Debatte mit Bundestagswahl-Kandidaten

Aus Berlin die Gleichstellung im Landkreis Diepholz vorantreiben

Dass in Berlin etwas getan werden muss, um auch die Gleichstellung im Landkreis Diepholz voranzutreiben, waren sich alle vier Kandidaten für die Bundestagswahl bei einer Online-Diskussion einig.
20.06.2021, 19:13
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Aus Berlin die Gleichstellung im Landkreis Diepholz vorantreiben
Von Alexandra Penth
Aus Berlin die Gleichstellung im Landkreis Diepholz vorantreiben

Der Förderverein des Stuhrer Gleichstellungstreffpunktes Sie(h) da in Brinkum hatte zur Diskussionsrunde eingeladen.

Vasil Dinev

Stuhr/Landkreis Diepholz. Dass noch viel in Sachen Gleichstellung passieren muss – sowohl durch die Politik als auch gesamtgesellschaftlich – darüber herrschte Einigkeit bei den vier hiesigen Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl im Herbst. Der Förderverein des Treffpunktes Sie(h) da aus Brinkum hatte sie am Sonnabend zur digitalen Podiumsdiskussion eingeladen. Anderthalb Stunden stellten sich der jetzige Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Diepholz-Nienburg I, Axel Knoerig (CDU, Kirchdorf), Peggy Schierenbeck (SPD, Weyhe), Andreas Hinderks (FDP, Weyhe) und Sylvia Holste-Hagen (Grüne, Twistringen) den Fragen der Moderatorinnen Patricia Runte-Laue und Amrei Veigel-Runte. Auch Fragen aus dem Chatroom waren Thema. Per Livestream war die Veranstaltung zudem bei Facebook mitzuverfolgen.

Zunächst mussten die Bewerber sich in einer Minute vorstellen und ihre Positionen darlegen. Andreas Hinderks war nach dem Informatik-Studium zunächst unternehmerisch tätig gewesen und dann vorübergehend wieder in den akademischen Bereich zurückgekehrt. Seine politischen Schwerpunkte sieht er daher auch in der Bildung und Wissenschaft. Sylvia Holste-Hagen erzählte, dass sie sowohl die Unternehmerseite kenne, da sie 25 Jahre gemeinsam mit ihrem Mann das Korkstudio in Twistringen geleitet hatte, als auch die Seite der Arbeitnehmer als langjährige Gewerkschafterin. Seit zehn Jahren setze sie sich im Stadtrat für Natur- und Umweltschutz ein. 

Axel Knoerig ist seit zwölf Jahren Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis und seit 35 Jahren auf lokalpolitischer Ebene aktiv. "Mir ist es immer wichtig, dass wir die Themen, die wir vor Ort aufnehmen, auch nach Berlin in den Bundestag übertragen." Als Beispiel nannte Knoerig den Glasfaserausbau, für den aus Berlin mehr als 60 Millionen Euro in die Region fließen über eine Förderung, die er vor acht Jahren begonnen habe. Nachhaltigkeit sei für ihn ein "Querschnittsthema durch alle Bereiche". Peggy Schierenbeck wiederum ist seit 27 Jahren Unternehmerin im Schaustellergewerbe. Seit sechs Jahren ist sie Coach für Führung und Kommunikation. Unter dem Motto "nicht meckern, sondern machen" habe sie sich um die Kandidatur beworben. "Wirtschaftspolitik für und mit kleinen und mittelständischen Unternehmen" sowie berufliche Bildung seien ihre Ziele.  

Da Kandidat Hinderks erwähnt hatte, in einem Beruf zu arbeiten, in dem Frauen noch relativ rar sind, wollte Veigel-Runte wissen, was dagegen getan werden könne. Hinderks berichtete von seinen Lehraufträgen an Hochschulen und davon, dass er dort besonders den weiblichen Nachwuchs motiviere, in Forschungsgruppen mitzumachen. In der jüngsten Gruppe habe es sogar einen größeren Frauen- als Männeranteil gegeben. Wo im Programm von Syvia Holste-Hagen das Thema Gleichstellung vorkommt, war die nächste Frage. Sie engagiere sich seit Jahren beim internationalen Frauentag, im Twistringer Rat werde auch eng mit der Gleichstellungsbeauftragten zusammengearbeitet. Dass nachjustiert werden müsse, machte Holste-Hagen deutlich anhand der Beschäftigungsverhältnisse der Gleichstellungsbeauftragten im Landkreis Diepholz. Sieben seien hauptamtlich, sieben nebenamtlich und zwei ehrenamtlich tätig. "Ich meine, da muss nachgelegt werden."

