EKD-Ratsvorsitzender im Interview

„Eine Revolution der Empathie“

Im Gespräch blickt der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, auf die vergangenen Jahre zurück, die für ihn vor allem durch ein Thema geprägt worden sind: Geflüchtete.
25.02.2020, 19:17
Lesedauer: 8 Min
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Von Gerald Weßel
„Eine Revolution der Empathie“

Vor seinem Vortrag in Freistatt am kommenden Mittwoch taufte Heinrich Bedford-Strohm vergangene Woche das Rettungsschiff Sea-Watch 4. Das Bündnis United4Rescue und die Organisation Sea-Watch wollen es künftig als Schiff im Mittelmeer einsetzen.

Carsten Rehder /dpa
Herr Bedford-Strohm, Anfang dieses Jahres erhielten Sie Morddrohungen für Ihre Unterstützung der Gründung des Vereines Gemeinsam Retten, der sich der Seenotrettung im Mittelmeer verschrieben hat. Stimmt das?

Heinrich Bedforf-Strohm: Ja, das habe ich, aber das waren nur wenige und es gibt Menschen, die hier weitaus mehr aushalten müssen.

Aber wie geht es Ihnen damit?

Ich kann damit gut umgehen, es erreicht mich innerlich nicht wirklich.

Wie erleben Sie die derzeitige Lage in Deutschland, mit Blick auf die Rettung von Flüchtenden auf dem Mittelmeer aus der Seenot?

Wenn ich derzeit in Deutschland unterwegs bin, bin ich positiv überrascht. Das freut mich sehr. Was mich besonders auf meinen Reisen berührt, sind Treffen mit Menschen, die einst aus der Seenot gerettet worden und nur deshalb noch am Leben sind.

Ich habe mittlerweile viele kennen lernen dürfen und das bewegt mich zutiefst, denn sie wären ohne die Bemühungen vieler engagierter Menschen nicht mehr am Leben. Zudem erlebe ich bei solchen Treffen sehr oft Zuspruch von jungen Menschen, die der Seenotrettung klar Rückhalt geben. Und das ist toll, denn es ist sehr wichtig, dass es die zivile Seenotrettung gibt. In diesem Sinne ist es umso trauriger, dass die staatliche Seenotrettung eingestellt worden ist.

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Macht Sie das wütend?

Es macht mich vor allem traurig, wenn ich sehe, wie Menschen schutzlos dem Ertrinken preisgegeben sind. Die Evangelien berichten von der radikalen Liebe Jesu Christi. Deswegen setzen wir uns für das Leben und für die Menschenwürde ein.

Was sagen Sie zu den Argumenten der Kritiker, etwa dem Vorwurf des Pull-Effektes?

Es gibt keinen nachweisbaren Pull-Effekt, aber das ist auch gar nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass man Menschen retten muss, die in Seenot sind. Natürlich muss auch etwas getan werden, um die Fluchtursachen zu bekämpfen, und selbstverständlich müssen für die Geflüchteten in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Städten gute Orte zum Leben gefunden werden.

Diskussionen über Themen, die hier eine Rolle spielen, sind willkommen, dürfen und sollen auch stattfinden. Aber Diskutieren allein ist keine Alternative zur Rettung von Menschen. Und das wissen die Meisten auch intuitiv: Man darf Menschen nicht ertrinken lassen.

Im politischen Diskurs wird sehr oft das christliche Menschenbild hochgehalten, aber handeln tun längst nicht alle Redenführer danach. Wie erleben Sie dies?

Auch unter Christen gibt es unterschiedliche Meinungen und das ist auch gut so. Christliche Positionen lassen sich nicht auf irgendein politisches Spektrum reduzieren. Wenn aber zum Beispiel der Begriff „christliches Abendland“ verwendet wird, um andere Menschen auszugrenzen und zu diskriminieren, widerspricht das eindeutig dem biblischen Zeugnis.

Denn Jesus hat nicht gesagt: „Liebe deinen christlichen Nächsten wie dich selbst“, sondern „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, darf aus der Sicht des christlichen Glaubens nicht zugelassen werden. Wir müssen also darüber reden und klären, wie man das Sterben im Mittelmeer am besten verhindern kann.

Sollten CSU und CDU das C aus ihren Namen nehmen, da sie teils vehement gegen die Seenotrettung argumentieren?

Ich verteile keine Christlichkeitsprädikate an Parteien oder sonstige Gruppierungen. Aber wenn eine Partei das „C“ im Namen trägt, muss sie damit rechnen, darauf angesprochen und daran gemessen zu werden. Eine Konsequenz daraus kann zum Beispiel sein, dass politische Akteure aus ihren Fehlern lernen und zuhören.

