Datenkolumne

Die Kraft der Gedanken

Technik per Gedankenkraft steuern? Das klingt nach purer Science-Fiction, könnte irgendwann aber Wirklichkeit sein. Unsere Experten erklären, wie weit die Forschung ist.
13.10.2020, 17:35
Lesedauer: 4 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker
Die Kraft der Gedanken

Autonomes Fahren klingt aus heutiger Sicht gar nicht mehr so nach Zukunftsmusik. Die nächste Stufe, das Steuern von Technik per Gedankenkraft, halten viele Technik-Konzerne ebenfalls für keine reine Science-Fiction mehr (Symbolbild).

Federico Gambarini/DPA

Mitte der 1990er-Jahre gab es einmal ein Computerspiel namens „Virtual Corporation“, das viele Ideen, die damals noch „Zukunftsmusik“ waren, aber heute mehr denn je zur Realität geworden sind, aufgegriffen hat: „Avatare“, also virtuelle Abbilder seiner selbst, die man sich je nach Geldbeutel zulegen konnte, die Möglichkeit, online zu arbeiten und sich mit Freunden zu treffen, bis hin zur digitalen Weltreise waren Thema. Eine weitere Technologie, die in dem Computerspiel zwar nur am Rande vorkam, aber bis heute noch nicht flächendeckend beim Anwender angelangt ist, sind sogenannte „Brain-Computer-Interfaces“ (BCI). Was das ist? Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten, während Sie am Steuer ihres Autos sitzen, E-Mails ohne Tippfehler schreiben und parallel das Auto nur mit Ihren Gedanken steuern, oder ohne Ihr Smartphone dabeizuhaben, neueste Hollywood-Blockbuster schauen oder ein Computerspiel bedienen, ein komplettes Rockkonzert auf voller Lautstärke in einem stillen Zugabteil hören, beim nächtlichen Spaziergang auf Infrarotsicht umschalten oder Ihre Emotionen ohne Worte und Gesten an Ihren Partner richten. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Das sind nur einige der Möglichkeiten, die mit der neuen Technologie BCI verfügbar sein sollen – und tatsächlich handelt es sich bei den BCIs, wenn man den jüngsten Bekundungen der Tech-Konzerne Glauben schenken kann, immer weniger um bloße Zukunftsmusik, geschweige denn Science-Fiction.

Schon seit Jahren sind Technologieentwickler weltweit darum bemüht, Schnittstellen zu entwickeln, mittels derer Computer durch Gedanken kontrolliert werden können. Auch wenn man viele der biologischen und chemischen Prozesse, die im Gehirn ablaufen und die für eine vollständige Gedankenkontrolle notwendig sind, noch nicht vollständig durchdrungen hat, so sind die bisher erzielten Fortschritte dennoch enorm. Schon 2014 ist es US-Wissenschaftlern beispielsweise gelungen, die Gliedmaßen eines durch einen Unfall gelähmten Mannes wiederzubeleben, indem sie eine technische Schnittstelle in sein Gehirn implantierten. Hierdurch erlangte er einfache motorische Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Benutzung einer Trinkflasche, zurück. Auch das US-amerikanische Militär forscht an solchen Mensch-Technik-Schnittstellen: Die auch hierzulande manchem bekannte „Defense Advanced Research Projects Agency“ (DARPA) will Technologien entwickeln, mittels derer unmittelbar über Gehirnströme militärische Drohnen oder gar ganze Drohnenschwärme kontrolliert werden können. Und vor allem anhand dieses Beispiels zeigt sich, dass BCIs nicht nur dazu geeignet sind, zu zivilen Entertainmentzwecken oder bloßen Komfortfunktionen im Alltagsleben verwendet zu werden, sondern im Zweifelsfall gar einen Funktionsumfang besitzen, der über Leben und Tod entscheiden kann, was erhebliche ethische Bedenken und Zweifel weckt.

Nichtsdestotrotz erhoffen sich viele große Tech-Konzerne, mit BCI komplett neue Geschäftsfelder erschließen zu können. Schließlich erlaubt es die Technologie, unsere Gedanken unmittelbar und damit sofort in maschinell umsetzbare Ausführungen zu übertragen – es sind also keine langwierigen Tastatur- oder Mauseingaben mehr notwendig, und damit würde unser digitales Leben erheblich vereinfacht und beschleunigt werden. Denken Sie beispielsweise einfach nur an Ihren leeren Kühlschrank, und daran, was Sie heute gerne zu Abend essen würden, und alle Lebensmittel, die Sie brauchen, sind automatisch bestellt. Gerade aufgrund dieser Annehmlichkeiten hat unter anderem auch Facebook BCIs für sich entdeckt und vor gar nicht allzu langer Zeit das US-Startup „Ctrl-Labs“ für in etwa eine Milliarde Dollar gekauft. Für ein soziales Netzwerk ist die neue Technologie Gold wert, denn Nutzer können damit nicht nur schneller Eingaben in ihre Profile oder Chats machen, sondern vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft über bis heute kaum denkbare Wege einer „Gedankenverschmelzung“ miteinander kommunizieren. Und nicht zuletzt gibt es damit natürlich auch mehr und mehr Möglichkeiten, um persönliche Daten von Usern zu erfassen und kommerziell zu nutzen, denn sein Gehirn kann man schließlich nicht einfach abschalten. Und damit wären wir, trotz aller augenscheinlichen Vorteile und Science-Fiction, auch schon bei den Nachteilen der BCIs.

Nicht nur, dass es vermutlich globale Konzerne sein werden, die entscheiden, unter welchen Bedingungen wir Zugang zu dieser Technologie haben, auch stellen sich erhebliche Fragen für den Schutz unserer Privatsphäre und der Sicherheit der BCI im Alltag. Was wäre beispielsweise, wenn eine in das Gehirn implantierte technische Schnittstelle gehackt würde? Wie könnten wir uns der zunehmenden Einflussnahme von außen noch entziehen? Kritiker sprechen daher mittlerweile von der real gewordenen Gefahr des menschlichen „Cyborgs“. Bis wir aber tatsächlich so weit sind, werden mit Sicherheit noch einige Jahre ins Land gehen, denn Elon Musks Unternehmen Neuralink experimentiert zurzeit noch mit Implantaten, die im Zuge von Tierversuchen ausschließlich an Schweinen erprobt werden.

Info

Zur Person

Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER regelmäßig Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker ist unter anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese arbeitet als Prokurist und Justiziar bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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