Knoerig sollte erklären, was ihm zum Thema Nachhaltigkeit und Gleichstellung einfällt. Für ihn gehörten der Verband familienfreundliche Unternehmer im Landkreis, Netzwerke von Unternehmerinnen, der Girls und Boys Day in Betrieben und die Gleichstellungsbeauftragten eng vernetzt. Dem Bundestag sei das Thema auch ein wichtiges Anliegen, weshalb er Gleichstellung über eine Stiftung stärke.

Zu Gleichstellung und Unternehmerinnen sollte Peggy Schierenbeck Stellung beziehen. Sie sei im Glauben der Gleichbehandlung von Männern und Frauen aufgewachsen, habe erst lernen müssen, dass dies nicht immer der Fall ist. Als Coach habe sie ein Programm aufgelegt, "um die gläserne Decke durchbrechen" zu können. Gleichstellung könne überall stattfinden, müsse aber auch politisch angegangen werden.

Bei einem anschließenden Quiz suchten sich die Befragten Zahlen aus, hinter denen Fragen zum Thema Gewalt gegen Frauen steckten. Wie viele Frauenhäuser es im Landkreis gibt, ging zum Beispiel an Schierenbeck. Die Antwort, nämlich eines in Diepholz, kam aber von den anderen Kandidaten. Axel Knoerig wies darauf hin, dass das Land gemeinsam mit den Landkreisen die Verteilung der Häuser koordiniere. Es gebe aber auch mehrere Unterkünfte zur Inobhutnahme im Kreis Diepholz. Auf die für alle offene Frage, wie viele Plätze im Frauenhaus Diepholz zur Verfügung stehen, erklärte Knoerig, dass es zwischen Häusern auch über Kreisgrenzen hinweg einen Austausch gebe. Laut Holste-Hagen sind die Plätze jedoch insgesamt knapp bemessen. Frauenhäuser hätten teils Probleme, Hilfesuchende aufzunehmen.

Stichworte zum Thema Altersarmut bei Frauen sollten die Befragten auch nennen. Dass Frauen der Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert werden müsste, nannte Hinderks. Die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen zählte Holste-Hagen auf sowie das Auflösen prekärer Beschäftigungsverhältnisse und die Ungleichbehandlung beim Ehegatten-Splitting. Knoerig ging auch auf den Aspekt der gleichen Bezahlung ein, den Erfolg der Frauenquote in Führungspositionen, die kommende Grundrente, Unterstützung auch bei der Pflege Angehöriger und das Anrecht auf Fortbildungen. Schierenbeck betonte, dass Jobs den Lebensunterhalt sichern, Frauen mehr gefördert und Modelle wie Arbeitsplatzteilung geschaffen werden müssten. 

Aus dem Publikum kam die Frage, wie ein überarbeitetes Kita-Gesetz bei der Vereinbarkeit von Job und Familie helfen könnte. Schierenbeck nannte eine Ausweitung der Betreuungszeiten in Kitas, eine Betreuung für maximal acht Stunden pro Tag müsse möglich sein. Dem schloss sich auch Hinderks an. In Spanien stelle die Kommune den Eltern vor Schulbeginn Räume zur Verfügung, um so eigenständig die Betreuung zu organisieren.

Knoerig machte deutlich, dass der Bereich Sache zwischen Land und Kommune sei, der Bund aber punktuell finanziell unterstützen könne. Seine Heimatgemeinde Kirchdorf habe bereits vor zehn Jahren erklärt, zusätzlich in Betreuungsangebote zu investieren, "sodass zumindest der Halbtagsjob einer alleinerziehenden Mutter abgedeckt ist". Holste-Hagen betonte, dass nicht nur die Verlässlichkeit, sondern auch die Qualität der Betreuung wichtig sei. Gerade in der Pandemie habe sich gezeigt, wie gut die Arbeit in Kleingruppen in den Kitas funktioniere. Die Beitragsfreiheit in den Kitas habe viel Geld gekostet, das nun an anderer Stelle fehle. Das müsse der Bund berücksichtigen. 

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+