellung der Zeitreise am 8. März die Hiobsbotschaft, dass die ersten Veranstaltungen abgesagt werden und wir mit alltäglichen Einschränkungen zu leben haben. Wir hatten bis dato insgesamt ein supertolles Jubiläumsprogramm neben dem eigentlichen Marktgeschehen. Es wäre schön gewesen, wenn wir das alles schon in diesem Jahr umgesetzt hätten. Die Absage bedeutet für uns aber auch: Jetzt erst recht. Dann wird der nächste Markt noch schöner, noch besser, und die Besucher können und müssen doppelt so doll feiern. Mich beruhigt es, dass mit Christina Wendt, Sarah Verheyen und Anjelina Brinster hochmotivierte Kollegen nur darauf warten, mit mir den Markt 2021 zu planen und durchzuführen. Mit Bernd Bormann und Lars Bierfischer sowie dem gesamte Fleckenrat weiß man auch, dass einem der Rücken gestärkt wird. Mein Marktausschussvorsitzender Hermann Hamann hat schon gleich am nächsten Tag gefragt, wann weitergeplant wird.

Ist es nicht sogar die Chance, die Jubiläumsfeierlichkeiten noch um einen Kracher zu erweitern? Was oder wer käme da in Frage?

Ob es eine Chance ist, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Für uns heißt es zunächst, das bisherige Jubiläumsprogramm zu überprüfen und auf das nächste Jahr abzustimmen. Ich hoffe nicht, dass die Corona-Krise irgendwelche Auswirkungen darauf hat. Aber wie man uns kennt, ruhen wir uns nicht aus. Und: Klar wird es die eine oder andere neue Idee geben. Vielleicht gelingt es uns, mit neuen Highlights aufzuwarten. Die Marktbesucher können gespannt sein. Bekanntlich ist die Vorfreude auch die schönste Freude, und nach diesem Jahr ohnehin. Bei den Fahrgeschäften bleibt natürlich zu hoffen, dass die Highlights in den kommenden Monaten nicht ausgehen. Ohnehin drücke ich allen Schaustellern und Gastronomen die Daumen, dass sie halbwegs unbeschadet aus dieser großen Krise kommen, damit wir dann im nächsten Jahr alle wiedersehen. Hoffen wir, dass Hilfsprogramme und Rettungsschirme einen Erfolg bringen, damit das Kulturgut Volksfest auch zukünftig zum festen Erscheinungsbild Deutschlands zählt. Der größte Kracher wäre es aber, wenn wir uns im nächsten Jahr alle gesund und munter wiedersehen und es dann heißt: „Wir sind die Lichter aus der Ferne“. Denn: „Schausteller bringen Licht in das Dunkel der Welt.“ Sagt schon Papst Franziskus.

Die Fragen stellte Micha Bustian.

Info

Zur Person

Ralf Rohlfing

ist Marktmeister bei der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen. In dieser Funktion ist er zuständig für die Planung des Brokser Heiratsmarktes. Das Volksfest, das jährlich rund 400 000 Besucher anzieht, musste jüngst abgesagt werden.

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