Interview mit GEW-Chefin

„Bedingungen sind einfach zu schlecht“

Lehrermangel, Digitalisierung, Unterrichtsausfall – die Schulen auch im Landkreis Diepholz stehen vor großen Aufgaben. Wir haben mit Laura Pooth, Vorsitzende der niedersächsischen GEW, darüber gesprochen.
14.01.2020, 17:40
Lesedauer: 5 Min
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„Bedingungen sind einfach zu schlecht“
Von Eike Wienbarg
„Bedingungen sind einfach zu schlecht“

Durch den Fachkräftemangel bei Lehrern sieht Laura Pooth auch die Unterrichtsversorgung in Gefahr.

Sven Hoppe/DPA

Frau Pooth, an welcher Schulform und in welchen Bereichen mangelt es am meisten an Lehrern?

Laura Pooth: An den schlechter bezahlten Schulformen, den Grund-, Haupt-, Real- und Oberschulen. Ebenso an den Berufsbildenden Schulen. Es sind die Schulformen mit den meisten Herausforderungen, wie Ganztag, Inklusion, Zuwanderung, bei gleichzeitig höchster Unterrichtsverpflichtung, an denen sich die Stellen kaum noch besetzen lassen. Ganz besonders mangelt es an den sogenannten Brennpunktschulen.

Welche Probleme gibt es speziell im ländlichen Raum?

Besonders im ländlichen Bereich sind die Stellen an den Schulen sehr schwer zu besetzen, das sehen wir leider immer wieder. Die Beschäftigten bleiben scheinbar lieber in den Großstädten und Ballungsgebieten. Es gibt ein starkes Stadt-Land-Gefälle.

Warum entscheiden sich so wenig junge Menschen, Lehrer zu werden?

Lehrerin zu sein, ist ein wunderschöner Beruf. Unsere GEW-Studien haben gezeigt: 95 Prozent der Lehrkräfte lieben ihren Job, aber die Bedingungen sind einfach zu schlecht. Das erleben auch die jetzigen Schülerinnen und Schüler – und darunter sind ja potenziell Interessierte für ein Lehramtsstudium. Wenn die aber täglich erleben müssen, dass ihre Lehrkräfte einfach nicht genug Zeit und Energie für sie haben, überlegen sie es sich sehr gut, ob sie sich dieser enormen Dauerbelastung später einmal aussetzen möchten.

Stichwort Burn-Out oder ähnliche psychische Probleme: Ist die Belastung der Lehrer in den vergangenen Jahren größer geworden?

Weil die Debatte hochemotional geführt wird, haben wir die Belastung wissenschaftlich von der Universität Göttingen ermitteln lassen. Dabei ist herausgekommen, dass Lehrkräfte viel mehr arbeiten als sie eigentlich müssten. Der Beruf hat sich mit einer wandelnden Gesellschaft stark verändert. Durch stark heterogene Klassen sind zahlreiche Aufgaben hinzugekommen, die zwar notwendig sind, jedoch weit über die reine Wissensvermittlung hinausgehen. Vor allem der Kommunikationsbedarf ist enorm gestiegen. Zum Beispiel Gespräche mit Ämtern und Behörden, im Kollegium, mit den Kindern und Jugendlichen sowie mit ihren Eltern. Das ist für die pädagogische Arbeit unverzichtbar. Andere wichtige Aufgaben wie Unterrichtsvorbereitungen, Korrekturen oder Mail-Verkehr müssen dann oft zwangsläufig an Wochenenden, Feiertagen oder spät abends und sogar nachts erledigt werden. Am nächsten Morgen früh und topfit vor großen Klassen zu stehen, verlangt unfassbar viel Energie ab. Abstriche bei der Qualität in Kauf nehmen zu müssen und oft dem eigenen Professionalitätsverständnis nicht gerecht werden zu können, das wird laut der Göttinger Studie als größte Belastung wahrgenommen. Krankenstände und die Anzahl der Frühpensionierungen sind stark gestiegen. Das geht zu Lasten der Bildungsqualität.

Was kann gegen diese Probleme getan werden?

