Bruvi-Park

„Petrus kriegt eine Freifahrt“

Kein Brokser Heiratsmarkt, dafür vier Wochen Bruvi-Park - das Fazit der Schausteller fällt positiv aus. Jetzt bangen sie um eine ähnliche Veranstaltung in Zeven.
04.10.2020, 17:59
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Von Bärbel Rädisch
„Petrus kriegt eine Freifahrt“

Superhelden: Andreas Fick ist "froh und dankbar über jeden, der einsteigt".

Vasil Dinev

Bruchhausen-Vilsen. Ideen zusammengetragen, Mitstreiter gefunden, Hygiene- und Abstandspläne entwickelt, letztendlich den Pop-up-Bruvi-Park auf die Beine gestellt – das schafften die Schausteller innerhalb kurzer Zeit. Nach vier Wochen schließt sich nun, wie vorab genehmigt und beschlossen, die Eingangspforte auf dem Vilser Marktplatz. Alles war anders, streng reglementiert im Zeichen von Corona. Wie sieht das Fazit der Schausteller aus? Sie, die zähneknirschend der Pandemie den Brokser Heiratsmarkt opfern mussten – und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr.

Fünf Tage Heiratsmarkt mit Tausenden Traditionsfestanhängern standen vier Wochen nachmittäglichem Kirmesgenuss von Mittwoch bis Sonntag mit kleiner Auswahl an Fahrgeschäften, Losbuden und Ständen mit Nahrhaftem oder Süßem bei strenger Besucherbegrenzung gegenüber. Dass es nicht das große Geld bringen würde, darüber herrschte Klarheit. „Aber wir wollten uns zeigen, wollten sagen, uns gibt es noch. Wollten nicht dem Staat auf der Tasche liegen“, so der Tenor der Schausteller.

Der Wettergott war kein Spielverderber. Er bescherte spätsommerliches Flanierwetter. Sascha Schau mit dem farblich so wunderschönen Kinderkarussell „Crazy Clown“ meinte: „Petrus kriegt auf jeden Fall eine Freifahrt!“ Schau, einer aus der großen Familie der Schaus auf dem Platz, ist positiv überrascht, wie die Bevölkerung das Angebot angenommen hat. „Bei uns selbst sitzt die Angst tief, wie es weitergeht. Die acht- und 15-jährigen Söhne sind schon mit dabei. Unser Leben ist derzeit ein Überleben.“ Der große Clown mit der rot-weiß-gepunkteten Fliege und der blauen Weste mit den Sternen in der Mitte des Karussells lächelt derweil unentwegt, weil er in fröhliche Kindergesichter schaut und nichts weiß von den Sorgen der Betreiber.

Mr. Hieu freut sich, dass seine Kunden zufrieden mit seinen gebratenen Nudeln, den knusprigen Enten und dem Hühnerfleisch waren. „Es kamen viele. Jetzt aber gerne woanders hin“, meint er. Andere Betreiber hätten nichts dagegen, noch in Vilsen zu bleiben. Stephanie Schau mit dem Crêpes-Stand ist sehr zufrieden, endlich wieder Einnahmen zu haben nach der langen Durststrecke. Und auch Bodes Eis fand genügend Leckermäuler: „Das Wetter verführte zum Eisschlecken.“ Witzig ist ein Argument Heiko Forstmanns vom Fischstand. „Mir fehlten während des Lockdowns die immer neuen Gesichter der Käufer, wie ich es auf den Märkten gewohnt bin. Ich liebe einfach die Abwechslung und das bunte Treiben. Mit dem Umsatz in Vilsen bin ich zufrieden. Vor allem beeindruckt mich die Solidarität der Menschen im Ort uns gegenüber.“

Andreas Fick, Vorsitzender der Nienburger Schausteller, konnte, wie die anderen, acht Monate lang sein Fahrgeschäft „Heroes“ nicht betreiben. „Ich war vorher in der fünften Saison auf Tour durch ganz Deutschland. Dachte, so geht es weiter. Bei einem 1,2 Millionen teuren Objekt wie dem ,Heroes‘ muss man arbeiten und sein ganzes Leben abbezahlen.“ Dabei setzt er die Gondeln mit den Namen Spiderman, Batman, Thor und Ironman in Gang. Gern wäre er sicher auch einer dieser Superhelden, wohl wissend, dass auch die mit der Willfährigkeit des Alltags und mit Problemen kämpfen müssen. „Ich bin froh und dankbar über jeden, der einsteigt.“

Fick gehört zu denjenigen, die sich zusammenschlossen und die Firma Fun-Fair-Event gründeten. Dazu zählen neben ihm die drei Stummers Lars, Matthias und Henry sowie Albert Dormeier vom „Rock-Express“. Lars Stummer erklärt: „Weil es sich bei der jetzigen Veranstaltung um einen Freizeitpark handelt, ist die Kommune nicht mehr Ausrichter, wie es beispielsweise bei Volksfesten ist. Also schlossen wir uns zusammen, weil andere Kommunen oder Veranstaltungsorte einen Ansprechpartner brauchen.“

Stummer sitzt heute am Eingang, kassiert pro Besucher einen Euro und wünscht jedem „viel Spaß.“ Auch er ist zufrieden mit dem Zuspruch der Bevölkerung und der Einhaltung der Regeln. „Gut 20 000 Besucher haben uns bestärkt, ihnen Freude gemacht zu haben. Und diejenigen, die kamen, haben auch konsumiert und sind Karussell oder Auto-Scooter gefahren. Viele kamen öfter. Der Politiker Axel Knoerig war mit Familie da. Es gab keine Beanstandungen durch das Ordnungsamt, keine unschönen Auftritte wegen Trunkenheit." Albert Dormeier bemerkt: „Manche Jugendliche ergriffen die Chance, sich auf dem Platz zu treffen, was in häuslicher Atmosphäre derzeit schwierig ist. Von der Berufsgenossenschaft gab es ein positives Feedback zu den Regeln auch unseren Angestellten gegenüber.“

Er hofft, dass der geplante Auftritt in Zeven als nächstes zustande kommt. „Die zuständige Sachbearbeiterin ist erkrankt, hat keine Vertretung, und alles hängt am seidenen Faden. Wir waren ja vor Corona auf jedem Schützen- und Volksfest in der Umgebung. Die Hoffnung auf Zeven wollen wir nicht aufgeben.“ Warum auch? In Broksen war der Platz gut besucht, es herrschte aber kein Gedränge. Die Abstandsregeln wurden eingehalten. Hätte man je gedacht, dass die Deutschen so diszipliniert sein können?

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