So hat zum Beispiel Markus Söder angekündigt, das Wort „Asyltourismus“ nie wieder benutzen zu wollen. Er hat gesehen, dass der Gebrauch dieses Wortes falsch gewesen ist. Davor habe ich Respekt. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Menschen mit unterschiedlichen politischen Positionen gemeinsam auf das Christentum beziehen.

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Wie sehen Sie das?

Man kann darüber diskutieren, was Jesus konkret gemeint hat, als er sagte „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“. Aber für mich steht fest: Ich kann nicht beten und in einer Beziehung zu Gott sein, wenn mich die Not des Nächsten nicht anrührt. Und wenn man als Christ politisch aktiv ist, muss man diese Haltung auch im eigenen Wirken sichtbar machen, denn wir nehmen uns als Person ja mit in den politischen Diskurs. Die Grundpfeiler des eigenen Glaubens lassen sich in der politischen Arbeit nur schwer ignorieren, denn sie gehören zur Person.

KINA - Eine große Aufgabe

Im Jahr 2015 kamen in kurzer Zeit Tausende Menschen nach Deutschland – sehr viele von ihnen reisten über den Münchner Hauptbahnhof ein.

Foto: Sven Hoppe /dpa
Lassen Sie uns einmal einen Blick zurückwerfen: Das Jahr 2015, Spätsommer. Wie haben Sie die oft diskutierten Tage im Süden Deutschlands erlebt, als Tausende innerhalb weniger Tage einreisten?

Ich habe das vor allem als eine Revolution der Empathie erlebt. Ich stand damals zusammen mit Kardinal Marx am Hauptbahnhof und habe gesehen, wie die Menschen aus den Zügen gestiegen sind. Sie haben gestaunt, denn sie wurden zum ersten Mal nicht abgelehnt, ignoriert oder gar gleich wieder abgeschoben, sondern wurden willkommen geheißen.

Darauf bin ich stolz, das waren gute Tage für Deutschland – gerade hier in Bayern. Denn hier kamen Menschen aus ihren Häusern und haben spontan gefragt: „Wo braucht ihr mich, wo kann ich helfen?“ Alle Versuche, das im Nachhinein kleinzureden oder als Naivität zu diskreditieren, sind da vollkommen unangebracht. Das war offenherzige Hilfsbereitschaft, wie sie im Buche steht und ein tolles Beispiel für gelebtes Christentum.

Aber wozu braucht es bei all dem die Kirche und den Glauben? Das Grundgesetz stellt doch klare Leitlinien im Umgang miteinander auf?

Das Grundgesetz ist ein gutes Gerüst, aber es wirkt ja nicht allein durch den Wortlaut. Das Grundgesetz braucht Gemeinschaften, Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen, die es mit Leben füllen. Natürlich lässt sich die Menschenwürde auch mit philosophischen oder aufklärerischen Argumenten herleiten, aber ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube die beste Orientierung bietet, um sie mit Leben zu füllen.

Denn in der Bibel steht: „Der Mensch ist geschaffen zum Bilde Gottes“ – was für eine unglaubliche Aussage zum Menschen. Das ist die stärkste Aussage zum Handeln im Sinne des Grundgesetzes. Jesus Christus ist als Folteropfer mit einem Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz gestorben. Der christliche Glaube und die christliche Gemeinschaft sind die Grundlage für ein Leben in der Zuversicht, das zugleich um die Abgründe des Leidens weiß. Ein Christ kann gar nicht anders, als denen zu helfen, die von Gewalt, Folter und Tod bedroht werden.

Wie wichtig war die Hilfe der Freiwilligen?

Sie war enorm wichtig, schlicht unersetzlich. Hätte es diese Tausenden von Helfern, die teils noch heute regelmäßig in den Kirchengemeinden oder an anderen Stellen der Zivilgesellschaft helfen, nicht gegeben, hätte die Politik dies nicht bewältigen können. Und wenn man sich heute anschaut, was daraus geworden ist, dann wird man positiv überrascht sein.

Kaum jemand hätte damals zu hoffen gewagt, dass heute bereits die Hälfte der damals ins Land gekommenen Menschen in Ausbildung ist oder einer Beschäftigung nachgeht. Da haben alle mitgeholfen, dass diese Menschen hier integriert werden konnten. Nach einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD ist dieser Wunsch zu helfen keine Eintagsfliege, sondern bei vielen bis heute vorhanden.

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Was tut die Kirche, um zu integrieren?

Viele Gemeinden setzen sich mit ganz handfesten Angeboten ein, etwa indem sie Menschen bei den notwendigen Behördengängen unterstützen. Es gibt viele Wege, sich ganz konkret im Alltag für die Menschen einzusetzen. Das kann bedeuten, Sprachkurse zu geben oder die einstigen Flüchtlinge in den Gemeindealltag zu integrieren.

