Verdachtsfälle in der Nabu-Region Weser-Mitte

„Social Distancing“ für Blaumeisen

Nach einer Epidemie im vergangenen Jahr wurden auch jüngst mancherorts wieder tote Blaumeisen gefunden. In Stuhr, Weyhe und Syke gibt es indes noch keine Verdachtsfälle.
11.04.2021, 17:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Jana-Kristin Barkei
„Social Distancing“ für Blaumeisen

Allein im vergangenen Jahr gingen beim Nabu 24.000 Verdachtsmeldungen hinsichtlich infizierter Blaumeisen ein.

Otto Schäfer/Nabu

Landkreis Diepholz. Im vergangenen Jahr zeigte sich ein drastisches Blaumeisensterben: Bis zu 24.000 Verdachtsmeldungen waren bis Jahresende beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) eingegangen, wie der Verein mitteilt. 400 tote Vögel wurden untersucht. Bei der Hälfte zeigte sich: Die Tiere sind an einer Epidemie gestorben. Schuld daran ist das in Deutschland neuartige Bakterium „Suttonella ornithocola“. Hotspots in Niedersachsen waren die Landkreise Ammerland, Oldenburg und Osterholz, teilt Leonie Jordan, Leiterin der Nabu-Regionalgeschäftsstelle Weser-Mitte, mit. In diesem Jahr sind bereits erneut Verdachtsfälle gemeldet worden - auch in der Region. Jordan zufolge deuten sie auf das Bakterium hin.

„Eine auffällige Häufung oder klare regionale Schwerpunkte sind jedoch noch nicht erkennbar“, berichtet die Regionalgeschäftsstellenleiterin weiter. Die Nabu-Ortsgruppen Weyhe, Stuhr und Syke können bisher keine derartigen Vorkommnisse vermerken. „Ich hab dieses Jahr schon ein, zwei Anrufe bekommen, dass tote Blaumeisen gefunden wurden, aber ich kann nicht sagen, dass es sich um derartige Fälle handelt“, sagt Heinfried Köster, Vorsitzender vom Nabu Syke.

„Die Tiere fallen dadurch auf, dass sie nicht mehr auf ihre Umwelt reagieren, apathisch und aufgeplustert auf dem Boden sitzen und nicht vor Menschen fliehen. Oft wirken die Vögel als hätten sie Atemprobleme. Augen, Schnabel und Teile des Federkleids sind häufig verklebt“, erklärt Jordan. Die kranken Vögel können meist in Umgebung der Futterstellen beobachtet werden. In diesem Falle heißt es: „Social Distancing“ für Vögel. Die Fütterung und das Bereitstellen von Tränken sollten sofort eingestellt werden, um eine Ausbreitung zu vermeiden. Neben den Blaumeisen können auch Kohlmeisen und andere kleinere Singvögel daran erkranken.

Um der erneuten Ausbreitung der Epidemie entgegenzuwirken, ist eine grundsätzliche Hygiene bei der Vogelfütterung zu berücksichtigen, „damit sich die Tiere beim Körnerholen oder Wassertrinken nicht gegenseitig mit Krankheiten anstecken können“, so Jordan. An Futter- und Wasserstellen sollte auf Sauberkeit geachtet werden. „In der Brutzeit holen sich die Vögel immer gern einen Leckerbissen zur Stärkung an der Futtersäule ab. Das ist auch kein Problem, solange das Futter sauber ist und die Vögel nicht mit dem gesamten Futter in Kontakt kommen können“, erklärt Jordan. Naturnahe Gärten und viele Grünflächen können den Tieren ganzjährig bei der Nahrungssuche helfen. Um den Vögeln zur Brutzeit genug Futter zur Jungenaufzucht zu bieten, sollte die Blüten- und Insektenvielfalt im heimischen Garten gefördert werden, so Jordan.

„Nur durch weitere Meldungen kann herausgefunden werden, ob die Epidemie des vergangenen Jahres ein einmaliges Ereignis war oder der Beginn eines jährlich wiederkehrenden Problems“, erklärt die Geschäftsstellenleiterin Jordan. Verdachtsmeldungen kranker oder toter Blaumeisen können unter www.nabu.de/meisensterben eingereicht werden. In einem Formular können Sichtungen eingetragen und an den Nabu abgeschickt werden. Dabei sei es wichtig, genaue Angaben zum Fundort, dem Funddatum, den näheren Fundumständen und zu den Symptomen der Vögel zu machen. Der Nabu wertet die Daten aus und stellt sie dann Wissenschaftlern zur Verfügung. Tote Tiere können zur Untersuchung auch beim Amtstierarzt des Landkreises Diepholz abgegeben werden. Eine telefonische Absprache ist dafür vorab nötig.

Info

Zur Sache

„Suttonella ornithocola“

Das Bakterium wurde erstmals in Großbritannien entdeckt und ist seit 1996 bekannt. Regelmäßig taucht es dort im ganzen Land auf, aber hat bisher noch zu keinem Massensterben geführt. 2018 tauchte es das erste Mal in Deutschland auf. Das massenhafte Auftreten im Frühjahr des vergangenen Jahres ist für den Erreger einzigartig. Das Bakterium führt bei den Vögeln zu einer Lungenkrankheit. Es wird vermutet, dass der Erreger bei nahem Kontakt der Vögel über Aerosole verteilt wird. Eine Übertragung auf Menschen und Haustiere ist nicht bekannt. Kranke und verstorbene Tiere sollten nicht mit der bloßen Hand angefasst werden. Bürsten und Schwämme, die zur Reinigung der Futterstellen benutzt werden, sollten separat aufbewahrt werden.

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