Die Zahl der zu unterrichtenden Stunden ist einfach zu hoch. Lehrerinnen und Lehrern muss Zeit gegeben werden, die Aufgaben zu erledigen, die über die reine Wissensvermittlung hinausgehen, also Gespräche führen und sich mit Energie und Zeit den Schülern widmen zu können. Das sieht auch der niedersächsische Kultusminister ein. Sein Ministerium hat sich die Zahlen der GEW-Studien zur Grundlage genommen, um Vorschläge für Entlastungsmaßnahmen zu entwickeln. Der Minister hat inzwischen angekündigt, dass etwas passieren soll. Noch fehlt allerdings die Umsetzung. Die GEW bleibt dran. Auch die Weiterentwicklung von multiprofessionellen Teams kann die Lage deutlich verbessern. Eine Lehrkraft allein kann die heutigen Herausforderungen kaum stemmen. Der Austausch mit pädagogischen und therapeutischen sowie technischen Fachkräften ist für das Wohl der Schülerinnen und Schüler von elementarer Bedeutung. Auch diese Beschäftigten brauchen Bedingungen, die gutes Arbeiten überhaupt ermöglichen. Die GEW hat erste Verbesserungen erreicht, aber es gibt noch Nachholbedarf. Zusätzliche Unterstützung durch Beratungslehrkräfte, Schulpsychologen, Sozialpädagogen, Supervision oder genügend Fortbildungsangebote sind leider Mangelware, oft sogar Fehlanzeige, alles in den letzten Jahren aufgrund des massiven Sparwahns der Regierung zusammengestrichen. Um jede noch so kleine Verbesserung muss die GEW mühsam kämpfen.

Sehen Sie die Unterrichtsversorgung durch den Fachkräftemangel in Gefahr?

Definitiv. Dadurch, dass es zu wenig Beschäftigte gibt, sind die noch vorhandenen Fachkräfte zusätzlich belastet. Der gestiegene Krankenstand ist eine der Konsequenzen. Viele Stundenpläne sind ohnehin schon auf Kante genäht und bei zusätzlichen Krankmeldungen fällt reichlich Unterricht aus. Besserung ist noch nicht in Sicht.

Die Schulen sehen sich mit einer verstärkten Digitalisierung konfrontiert. Gibt es dort vermehrt Probleme im ländlichen Raum aufgrund der fehlenden Infrastruktur?

Das ist tatsächlich eine der Rückmeldungen, die wir bekommen. Es scheitert oft am fehlenden Glasfasernetz. Man sollte bei dem ganzen Hype um die Digitalisierung aber nicht vergessen, dass das Vollstopfen der Klassenräume mit blinkenden Geräten der Unterhaltungsindustrie, die in wenigen Jahren Schrott sind, nicht per se zu besseren Lernerfolgen führt. Durch Wischen und Tippen auf Tablets und Smartphones hat noch niemand sprachliche Fähigkeiten erworben oder ausgebaut. Und die Fähigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen sind laut der jüngst veröffentlichten Studien alles andere als rosig. Vielmehr muss es auf den kritischen Umgang mit neuen Medien ankommen. Welche Auswirkungen haben Google, Instagram und Co. auf mein Leben? Wovor muss ich mich schützen? Dazu muss auch die Lehrkräftefortbildung deutlich ausgebaut werden.

In ländlich geprägten Gebieten gibt es auch viele kleine Schulen. Sind diese in Gefahr?

Schulschließungen sind meist ein hochemotionales Thema. Niemand forciert das gern. Es gibt allerdings gute Gründe, das Thema sinnvoller Größen einer Schule zu diskutieren. Es ist auch für die Schülerinnen und Schüler besser, wenn die Kollegien groß genug sind, damit zum Beispiel ein fachlicher Austausch zwischen den Lehrkräften stattfinden und Vertretungsunterricht gewährleistet werden kann.

Welche Botschaft möchten Sie den Gästen beim DGB-Neujahrsempfang übermitteln?

Klotzen, nicht kleckern, muss jetzt die Devise der Landesregierung im Bildungsbereich lauten. Investitionen jetzt! Und vor allem erwarte ich ein beherztes Vorgehen gegen jede Benachteiligung. Es ist ein Skandal, dass die Chance auf Bildung in Deutschland immer noch davon abhängt, wie viel Geld die Eltern auf dem Konto haben.

Die Fragen stellte Eike Wienbarg.

Info

Zur Person

Laura Pooth

ist 1978 in Göttingen geboren und wohnt in Oldenburg. Nach ihrem Abitur studierte sie auf Haupt- und Realschullehramt in Bielefeld und Kassel. Sie unterrichtete an einem Internat in Coligny (Südafrika) sowie an einer Haupt- und Realschule in Selsingen. Seit 2011 ist sie Lehrerin an der Oberschule Hesel. 2017 wurde sie zur niedersächsischen Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gewählt. 2019 wurde sie wiedergewählt.

Info

Zur Sache

Zu Gast im Landkreis Diepholz

Laura Pooth spricht an diesem Mittwoch, 15. Januar, ab 18.30 Uhr bei der Neujahrsbegegnung des DGB-Kreisverbandes Diepholz im Hotel Roshop in Barnstorf. Im Mittelpunkt soll das Thema „Die Zukunft der Schulen im ländlichen Raum“ stehen. Die Begrüßung der geladenen Gäste übernimmt Matthias Müller, Vorsitzender des DGB-Kreisverband Diepholz. Weitere Grußworte kommen vom Geschäftsführer der DGB-Region Mitte-Niedersachsen, Torsten Hannig.

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