Cyriakuskirche Vilsen

Pfusch am Bau rächt sich

Der Turm der Cyriakuskirche Vilsen hat einige Jahrhunderte auf dem Buckel. Das Problem: Die früheren Verantwortlichen waren bei der Restaurierung und Instandhaltung nicht sehr genau, sodass sich das nun rächt.
06.08.2020, 16:36
Lesedauer: 4 Min
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Von Bärbel Rädisch
Pfusch am Bau rächt sich

Eingezäunt ist der Turm der St.-Cyriakuskirche in Vilsen. Durch schlechte Pflege und schlechtes Material sind beim Bau große Mängel entstanden, die es nun zu berichtigen gilt.

Vasil Dinev

Bruchhausen-Vilsen. 870 Jahre hat der Turm der St.-Cyriakuskirche in Vilsen auf dem Buckel. Eine Sanierung am Gemäuer ist, wenn überhaupt, aus unterschiedlichen Gründen in den Jahrhunderten nach dem Bau oft als „Flickwerk“ erfolgt. Sei es aus Geldmangel in Notzeiten, aus Unkenntnis von Wettereinflüssen oder Materialkombinationen, die sich nicht vertrugen. Als 1883 nach Plänen des Hannoveraner Architekten und Kirchenbaumeisters Conrad Wilhelm Hase an der Ostseite dem Querhaus ein weiteres Querschiff mit Chor angebaut wurde, erfolgte auch eine Restaurierung am Turm. Zwei seiner Handwerker J.G. Hockemeyer aus Vilsen und J. Kleine haben sich hoch oben an der Nordseite des Turms verewigt. Das taten gleichfalls 1888, 1922 und 1982 Maurer der Firmen G. Rinke, A. Taube, H. Schlef, H. Rutich und G. Bunkowski und ritzten ihre Namen in den Putz. Zu sehen, wenn man die Gerüsttreppen bis unterhalb des Dachfirstes erklommen hat.

Die jetzige Restaurierung ist in vier Abschnitte aufgeteilt. In zwei Phasen erfolgte sie zunächst von 2010 bis 2015 an Kirchenschiff und Dach. Seit 2019 liegt der Fokus auf dem Turm. Das Hauptportal an der Ostseite ist seit Jahren geschlossen und abgesperrt, weil sich Mörtelbrocken aus den Fugen zwischen den Porta-Sandsteinen lösten. Ein provisorisches Überdach schützte Vorbeigehende. Es zeigte sich zudem, der Turm ist abgesackt und im Mauerwerk gibt es Ausbauchungen. Das Amt für Bau und Kunstpflege in Verden hat ein Auge auf den Denkmalschutz. „Wir wollen die Substanz bewahren und das ursprüngliche Erscheinungsbild bei der Instandsetzung einbeziehen", betont Leiter Christian Baus. Ob der Kirchenvorstand ahnte, dass es letztendlich nach derzeitiger Einschätzung bis Ende des kommenden Jahres dauern könnte, bis alle Arbeiten abgeschlossen sind? "'Seid fröhlich in Hoffnung', Römer 12 Vers 12", verkündet das Banner am bis unter die Dachtraufen eingerüsteten Turm.

Die Diplom-Restauratorin Inga Probst suchte gemeinsam mit Christiane Wimmer vom Kirchenvorstand im Kirchen- und Gemeindearchiv nach baugeschichtlichen Quellen. Untersuchungen zeigten, dass in früheren Jahrhunderten hellerer Mörtel verwendet wurde und man Steine und Fugen plan, ohne Vertiefung, mit Mörtel füllte. So ergibt sich eine ebene Fläche. Probst interessierte sich bei ihren Recherchen für in den vergangenen Jahrhunderten verwendete Steinmaterialien, für Mauer-, und Fugenmörtel. Dazu hat Inga Probst eine hundertseitige Dokumentation erstellt. Auf die Erkenntnisse greift man jetzt zurück. Das Mauerwerk erscheint dadurch heller. Das zeigte sich bereits, als an der Ostseite des Turms eine Musterfläche angelegt wurde. Zuvor allerdings galt es, beschädigte Steine und Ziegel zu entfernen und auszutauschen. Immer nur kleine Abschnitte wurden bearbeitet, und ausgebaut, nachdem alle Steine dieses Sektors durchnummeriert worden waren.

Der am Turm verbaute Porta-Sandstein bildete sich im Zeitalter des mittleren Jura, also vor mehr als einer Million Jahren, zwischen dem Weserbergland und dem Wiehengebirge. Er wurde zu einem beliebten Baumaterial für Gebäude, Brücken und mehr. Zu Rüstungszwecken wurden die letzten Bestände im Zweiten Weltkrieg verbaut. Danach sprengte man die verbliebenen Stollen und es gab keinen Abbau mehr. Glücklicherweise fanden sich in Bremen Lagerbestände, um ein Kontingent zu ordern für die Ausbesserungsarbeiten. Die Fugenmasse zwischen den Steinen darf nicht zu schnell trocknen, etwa bei Hitze oder starkem Wind, damit sie nicht reißt. Um das zu verhindern, hängen an fertigen Abschnitten Sackleinentücher, die befeuchtet werden. „Das wurde selbst an Sonntagen gemacht, wenn es nötig war“, sagt Peter Schmitz vom Kirchenvorstand bei der Begehung der Baustelle. „Einige Spaziergänger waren sehr verwundert und meinten, der Sonntag sei doch heilig.“

Unter der Bauleitung der Diplom-Ingenieurin Cornelia Roeder sind Spezialisten zur Sanierung historischer Bauwerke in Vilsen im Einsatz. Fähige Steinmetze und Zimmerleute, die Schäden an der Holzkonstruktion, dem Glockenstuhl und den Böden im Inneren des Turms beheben. Metallwerker, um inwendig neue Maueranker aus Gründen der Statik zu installieren und die äußeren Stahl-Ringanker aus früheren Zeiten zu stabilisieren. Dachdecker legen in dieser Phase die abschüssigen Fensterbänke an den Schalllöchern mit Bleischürzen aus, die sie mit breiten Kupferbändern unterseits verstärken, um sie auch bei Sturm flach zu halten. Große Handwerkskunst erfordern hier die Fugen zum Mauerwerk hin, damit die Nahtstellen dauerhaft Witterungseinflüssen trotzen, selbst wenn Materialien sich unterschiedlich ausdehnen wie Metall, das an Stein grenzt. Dazu wird Bleiwolle zu Zöpfen geflochten und mit Hammer und stumpfen Meißeln in alle Zwischenräume getrieben.

Ist 2021 die Restaurierung abgeschlossen, werden sich die Kosten auf circa 2,2 Millionen Euro belaufen. Geldgeber ist die Landeskirche Hannover und das Amt für regionale Landesentwicklung und Sanierung. Die ursprüngliche Annahme, der Mörtel löse sich durch die Vibration der Glocken im Mauerwerk, bestätigte sich nicht. Vielmehr trugen wohl die schlechte Qualität der Materialien und die Vernachlässigung, Schäden direkt zu beheben, zum desolaten Zustand bei. „Wir vergessen nicht, dass der Turm auch ein Zufluchtsort für Fledermäuse ist“, sagt Schmitz abschließend. „Sie dürfen durch Schlupflöcher im Drahtgitter einfliegen, die Tauben nicht nutzen können, und es sich in ihrem angestammten Winterquartier gemütlich machen. Ich hoffe und wünsche mir sehr, unser Angebot mit einer Maueröffnung hoch oben nehmen auch wieder Turmfalken an und lassen sich im Gemäuer nieder.“

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