Datenkolumne Stalkerware: Wenn man den eigenen Partner digital verfolgt

Ortungstools, Überwachungsprogramme und mehr auf dem Smartphone können nützlich sein. Doch sie können auch missbraucht werden, etwa für Stalking des eigenen Partners.
25.01.2022, 16:14
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Nützliche Innovationen können häufig auch ein Missbrauchspotenzial bieten – gerade, wenn es um Digitalisierung geht. Ein aktuelles Beispiel in dem Zusammenhang sind die sogenannten Air-Tags, die vom Hersteller Apple seit dem vergangenen Jahr angeboten werden. Die Idee dahinter ist gleichermaßen einfach wie genial: Das Air-Tag sendet ein Bluetooth-Signal aus und Apple-Geräte sind über das weltweite Cloud-Netzwerk in der Lage, die nahezu exakte Position des Air-Tags zu bestimmen. Das soll dabei helfen, beispielsweise verlorene Schlüsselanhänger, Brieftaschen und andere wichtige Dinge schnell wieder zu finden, ohne lange suchen zu müssen. Eine somit an sich gute und nützliche Idee kann aber schnell in das Gegenteil verkehrt werden, wenn sie missbraucht wird. So kam es einigen Nutzern der neuen Technologie recht schnell in den Sinn, durch die Air-Tags beispielsweise auch Fahrzeuge und Personen zu orten, um sie zu stehlen oder ihnen unbemerkt nachzustellen. Mittlerweile hat Apple deshalb ein neues Feature eingeführt, womit fremde Air-Tags in der Nähe erkannt werden können. Diese Funktion gibt es ab Werk jedoch nur für Apple User – wer ein Android-Gerät nutzt, muss sich zur Erkennung fremder Air-Tags eine Zusatzsoftware herunterladen.

Dass digitales Nachstellen, sprich Stalking, nicht nur ein theoretisches Problem ist, machen die Zahlen deutlich: So registrierte das IT-Sicherheitsunternehmen Kaspersky im Jahr 2020 fast 60.000 Fälle heimlicher, digitaler Überwachung. Die Dunkelziffer dürfte dabei noch deutlich höher liegen. Deutschland lag mit über 1.500 Opfern im EU-Vergleich an erster und weltweit an sechster Stelle. Die Stalking-Studie gelangte außerdem zu dem Ergebnis, dass es fast jeder zehnte Deutsche für akzeptabel hält, das Smartphone der Partnerin oder des Partners heimlich auszuspionieren. Frauen sind besonders häufig betroffen. Dabei werden nicht nur Ortungstools wie das Air-Tag eingesetzt, sondern es werden häufig spezielle Überwachungsprogramme auf den Geräten installiert. Die Funktionen dieser Software sind vielfältig: So können vertrauliche Nachrichten mitgelesen, der Standort ermittelt oder die Smartphone-Kamera eingeschaltet werden.

Was viele Stalker nicht wissen: Die digitale Nachstellung ist insbesondere seit vergangenem Jahr strafbar. So liegt nach dem Gesetz ein besonders schwerer Fall des Stalkings dann vor, wenn ein Computerprogramm verwendet wird, dessen Zweck das digitale Ausspähen anderer Personen ist. Wann diese Schwelle jedoch überschritten ist, ist nicht immer einfach zu beurteilen. So gibt es beispielsweise auch Software, die dazu bestimmt ist, den Aufenthaltsort der eigenen Kinder zu ermitteln oder es kann gute Gründe dafür geben, regelmäßig zu wissen, wo sich die eigene Partnerin oder der Partner gerade befindet. Ausschlaggebendes Kriterium, ab wann die Schwelle zum strafbaren Stalking überschritten ist, dürfte die Kenntnis des Betroffenen vom Überwachungstool auf dem eigenen Smartphone sein und damit sein Wille, überwacht zu werden – oder eben auch nicht.

IT-Sicherheitsunternehmen und Hersteller von Antivirensoftware haben sich deshalb mittlerweile schon seit mehreren Jahren auf Produkte spezialisiert, um Stalkerware auf dem eigenen Smartphone zu erkennen. Im Regelfall sind hierbei Android-Geräte stärker betroffen als I-Phones. Bei ungeprüften Gebrauchtgeräten ist vor Verwendung allgemein besondere Vorsicht geboten, genauso wie bei der Installation von unbekannten Dateianhängen. Technische Hinweise auf Stalkerware auf dem eigenen Smartphone können gestiegene Datenverbräuche oder ein verlangsamtes Reagieren des Geräts sein. Bei diesen Anzeichen ist es sinnvoll, sämtliche auf dem Telefon verwendeten Apps und die von ihnen genutzten Ressourcen zu überprüfen. Bei einem konkreten Verdacht auf Stalkerware sollten im Zweifelsfall die Zugangspasswörter zu Endgeräten und Cloud-Diensten aktualisiert werden.

Wichtig außerdem: Falls unzulässige Überwachungssoftware entdeckt wurde, sollten Betroffene sich im Vorfeld genau überlegen, wie am besten vorgegangen werden kann und ob es sinnvoll ist, den möglichen Täter sogleich zur Rede zu stellen, um einer Eskalation gerade im häuslichen Umfeld aus dem Weg zu gehen. Im Zweifelsfall sollte man nicht zögern, Hilfe von außen zu holen, so zum Beispiel durch die Polizei oder durch Frauenberatungsstellen, die sich in allen größeren Städten und Gemeinden finden.

Zur Person

Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER regelmäßig Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker ist unter anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese arbeitet als Geschäftsführer bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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