Datenkolumne Was tun bei Cybermobbing?

Beim Cybermobbing verstecken sich die Täter oft hinter dem Deckmantel der Anonymität des Internets. Unsere Datenschutzexperten erklären in ihrer Kolumne, was Nutzer gegen derartige Attacken unternehmen können.
07.12.2021, 16:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Seit Beginn der Corona-Pandemie verbringen viele Menschen mehr Zeit im digitalen Raum als zuvor – und das sowohl beruflich wie auch privat. Wo der zwischenmenschliche Austausch über die Sozialen Netzwerke stattfindet, kommt es nicht selten auch zu Meinungsverschiedenheiten, was völlig normal ist, da nie alle der gleichen Meinung sein können. Problematisch wird es aber dann, wenn andere Menschen gezielt und langfristig angegriffen, ausgeschlossen und öffentlich herabgewürdigt werden. In diesem Fall spricht man von „Mobbing“ und im Internet von „Cybermobbing“.

Die Formen des Cybermobbings sind vielfältig und Auslöser können beispielsweise auch sogenannte „Shitstorms“ sein: Das ist eine Welle der Entrüstung, die sich zum Beispiel aufgrund der Äußerung eines Einzelnen in den Sozialen Netzwerken schlagartig entladen kann und sich unkontrolliert verbreitet, indem sie immer wieder geteilt wird. Ein Shitstorm endet zwar meist genauso abrupt, wie er begonnen hat – sollten einzelne Nutzer aber damit beginnen, ein Opfer systematisch und gezielt im Internet zu verfolgen, dürfte die Schwelle zum Mobbing überschritten sein. Ein bekanntes Phänomen ist dabei das „Cyber Stalking“, bei dem ein Täter einem Opfer virtuell nachstellt.

Betroffen von Cybermobbing kann jeder sein – sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Auch ist es nicht unbedingt erforderlich, dass man viel in Sozialen Netzwerken unterwegs ist. Gerade solche Menschen sind aber besonders anfällig für Cybermobbing. Jüngstes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Youtuber „Drachenlord“, der schon seit 2013 im Netz von Tausenden Tätern verfolgt wird, die sich in der „realen Welt“ sogar vor seinem Haus versammelt haben, um ihm nachzustellen und öffentlich zu diffamieren.

Auch werden regelmäßig immer wieder Fälle von Cybermobbing bei Instagram oder Tiktok bekannt. Im November hat das „Bündnis gegen Cybermobbing“ eine aktuelle Studie zum Thema veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der Betroffenen seit 2018 um 25 Prozent gestiegen. In Deutschland sind 17 Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren bereits Opfer von Mobbingattacken gewesen. Besonders häufig sind laut der Studie Frauen und jüngere Menschen betroffen und das höchste Risiko für Cybermobbing haben Schüler, Auszubildende und Lehrlinge. Das zeigt, dass Mobbing auch im beruflichen Kontext häufig eine Rolle spielt. Die Gründe für das Mobbing sind vielfältig, oft spielen aber persönliche Werte und Überzeugungen und gruppendynamische Entwicklungen eine Rolle.

Was die Täter oft nicht wissen oder bewusst ignorieren: Cybermobbing kann für die Betroffenen schwerwiegende persönliche Konsequenzen haben und stellt in vielen Fällen eine Straftat dar. Unter dem Deckmantel vorgeblicher Anonymität im Netz fällt es außerdem vielen leichter, Menschen direkt anzugreifen, als dies im wirklichen Leben der Fall wäre. Die durch Cybermobbing Geschädigten können Depressionen oder negative Persönlichkeitsveränderungen erleiden, bis hin zu Problemen mit dem Selbstvertrauen, körperlichen Beschwerden und Suchtgefahren von Alkohol, Medikamenten oder Drogen. Laut der Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing stufen sich 15 Prozent der Betroffenen gar als suizidgefährdet ein. Im Arbeitsleben weisen Menschen, die durch Mobbing betroffen sind, fast doppelt so viele Krankheitstage auf wie nicht betroffene Beschäftigte.

Umso wichtiger ist es, Cybermobbing schon frühzeitig zu erkennen und richtig zu handeln. Wie bei einem Shitstorm gilt es zunächst, sich ruhig zu verhalten, denn Gegenäußerungen stacheln die Täter meist nur mehr an und mit vernünftigen Worten kommt man meistens nicht zum Ziel, da es sich nicht um eine sachliche Diskussion handelt. Auch sollte man schon im Vorfeld beachten, welche persönlichen Informationen und Meinungen man über sich im Internet preisgibt. Für eine eventuelle spätere (straf-)rechtliche Verfolgung sollten Betroffene möglichst alle Vorgänge dokumentieren, indem sie zum Beispiel Screenshots anfertigen. Auch kann man in vielen Sozialen Netzwerken den Antrag stellen, unangemessene Inhalte löschen zu lassen. Wenn es um nichtöffentliche Unterhaltungen geht, kann ein Nutzer, der Cybermobbing betreibt, auch blockiert werden, sodass er keine Nachrichten mehr verschicken kann. Sollte all dies nicht helfen, ist es wichtig, möglichst schnell Hilfe von außen zu holen, beispielsweise durch den Klassenlehrer oder durch die Schulleitung. In besonders schlimmen Fällen sollte ebenso erwogen werden, durch Cybermobbing begangene Straftaten strafrechtlich verfolgen zu lassen. Ansprechpartner kann hier die Polizei vor Ort sein. Bei akuten psychischen Problemen ist die Telefonseelsorge anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter den Rufnummern 08 00 / 1 11 01 11 und 08 00 / 1 11 02 22 erreichbar.

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Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER regelmäßig Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker ist unter anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese arbeitet als Prokurist und Justiziar bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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