Datenkolumne Cyberwar: Der Krieg im digitalen Raum

Auch im digitalen Raum führt der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu einer erhöhten Bedrohungslage. Staatlich agierende Hackergruppen beschränken sich dabei nicht nur auf das Lahmlegen von Websites.
02.03.2022, 17:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Der aktuelle Konflikt zwischen Russland und der Ukraine führt laut dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) auch im digitalen Raum zu einer erhöhten Bedrohungslage. So teilte das BSI vor einigen Tagen mit, dass insbesondere die Verwaltung des Bundes, Betreiber Kritischer Infrastrukturen aber auch Unternehmen zu einer erhöhten Wachsamkeit und Reaktionsbereitschaft aufgerufen wurden. Auch der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche arbeitet momentan daran, Experten und Ressourcen aus der Wirtschaft zum Schutz Kritischer Infrastrukturen und betroffener deutscher Unternehmen zusammenzubringen.

Wie konkret die Gefahr im digitalen Raum derzeit ist, zeigte sich bereits im Vorfeld der russischen Invasion. So waren ukrainische Regierungs- und Bankenwebsites Cyberangriffen ausgesetzt und zeitweise nicht erreichbar. Die Möglichkeiten von staatlich agierenden Hackergruppen beschränken sich dabei aber nicht nur auf das Lahmlegen von Websites. Besonders gefährlich wird es, wenn Hacker die eingangs erwähnten Kritischen Infrastrukturen ins Fadenkreuz nehmen und Angriffe deren Funktionsfähigkeit beeinträchtigen. Diese Kritischen Infrastrukturen werden in neun Bereiche aufgeteilt, zu denen die Sektoren Energie, Gesundheit, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Medien und Kultur, Wasser, Finanz- und Versicherungswesen, Ernährung sowie Staat und Verwaltung zählen. Ein erfolgreicher Angriff auf einen kritischen Betreiber kann massive Folgen für die Versorgungssicherheit der ganzen Bevölkerung eines Landes haben. In der Ukraine wurde zum Beispiel im Dezember 2016 das Stromnetz der Hauptstadt Kiew für eine gute Stunde durch einen ausgeklügelten Hackerangriff lahmgelegt.

In der Praxis müssen Cyberangriffe jedoch nicht unbedingt mit staatlich agierenden Hackergruppen zu tun haben. Tatsächlich verwischen hier die Grenzen hin zur Cyberkriminalität durch private Akteure, die mit dem Lahmlegen von Systemen persönliche wirtschaftliche Vorteile erzielen wollen. Besonders beliebt sind in diesem Zusammenhang Verschlüsselungstrojaner, die den betroffenen Unternehmen oder Privatpersonen die Zugriffsmöglichkeiten auf ihre Daten entziehen und diese gegen eine Lösegeldzahlung angeblich wiederherstellen.

In Deutschland arbeiten verschiedene Stellen auf Bundesebene an der Erhöhung der Cybersicherheit. Zu nennen ist hier etwa das Nationale Cyber-Abwehrzentrum (NCAZ), in dem mehrere Bundesbehörden zusammenarbeiten und die Sicherheitslage im digitalen Raum für Deutschland bewerten sowie ihre Aktivitäten koordinieren. Daneben kümmert sich das eingangs schon erwähnte BSI als zentrale Cyber-Sicherheitsbehörde insbesondere um den Schutz der Regierungsnetze sowie um den Schutz von Kritischen Infrastrukturen. Mehr und mehr wird dabei auch der Schutz von Unternehmen aus der Privatwirtschaft in den Tätigkeitsbereich der Behörde einbezogen. Das Bundeskriminalamt (BKA) konzentriert sich hingegen auf alle Fälle von Cyberkriminalität und das Bundesamt für Verfassungsschutz auf die Abwehr von Cyberangriffen ausländischer Nachrichtendienste. Auch die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich und die neue Agentur für Innovation in der Cybersicherheit (Cyberagentur) unterstützen deutsche Behörden und Unternehmen bei der Bewältigung der Sicherheitsanforderungen im digitalen Raum.

Auf europäischer Ebene spielt Cybersicherheit mittlerweile ebenfalls eine wichtige Rolle. So hat die Europäische Union (EU) jüngst auf Anfrage der Ukraine ihr „Cyber Rapid Response Team“ unter der Federführung Litauens aktiviert. Diese schnelle Cyber-Eingreiftruppe besteht aus Sicherheitsexperten verschiedener Länder und soll der Ukraine beim Schutz insbesondere gegen russische Cyberattacken helfen.

Daneben mischen sich immer mehr auch dezentralisiert agierende Hackergruppen in die Konflikte im digitalen Raum ein. Erst vor Kurzem verkündete das Hackerkollektiv „Anonymous“ den Cyberkrieg gegen die russische Regierung und nahm die Internetauftritte der Firma Gazprom, des Fernsehsenders Russia Today und des russischen Geheimdienstes unter digitalen Beschuss.

Insgesamt lässt sich also feststellen, dass der digitale Raum aktuell mehr denn je zahlreichen Gefährdungen ausgesetzt ist und dass teilweise sogar staatliche Akteure die Cybersicherheit von Behörden und Unternehmen gefährden. Daher wird es immer wichtiger, dass Maßnahmen getroffen werden, um Angriffe frühzeitig zu erkennen, diese abzuwehren oder zumindest den Schaden in Grenzen zu halten.

Zur Person

Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER regelmäßig Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker ist unter anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese arbeitet als Geschäftsführer bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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