Brokser Heiratsmarkt

Jahrhundertealte Tradition in Gefahr

Aufgrund der Corona-Pandemie sind vorläufig alle Volksfeste und Märkte abgesagt. Auch der Brokser Heiratsmarkt. Die Schausteller aus Bruchhausen-Vilsen sind nicht glücklich über die derzeitige Situation.
16.08.2020, 18:16
Lesedauer: 3 Min
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Von Bärbel Rädisch
Jahrhundertealte Tradition in Gefahr

Die heimischen Schausteller machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Der Brokser Heiratsmarkt sollte eigentlich am 21. August losgehen.

Michael Galian

Bruchhausen-Vilsen. Zwei überdimensionale Trauerflore wehen im Wind an dem Portal mit der Aufschrift „Brokser Heiratsmarkt“. Eine Gruppe Schausteller hat es am Vilser Marktplatz aufgestellt. „Tja, jetzt liefe hier längst der Countdown, wenige Tage vor Eröffnung des 375. Brokser Heiratsmarktes“, sinniert einer. Großartiges und Besonderes sollte diesen Jubiläumsmarkt auszeichnen. An fünf Tagen sollten sich wie alljährlich um die 400 000 Marktbesucher auf dem 90 000 Quadratmeter umfassenden Gelände vergnügen. Stattdessen ist wegen der Corona-Pandemie die Hoffnung zur Eröffnung endgültig gestorben. Selbst die Idee, den Start des Volksfestes um vier Wochen zu verschieben, musste begraben werden. Marktmeister Ralf Rohlfing empfand es als den traurigsten Tag seiner Amtszeit, als er die Absage des Heiratsmarktes durch den Verwaltungsausschuss überbringen musste. „Selbst zu Kriegszeiten ist das nicht passiert.“

Als großes Unglück empfinden die Schausteller aus der Region ihre derzeitige Situation. Wie kann es in der Branche der Marktbeschicker weitergehen? Lars Stummer, Vorsitzender der Schaustellervereinigung Bruchhausen-Vilsen, und Sohn Henry haben sich mit den Kollegen eingefunden, um zu bekunden: „Es gibt uns noch, trotz des faktischen Berufsverbots und der weggebrochenen Einnahmen!“ Es geht hier um eine respektable Größenordnung. Laut NDR 1 Niedersachsen sind in Deutschland etwa 5000 Schaustellerbetriebe registriert mit circa 100 000 Beschäftigten. Der Jahresumsatz auf den Volksfesten liegt deutschlandweit bei rund 4,75 Milliarden Euro. Aber ob Klein- oder Großunternehmen: Jetzt bangen mehr als 5000 Existenzen um ihre Zukunft.

„Es gab Soforthilfen bis zu 9000 Euro. Doch bei den laufenden Kosten und Zahlungsverpflichtungen, wie Bedienung von Krediten und Darlehen etwa für große Fahrgeschäfte, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.“ – „Seit Monaten gehen wir ans Eingemachte. Irgendwann sind Rücklagen aufgebraucht.“ – „Saisonarbeiter, die viele von uns beschäftigen, bekommen kein Kurzarbeitergeld.“ – „Eingespieltes Fachpersonal wandert ab. Wer weiß, ob wir es je wiedersehen.“ – „Jahrhundertealte Traditionen drohen wegzubrechen.“ – „Warum werden nicht wenigstens kleinere Märkte erlaubt?“ – „Die Bevölkerung braucht in diesen trüben Zeiten auch positive Signale und Freude.“ – „Auf Spielplätzen tummeln sich Kinder dicht an dicht. Wir dürfen nicht einmal Kinderkarusselle betreiben! Da sind keine Feierwütigen anzutreffen, die zu viel Alkohol konsumieren, was immer als Negativbescheid gilt.“ Das sind nur einige der Kommentare.

Henry Stummer, einer aus der jungen Garde, ärgert sich am meisten, dass "wir als Leidtragende nicht gehört werden von der Politik. Wir sind die Profis und haben genügend Vorschläge für Veranstaltungen in kleinerem Rahmen unterbreitet. Unsere Demonstration im Juli in Berlin mit mehr als 5000 Teilnehmern und 1000 Großfahrzeugen unter dem Motto 'Das Karussell muss sich weiter drehen' mit der Fahrt vorbei an Bundeswirtschafts-, Gesundheits- und Finanzamt zur Abschluss-Kundgebung am Brandenburger Tor, zeigte keine Wirkung. Ich habe ein fünftägiges Corona-Seminar einer Hygienebeauftragten in Braunschweig besucht, um jedwede Auflage bei einer Veranstaltung erfüllen zu können.“ „Ein Sarah Connor-Konzert mit Tausenden in Düsseldorf darf angeblich stattfinden“, wirft ein anderer ein und ein zweiter: „In Münchner Biergärten sind bis zu 8000 Menschen erlaubt.“

„Wenn uns auch noch das Weihnachtsgeschäft wegbricht, dann ist es das endgültige Aus“, sind viele überzeugt. Aber da geht ein Ruck durch die Versammlung. „Wir werden uns nicht entmutigen lassen. Wir werden weiter um Möglichkeiten kämpfen, Geld zu verdienen.“ Und beim Anblick der entschlossenen Gesichter, kommen einem die ersten Zeilen des Rilke-Gedichts „Das Karussell“ in den Sinn: „Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Pferden, alle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeht. Zwar manche sind am Wagen angespannt, doch alle haben Mut in ihren Mienen.“

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