Datenkolumne Die Datenkrake des Jahres

Der Big-Brother-Award ist ein Preis, den niemand wirklich haben wollen sollte. Mit der Auszeichnung werden die größten Datensünder eines Jahres gekürt.
11.05.2022, 12:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Was haben das Bundeskriminalamt, die Bundesdruckerei, die irische Datenschutzbehörde, Lieferando und Klarna gemeinsam? Sie alle sind Preisträger des Big-Brother-Awards 2022. Bei diesem Preis handelt es sich allerdings nicht um eine erstrebenswerte Trophäe. Ähnlich wie die Goldene Himbeere, mit der die schlechtesten Filme des Jahres gekürt werden, handelt es sich bei den Big-Brother-Awards um einen jährlich vergebenen Negativ-Preis, der die größten Datensünder des vergangenen Jahres kürt. Mitglieder der Jury des Big-Brother-Awards sind unter anderem ein ehemaliger Landesdatenschutzbeauftragter, ein Professor für IT-Recht sowie ein Mitglied des Chaos Computer Clubs.

Doch kommen wir nun zu den Preisträgern in diesem Jahr: In der Kategorie Arbeitsrecht wurde Lieferando gekürt. Bei dem Unternehmen, das sicher mittlerweile vielen ein Begriff ist, handelt es sich um einen Dienstleister für Essensauslieferungen. Beschäftigte erhalten ihre Aufträge dabei per App. Und genau hier setzt der Award an, denn nach Ansicht der Jury werden dabei viel zu viele Daten über die Tätigkeit der Lieferanten verarbeitet. Hierzu zählt auch die Übermittlung des Standorts der Lieferanten im 15-Sekunden-Takt, was zu einer rechtswidrigen Beschäftigtenüberwachung führt. Zum Hintergrund: Recherchen des Bayerischen Rundfunks legen nahe, dass teilweise für Fahrer bis zu 100.000 Datenpunkte über Jahre gespeichert wurden. Daneben habe das Unternehmen dann auch noch die Transparenzpflichten im Hinblick auf die Beschäftigten vernachlässigt, da diese über die Datenverarbeitung nicht ordentlich informiert wurden.

Ein blütenweißes Führungszeugnis, keinerlei Verurteilungen und trotzdem in der Kartei des Bundeskriminalamts (BKA)? Die Big-Brother-Awards skizzieren gleich mehrere Fälle, in denen die Datenbanken des Bundeskriminalamts zum Beispiel bei einer Verkehrskontrolle zum Problem werden können. Denn teilweise unterscheiden die Einträge nicht, ob man im Zusammenhang mit einer Straftat als Straftäter, Verdächtiger, Opfer, Zeuge, Hinweisgeber oder Kontaktperson in den Datenbanken geführt wird. Solange eine solche Kennzeichnung nicht erfolgt, kann dies dazu führen, dass Personen in ungerechtfertigter Weise als Gefährder oder Straftäter behandelt werden. Daneben werfen die Big-Brother-Awards auch ein Schlaglicht auf andere Datenbanken und Projekte, die zum Beispiel Fußballfans aufgrund von "Individualprognosen" aufnehmen, ohne dass ein konkreter Verdacht vorliegt oder den Einsatz von US-Software, die verfahrensübergreifende Recherchen und Analysen durchführen kann und so mehrere Datentöpfe miteinander verbindet. All das reichte aus, um dem BKA den Award in der Kategorie Behörden und Verwaltung zu verleihen.

Die Bundesdruckerei verdiente sich dieses Jahr den Award im Bereich Technik durch einen nach Ansicht der Jury falschen und überflüssigen Einsatz der Blockchain-Technologie. Die Verleihung des Preises wurde gut begründet. Denn bei dem Anwendungsszenario, für das die Bundesdruckerei Blockchain vorsah, handelte es sich um die Prüfung der Echtheit eines digitalen Schulzeugnisses. Dieses hätte nach Ansicht der Jury auch mit herkömmlichen Verfahren realisiert werden können, zumal die Bundesdruckerei die Vorteile der neuen Technik gar nicht nutzen und die Blockchain nicht öffentlich betreiben wollte. An diese Stelle muss man sich tatsächlich die Frage stellen, ob es nicht auch anders geht.

Aber auch eine Datenschutzaufsichtsbehörde durfte sich über den Negativ-Preis freuen. So kürten die Awards die irische Datenschutzaufsicht wegen Arbeitsverweigerung. Da nach Ansicht der Jury ein langjähriges System hinter der Arbeitsverweigerung stecke, reichte es dieses Mal sogar für den Preis in der Kategorie Lebenswerk. Tatsächlich muss man feststellen, dass die irische Aufsichtsbehörde in der Vergangenheit den Ruf hatte, nicht angemessen für die Einhaltung der europäischen Datenschutzrechte zu sorgen. So ist es möglicherweise kein Zufall, dass sich gerade die großen US-amerikanischen Tech-Konzerne gerne mit ihrer europäischen Hauptniederlassung in Irland einfinden. Die Awards nennen hier zum Beispiel bekannte Unternehmen wie Google, Apple, Facebook und Whatsapp, Microsoft, Linked-In, Adobe, Tiktok, Airbnb, Tinder, Twitter, Dropbox sowie Yahoo und werfen der Aufsichtsbehörde vor, zugunsten der Steuereinnahmen, die mit der Ansiedlung der Unternehmen einhergehen, bewusst auf die Durchsetzung von digitalen Bürgerrechten zu verzichten. Herzlichen Glückwunsch zum Award in der Rubrik Lebenswerk!

Im Bereich Verbraucherschutz erhielt das schwedische Unternehmen Klarna, das man auch hierzulande immer häufiger bei der Abwicklung von Online-Einkäufen antreffen kann, einen Award. Bei Klarna handelt es sich um einen großen Zahlungsdienstleister, der nach Ansicht der Jury allerdings zu viele Daten verarbeitet, um das eigene Zahlungsausfallrisiko zu mindern. So würden neben Algorithmen zur Verbraucherbewertung auch persönliche Daten nicht nur gesammelt, sondern auch „gebündelt, aggregiert und großzügig weitergegeben“.

Alles in allem werfen die Big-Brother-Awards 2022 auch dieses Jahr das Licht auf interessante Fälle. Zwar werden die Preisträger manchmal vielleicht auch anderer Ansicht sein und die Entscheidung der Jury kann in einigen Fällen durchaus hinterfragt werden. Insgesamt werden aber negative Entwicklungen und Datenschutzproblematiken durch die Awards gut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Man kann daher nur hoffen, dass die Preisträger daraus lernen und in Zukunft vielleicht sogar einmal einen positiven Datenschutzaward gewinnen – die gibt es nämlich auch.

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