Leiser Start in die Spargelsaison

Niedersächsischer Familienhof sorgt sich um Ernte und Absatz

Den Spargelhof des Vaters hat Henning Mysegades mit einer eigenen Gastronomie zu einem Ausflugsziel umgebaut. In der Corona-Krise steht der Familienbetrieb vor seiner schwersten Saison.
09.04.2020, 08:53
Lesedauer: 3 Min
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Niedersächsischer Familienhof sorgt sich um Ernte und Absatz
Von Björn Struß
Niedersächsischer Familienhof sorgt sich um Ernte und Absatz

Ran ans Stangengemüse: Henning Mysegades erwartet an diesem Donnerstag eine Gruppe Erntehelfer aus Rumänien.

Vasil Dinev

Mit zwitschernden ­Vögeln und ungewohnter Ruhe erobert die Natur in der Corona-Krise die Stadtzentren zurück. Wer neben der Natur den Charme der Dörfer sucht, muss nach wie vor das urbane Leben hinter sich lassen. Abseits der Autobahnen ist einigen Bauernhöfen in den vergangenen Jahren der Wandel zu einem Ausflugsziel geglückt. Ein Beispiel dafür ist der Spargelhof Mysegades in Riethausen nahe der Stadt Hoya. Auch diesen ländlichen Zipfel in Niedersachsen hat die Corona-Krise erreicht.

Henning Mysegades ist das nicht anzumerken. Er strahlt, die Frühlingssonne hat seinen Wangen eine leichte Röte verpasst. Sein graues Poloshirt ziert ein blaues Logo: Spargelhof Mysegades. Sein Vater begann 1980, das edle Gemüse auf den Feldern anzubauen. Vor vier Jahren wagte der 49-Jährige etwas Neues. In einer eigenen Gastronomie wollte er auch Gäste bewirten – selbst servieren, statt andere zu beliefern. In wenigen Tagen sollten die ersten Gruppen den Familienhof besuchen. Doch daraus wird nichts.

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„Den April haben wir schon komplett abgeschrieben. Und auch für den Mai bin ich skeptisch“, sagt Mysegades. Ein Tagesausflug inklusive Drei-Gänge-Menü zählt nicht zu den ersten Freiheiten, die eine sogenannte Exit- Strategie wieder gewähren würde. Auf die Frage, wie groß der Anteil der Gastronomie an seinen Einnahmen sei, antwortet Mysegades ausweichend. „Das ist ein festes Standbein, das nun wegbricht“, erklärt er. Für viele Spargelbauern habe sich die eigene Gastronomie in den vergangenen Jahren zu einem Erfolgsrezept entwickelt.

Ernte läuft langsam an

Das Kerngeschäft ist für den Bauern aber immer noch das Gemüse selbst. Er bewirtschaftet 20 Hektar. „Damit spiele ich hier in der Region eher in der Kreisklasse“, sagt er. Andere Landwirte hätten schon Immobilien für die Erntehelfer gekauft und brächten diese dann in Bussen zu den Feldern. In diesen Dimensionen wirtschaftet Mysegades nicht. In der Spitzenzeit braucht er für seinen Betrieb 35 Saisonkräfte. Im Vergleich zu den Schwergewichten der Branche ist das wenig.

Für den kurzen Weg zu einem seiner Felder steigt der Bauer in ein kleines Fahrzeug, kaum größer als ein Smart. Ein Dackel folgt dem Gefährt, kann aber mit seinen kurzen Beinen nicht Schritt halten. „Er ist jeden Morgen dabei, wenn die Ernte beginnt“, sagt Mysegades, als er aussteigt. Es vergeht nur ein kurzer Moment, dann hat der Dackel den Rückstand aufgeholt und beschnüffelt die Erdreihen, in denen der Spargel steckt. „Er läuft gerne oben drauf, tritt dann aber die Köpfe ab. Das macht den Vorarbeiter rasend“, sagt Mysegades.

Die Ernte läuft in diesen Tagen langsam an, noch versteckt sich der Großteil der Stangen im Erdreich. Um den Erntebeginn steuern zu können, ist die Erde mit einer schwarzen Folie bedeckt. So staut sich die Wärme im Erdreich und lässt das Gemüse emporsprießen. „Ohne die Folie würden sich die Köpfe schnell blau oder grün verfärben“, erklärt Mysegades. Dem Geschmack tue das zwar keinen Abbruch, jedoch verlange der Kunde nach weißem Spargel.

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In den ersten Tagen des Aprils arbeiten auf dem Hof zehn Saisonkräfte. Mysegades hat wie alle Spargelbauern in den vergangenen Jahren die Ernte fast ausschließlich mit Arbeitskräften aus den osteuropäischen Ländern eingefahren. Kurzzeitig hieß es aus Berlin, dass die Einreise komplett verboten wird. Regionale Jobbörsen sollten Abhilfe schaffen. „Aber die Freiwilligen haben das ja noch nie gemacht. Die hätte ich alle anlernen müssen“, sagt der 49-Jährige. Deshalb war bei ihm die Erleichterung groß, als Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gemeinsam mit Innenminister Horst Seehofer (CSU) eine Kehrtwende vollzog. Die Erntehelfer sollen kommen – zum Teil mit Sonderflügen. Eine Gruppe Rumänen wird in Riethausen an diesem Donnerstag eintreffen. „Das ist ein Vater mit drei Kindern und einem Schwiegersohn“, berichtet Mysegades. Der Vater habe schon mehrfach auf seinen Feldern geholfen. Die Zahl der Absagen ist auf seinem Hof überschaubar. Lediglich drei Erntehelfer wollen aufgrund der Corona-Krise zu Hause bleiben.

Viele Bewerbungen von neuen Helfern

Bewerbungen von neuen Helfern hat der Landwirt viele. Darunter seien zum Beispiel Osteuropäer, die in der Gastronomie arbeiten wollten und nun in Deutschland feststeckten. Weil die Erntehelfer nun doch kommen dürfen, macht sich Mysegades um die Ernte keine großen Sorgen mehr. Doch wie gelangt das Gemüse dann auch auf den Speiseteller? Diese Frage ist aktuell nicht so leicht zu beantworten. „Wir haben viele Restaurants in Bremen beliefert. Das ist natürlich nicht mehr möglich“, erklärt der Bauer.

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Auch der eigene Vertrieb gestaltet sich schwierig. „Auf dem Wochenmarkt in Findorff dürfen wir unseren Stand nicht mehr aufbauen“, sagt Mysegades. Es sei einfach zu voll, um die Abstandsregeln einzuhalten. Dabei laufe der Verkauf dort immer am besten. Sollte neben der eigenen Gastronomie auch der Absatz der Ernte schwächeln, wäre der wirtschaftliche Schaden in seinem Familienbetrieb besonders hoch.

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