So gibt es mittlerweile zahlreiche muslimische Menschen, die sich taufen lassen. Meine Rolle in der Kirche ermöglicht es mir, Gespräche mit der Politik zu führen, um mich für sie einzusetzen, etwa dafür, dass die Abschiebungen nach Afghanistan gestoppt werden oder dass Christen nicht in den Iran abgeschoben werden, wo ihnen Verfolgung droht.

Sind diese Konversionen Einzelfälle?

Nein, überhaupt nicht. Das sind Tausende, allein im Kirchenkreis Bayreuth sind es weit über 100. Ich habe selbst mit vielen von ihnen gesprochen. Es gibt in Bayreuth auch einen regelmäßigen Gottesdienst für Geflüchtete, der zum Teil auf Farsi gehalten wird.

Nun gibt es nachweislich – ein Blick in gängige Sozialen Medien genügt – nicht nur Begeisterte, sondern auch viele Menschen, die teils sehr erbost auf die Neuankömmlinge reagieren und dies auch Dritten gegenüber klar, teils ohne jeden Respekt, ausdrücken. Wie gehen Sie persönlich mit solchen Situationen um?

Ich treffe tatsächlich selten persönlich auf solche Menschen, wo man nach einem Gespräch unversöhnlich auseinander geht. Denn sobald man ins persönliche Gespräch geht und ein echter Austausch entsteht, weichen die Fronten zumindest auf. Leider sind Orte, an denen es zu solchen Gesprächen kommen kann, nicht einfach zu finden. Viele stellen sich diesem Gespräch einfach nicht. Ich kriege kritische Briefe, die ich auch alle lese und die wir so gut wie möglich zu beantworten versuchen. Aber noch lieber komme ich „face to face“ mit den Menschen ins Gespräch.

Lesen Sie alle Briefe?

Ja, ich lese alle Briefe. Leider kann ich nicht auf alle persönlich antworten, dazu fehlt mir einfach die Zeit. Aber auf manche antworte ich auch mit einer handgeschriebenen Karte. Die Reaktion fällt dann oft sehr positiv aus. Manchmal entwickeln sich daraus sogar über längere Zeit anhaltende Austausche. Es lohnt sich also wirklich, auf Kritiker zuzugehen, um ins Gespräch zu kommen. Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Zeit, um das ausführlicher zu machen.

Wie stehen Sie zum Umgang mit der AfD?

Gegen manche in der AfD muss man klare Kante zeigen, aber die AfD und ihre Anhänger und Wähler sind nicht ein homogener Block. Es gibt allerdings Rechtsextreme in der AfD, zum Beispiel rund um Björn Höcke in Thüringen, der den rechtsextremen Flügel um sich sammelt. Das Problem ist nun, dass die Gemäßigteren diese Menschen letztlich salonfähig machen. Diese rechtsextremen Strömungen mit rassistischen Einstellungen stehen in einem tiefen Widerspruch zum Christentum.

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Was, glauben Sie, ist nötig, um mit den politisch-gesellschaftlichen Herausforderungen fertig zu werden? Was wünschen Sie sich von der Politik?

Wir brauchen eine politische Kultur, in der kontroverse Meinungen mit Respekt ausgetauscht werden können. Dazu gehören auch Politiker, die selbst Fehler erkennen, dafür gerade stehen und daraus lernen können, ebenso wie Medien, die das als Stärke und nicht als Schwäche sehen. Der Mensch muss bei allem im Zentrum stehen.

Deutschland bietet hierfür sehr gute Grundlagen, denn die Bundesrepublik ist weltoffen und zeichnet sich durch eine Erinnerungskultur aus, die es uns erlaubt, den Blick auf die dunkle Seite der Geschichte nicht als Schwäche, sondern als Stärke zu sehen. Dass verpflichtet uns zugleich, gegen Entwicklungen, die derzeit um sich greifen, vorzugehen. Antisemitismus darf nicht wieder „normal“ werden, er wird aber leider zunehmend salonfähig. Und er bringt Vorurteile, Hass und Hetze zutage, von denen wir einmal annahmen, dass sie längst vergangen sind. Das dürfen wir nie und nimmer zulassen.

Das Interview führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Heinrich Bedford-Strohm, 59 Jahre alt, ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er kommt am Mittwoch, 26. Februar, in die Moorkirche nach Freistatt, Kirchstraße 13, um dort einen Vortrag über Flucht und Integration zu halten. Dieser beginnt um 17 Uhr und findet im Zuge des Jahresempfangs des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz statt.

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