Datenkolumne

Der Libra Coin: Facebook als neue Weltbank?

Facebook will eine eigene, neue Kryptowährung erschaffen. Das lässt aufhorchen, meinen unsere Daten-Experten – die aber auch die Kehrseite des Libra Coin sehen.
02.07.2019, 13:31
Lesedauer: 4 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker
Der Libra Coin: Facebook als neue Weltbank?

Die globale Digitalwährung Libra will Facebook zunächst in erster Linie auf Nutzer in Entwicklungs- und Schwellenländern ausrichten.

Kay Nietfeld/DPA

Woran denken Sie bei Facebook? Mit Sicherheit an ein Soziales Netzwerk oder einen Messenger-Dienst, vielleicht auch an den einen oder anderen Datenskandal aus der Vergangenheit. Alles richtig. Allerdings könnte sich das bald ändern, denn Facebook kündigte vor einigen Tagen ein neues Betätigungsfeld an: „Projekt Libra“. Worum geht es dabei? Im Detail weiß man hierüber zwar noch nicht all zu viel. Aber das, was Facebook bislang offiziell verlautbart hat, lässt aufhorchen. Facebook plant, ein eigenes, Blockchain-basiertes Zahlungssystem herauszubringen und hat sich dabei starke Partner mit an Bord genommen. Hierzu gehören unter anderen Paypal, Visa, Spotify, Vodafone und Mastercard sowie Dutzende weitere Unternehmensgrößen.

Um das Projekt Libra zu verwirklichen, will Facebook eine eigene, neue Kryptowährung erschaffen – den sogenannten Libra Coin. Anders als die wohl bekannteste Kryptowährung Bitcoin soll der Libra Coin keinen Kursschwankungen unterworfen, sondern stets wertstabil sein – was durchaus verlockend klingt. Ein Libra Coin kostet also zum Beispiel beim Kauf immer einen Dollar und kann ebenso für einen Dollar wieder zurückgegeben werden. Garantiert werden soll diese Stabilität durch ein Unternehmenskonsortium rund um den Libra Coin sowie eine eigene Stiftung. Zudem soll der Libra Coin durch echte Werte eins zu eins gedeckt sein. Jeder Dollar, jeder Euro, jedes Pfund, welches das Konsortium erhält, wird angelegt – etwa in Staatsanleihen – und als Deckung für die Kryptowährung genutzt.

Facebook zielt nach eigenen Aussagen mit dem Libra Coin im ersten Schritt hauptsächlich auf Nutzer in Entwicklungs- und Schwellenländern ab. Vor allem hier seien nämlich noch rund 1,7 Milliarden Menschen ohne Zugang zu einem Bankkonto. Dies soll Projekt Libra nach Aussage von Facebook ändern, indem es künftig ausreichen könnte, ein Smartphone mit einer Facebook-App zu besitzen. Wer sich hier persönlich anmeldet, kann die App dann wie eine digitale Geldbörse nutzen und den Libra Coin direkt in der App speichern. Das klingt auf den ersten Blick nicht nur äußerst einfach, sondern auch äußerst praktisch.

Doch mit der App allein ist es natürlich nicht getan: Der Libra Coin selbst muss in der Praxis ja auch noch von Ladengeschäften oder Onlinestores als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Hier liegt es nahe, dass die Partnerunternehmen aus dem Finanzsektor dies in einem ersten Schritt übernehmen und die Akzeptanzstellen beispielsweise für Visa oder Mastercard zukünftig auch Akzeptanzstelle für den Libra Coin werden könnten. Wäre eine gewisse Reichweite und Marktdurchdringung dann erst einmal erreicht, könnten womöglich weitere Unternehmenspartner nachziehen und sich der Libra Coin so auch in Industrieländern als Zahlungsmittel verbreiten. Dadurch besteht in nicht allzu ferner Zukunft die Aussicht, dass sich ein ganz neues, globales Ökosystem des bargeldlosen Zahlungsverkehrs etabliert, unabhängig von Staaten und Banken, schnell und einfach für jedermann zu bedienen.

Der große Vorteil von Facebooks Vorstoß mit dem Libra Coin ist dabei vor allem das Soziale Netzwerk selbst: Nutzer müssten sich im Gegensatz zu bisherigen Kryptowährungen nicht mit Blockchain-Anwendungen auskennen und wären auch nicht auf Kryptobörsen oder komplizierte Wallet-Apps angewiesen. Denn dadurch, dass Facebook bereits viele Nutzer hat und diese auf Grundlage ihrer persönlichen Informationen auch kennt, werden komplizierte Anmeldeverfahren, die man ansonsten oft durchlaufen muss, wenn man Echtgeld gegen Kryptowährung tauscht, überflüssig. Die weite Verbreitung von Facebook-Apps und die starken Partnerunternehmen könnten aus dem Libra Coin so in kurzer Zeit eine äußerst mächtige Lösung machen.

Und natürlich stellt sich jetzt, zum Ende dieser Datenkolumne, die Frage: Hat das Ganze irgendwo auch einen Haken? Denn es klingt ja doch zu schön, um eigentlich wahr zu sein. Dreierlei Dinge gilt es hier zu beachten: Wenn auch nur ein Teil der Weltbevölkerung ohne Bankkonto und dazu ein weiterer Teil der Menschen, die über ein Konto verfügen, den Libra Coin nutzen, könnte ein Unternehmenskonsortium liquide Werte in bislang ungekanntem Ausmaß erhalten. Diese Werte könnte Facebook nach eigenem Belieben anlegen und so Einfluss auf Wirtschaft und Politik nehmen oder ganze Sozialgefüge eines Staates verändern. Zudem besteht die Gefahr, dass sich mit dem Libra Coin eine dominante Bezahlfunktion etabliert, die in Teilen der Welt in Konkurrenz zu klassischen Währungen tritt und dabei von einigen wenigen Unternehmen gesteuert wird. Und ein weiteres, im Hinblick auf Facebook gemeinhin bekanntes Problem darf auch nicht vergessen werden: Denn aktuell versichert Facebook zwar noch, dass man die Zahlungsdaten streng von den Daten des sozialen Netzwerks trennen wolle. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass solche Versprechen gebrochen werden. Und dann hätten wir irgendwann wirklich den viel zitierten, von globalen Konzernen gesteuerten „gläsernen Bürger“ aus den dunkelsten Zukunftsfantasien.

Info

Zur Person

Die Experten

Vor dem Hintergrund von Datenklau und Datenschutz beleuchten sie im WESER-KURIER alle zwei Wochen Themen der digitalen Welt. Der Weyher Dennis-Kenji Kipker (32) ist unter anderem als Vorstandsmitglied bei der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz tätig, der Stuhrer Volljurist Sven Venzke-Caprarese (40) arbeitet als Prokurist und Justiziar bei dem Bremer Unternehmen Datenschutz Nord.

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