Forum Bruchhausen-Vilsen ARD-Börsenexperte Markus Gürne referiert in Bruchhausen-Vilsen

Europa muss Ziele erkennen, definieren und umsetzen, um in einer verändernden Welt seinen Platz zu erhalten. Darum ging es beim Wirtschaftsgespräch mit ARD-Börsenexperte Markus Gürne in Bruchhausen-Vilsen.
06.10.2021, 16:45
Lesedauer: 4 Min
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ARD-Börsenexperte Markus Gürne referiert in Bruchhausen-Vilsen
Von Ivonne Wolfgramm

Bruchhausen-Vilsen. Zahlreiche Herausforderungen beschäftigen die heutige Welt. Machtverhältnisse in der internationalen Politik verschieben sich, genauso wie die Lebensumwelt und Bedürfnisse des Menschen. Alte Funktionsweisen, die bisher gut funktioniert haben, lassen sich in der neuen Welt nicht mehr anwenden. Das kann ganze Nationen oder sogar Kontinente vor Probleme stellen. Das sagt zumindest der Börsenexperte und Journalist Markus Gürne, der am Dienstagabend zu Gast im Forum des Schulzentrums in Bruchhausen-Vilsen war.

Gürne moderiert seit vielen Jahren die Sendung "Börse vor Acht", die jeden Abend fünf Minuten vor der Tagesschau im Ersten läuft. Es war die Einladung der Samtgemeinde und der Kreissparkasse Syke, die ihn anlässlich des jährlichen Wirtschaftsgespräches in den Luftkurort führte. Für Samtgemeinde-Bürgermeister Bernd Bormann war es eine Freude, diese Veranstaltung mit ihrem hochkarätigen Referenten nun endlich stattfinden zu lassen – immerhin sollte das Wirtschaftsgespräch bereits im Mai dieses Jahres erfolgen. Doch die Pandemie machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. 

"Alte Lösungen für neue Probleme in einer veränderten Welt" lautete das Thema, über das Gürne mit dem doch zahlreich erschienen Publikum sprechen wollte. "Wir in Europa sind nicht in der Lage, Konflikte nachhaltig zu befrieden", sagte der erfahrene Journalist zu Beginn seines Vortrages. Das habe man jüngst in Afghanistan beispielhaft sehen können. "Was der Westen hinterlassen hat, ist in vielerlei Hinsicht eine Bankrott-Erklärung." Diese habe an einem Tag begonnen, an dem die Vereinigten Staaten sagten: "Wir gehen raus." Und klar war, dass die Europäer nicht in der Lage sind, eine Infrastruktur vorzuhalten, die es ermöglicht, Leute aus dem Land herauszuholen. "Insofern muss man sagen, dass der Einfluss Europas in Griechenland endet", lautet Gürnes These. "Die Welt mit dem Blick von oben, wie supernationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die OECD ihn sehen, ist ganz anders als das, was Lokal-, Landes- und Bundespolitik und selbst internationale Politik macht." Daher lohne sich für den einfachen Mensch oft ein Perspektivwechsel. 

Abhängigkeiten reduzieren

"Deutschland ist ein Land mit einer unglaublich guten Industrie. Und das ist gleichzeitig unsere Achillesferse", sagt der Börsenexperte. Denn Industriegüter wie Maschinenbau und Autos werden auf diese Art und Weise nicht mehr lange fortbestehen. Der Großteil der täglich gebrauchten Technik wie Smartphones oder Laptops kommt aus den USA. Und für jedes dieser Produkte und der Unternehmen gibt es ein chinesisches Äquivalent. Für Deutschland sind beide Märkte wichtig, daher sind Freihandelsabkommen oder protektionistische Handlungen, die die Märkte schließen, schlecht. "Daher müssen wir versuchen, Abhängigkeiten zu reduzieren", sagt Gürne. Da der Wohlstand in Deutschland eng mit dem aus China und USA verbunden ist, stellt sich eine neue Abhängigkeit ein. Gürnes Lösung, dieser zu entfliehen, lautet: "Wir müssen innovativer werden und das machen, was wir gut beherrschen: Premium herstellen." 

Wohin bewegen sich künftig das Leben und Arbeiten, stellte der Journalist als Frage in den Raum. China und Indien machen es aus seiner Sicht bereits vor, nämlich auf Innovationen zu setzen. "Die Menschen dort wollen Teilhabe an Geld, Status und vor allem Lebensqualität." Und das gehe am besten, wenn die Politik Lebensbedingungen schafft, mit denen die Mehrheit der Menschen einverstanden ist. "Es kann nicht unser Interesse sein, uns die Lebensbedingungen von diesen Ländern diktieren zu lassen", sagt Gürne. Denn wer wie China die Rohstoffe hat, auf denen der hiesige Wohlstand aufgebaut ist, kann diese auch am Ende als politische Waffe einsetzen. Für die alten Industrienationen in Europa wird der Erhalt des Wohlstands dann schwierig, sofern es keine geeigneten Lösungen gibt.

Ökonomie finanziert Ökologie

Der immer größer werdende Ruf nach klimaneutralen Produkten nimmt zu. Da täte es einer Wirtschaft gut, mit ihren Waren und Unternehmen an der Spitze zu stehen. Und das funktioniere laut Gürne am besten durch den Einsatz von Kapital, wie er kurz auf den Punkt bringt: "Ökonomie finanziert Ökologie."

Der Schwerpunkt auf der Welt wird sich künftig unweigerlich verschieben – nämlich gen Fernost. Das hat vier einfache Gründe, wie er aufzählt: In Asien ist die Bevölkerungsdichte am höchsten, Innovationen werden schneller umgesetzt, der Kontinent ist am besten aus der Krise gekommen und der wirtschaftliche Aufschwung geht dort rasant vonstatten. "Wir leben im asiatischen Jahrhundert", stellt Markus Gürne eindeutig klar.

Um als vergleichsweise kleine Nation in einer von neuen Supermächten gesteuerten Welt mithalten zu können, muss sich nicht nur die Wirtschaft verändern, sondern auch die politische Führung. Politik müsse verantwortungsvoller und innovativer werden. Und sie müsse vor allem eins: ihre Interessen definieren, um Wohlstand zu erhalten.

Zum Abschluss seines Vortrages gab der Leiter der ARD-Börsenredaktion noch einen Einblick in seine Intention: "Ich möchte die Leute schlauer machen. Ich möchte, dass Sie wissen, was Aktien und Sachwerte sind und was Immobilien gut oder schlecht macht. Denn Geld zu aktivieren, statt es liegenzulassen, ist derzeit nicht die allerdämlichste Idee."

Zur Sache

Ein Kriegsreporter aus Schwaben

Markus Gürne wurde 1970 in Stuttgart geboren und ist sowohl Journalist als auch Fernsehmoderator. Er leitet seit Januar 2012 die ARD-Börsenredaktion und moderiert unter anderem die Sendung "Börse vor Acht."

In Tübingen studierte er Rechts- und Politikwissenschaften sowie allgemeine Rhetorik. Bereits als Schüler arbeitete er in der Sportredaktion des Süddeutschen Rundfunks. Sein Volontariat absolvierte er während des Studiums in der Redaktion des SWF-Landesstudios in Tübingen.

1998 berichtete Markus Gürne als ARD-Korrespondent aus Baden-Württemberg, 2001 absolvierte er eine Ausbildung zum Krisen- und Kriegsreporter in London. Ab 2003 war er für mehrere Jahre als Auslandskorrespondent unter anderem in Kairo, Neu-Delhi und im Irak tätig. 

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