Erdmannwälder im Landkreis Diepholz

Ein Pionier aus dem Landkreis

Den Klimastrapazen der vergangenen Jahre haben die Erdmannwälder im Landkreis Diepholz erstaunlich gut widerstanden. Das liegt an dem speziellen Konzept der Bewirtschaftung.
16.09.2020, 18:37
Lesedauer: 3 Min
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Von Niklas Golitschek

Als Magnet für Spaziergänger und Waldliebhaber ist das Nechtelser Holz in Schwaförden nicht gerade bekannt. Davon zeugen auch die unbeschilderten Wege und fehlenden Orientierungskarten am Eingang. Dabei lohnt sich ein genauer Blick auf das Gelände, sagt Rainer Städing, Sprecher der Niedersächsischen Landesforsten. Mehr als 100 Jahre alt, gilt das Nechtelser Holz ebenso wie andere Waldstücke zwischen Sulingen und Neubruchhausen als Vorzeigegebiet für die nachhaltige Forstwirtschaft.

Borkenkäfer, Sturm- oder Trockenschäden: Problemen, mit denen viele Wälder in Mitteleuropa derzeit zu kämpfen haben, kommt hier eine vergleichsweise untergeordnete Rolle zu. Wenn Städing anmahnt, „die Wälder müssen viel stabiler werden, als wir sie derzeit haben“, nennt er deshalb das Nechtelser Holz als Vorbild. Doch was macht diese Wälder im Landkreis Diepholz so besonders?

Es ist die Mischung, fasst Städing zusammen. Im Nechtelser Holz wachsen verschiedene Baumarten nebeneinander. Laub- und Nadelbäume stehen Seite an Seite. Buche, Weißtanne, Douglasie, Bergahorn, Winterlinde. Das bringt gleich mehrere positive Effekte mit sich. „Bei einem Mischwald ist das Kronendach rauer“, nennt Städing ein Beispiel. Durch die unterschiedlichen Baumhöhen würden Stürme abgefedert, der Wind werde gebrochen. „Die Wurzel stellt den Baum auch stabiler“, nennt Städing einen weiteren Faktor, der auf verschiedene Wurzeltypen der Bäume zurückzuführen sei. Das führe zu einer Einzelbaumstabilität. Zum Vergleich: „Fichtenwälder sind wie Stangenspargel“, sagt Städing. Falle die erste Reihe, führe das zu einem Dominoeffekt.

Dieser jahrzehntelange Fokus auf einen Mischwald im Nechtelser Holz geht auf den damaligen Oberförster Friedrich Erdmann zurück. Die Ausgangssituation Ende des 19. Jahrhunderts, als Erdmann übernahm, waren laut Städing Heideflächen, die durch Brandrodung und Landwirtschaft übernutzt waren. Vom Emsland bis zur Lüneburger Heide waren diese Areale aufgeforstet worden. Als Erdmann übernahm, fand er kranke, von der Wurzelfäule befallene Kiefernwälder vor. Das hatte einen weiteren negativen Effekt. „Bei einem Kiefern-Reinbestand fallen die Nadeln und zersetzen sich nicht. Sie werden zu Rohhumus, das ist ein dickes Polster – und das ist nicht gut für den Boden", erklärt Städing.

In zwei Schritten gelang es Erdmann, den Waldboden wieder zu gesunden. Indem er den Boden von Tagelöhnern auflockern und so Sauerstoff zufügen und Kalk zugeben ließ, um den pH-Wert zu erhöhen, wandelte sich der Rohhumus in Humus. „Das funktioniert auch im Garten“, merkt Städing an. Neben diesen Methoden zur Bodenverbesserung ließ Erdmann die kranken Kiefern entnehmen und führte in der Folge eine Mischung an Bäumen ein. Damit waren die sogenannten Erdmannwälder geboren.

An dieser Form der Waldbewirtschaftung hielten auch Erdmanns Nachfolger fest. „Es ist wichtig, dass das über Generationen geht und die Förster an einem Strang ziehen. Hier wird das seit über 100 Jahren konsequent gemacht“, sagt Städing. Im Programm „Langfristige Ökologische Waldentwicklung“ (LÖWE) der Landesforsten finden sich einige dieser Erdmannschen Prinzipien wieder, die Erdmannsche Wirtschaft wird bis heute separat ausgewertet. So sollen die Vor- und Nachteile gegenüber dem klassischen Hochwald klarer ersichtlich sein.

Wieso sich dieses System des Mischwaldes selbst verbessert, erläutert Städing anhand einiger Beispiele: Die Buche etwa trage mit ihrem Laub zu einer Durchmischung zwischen den Douglasien bei. „Die Weißtanne kann lange im Schatten anderer Bäume ausharren und wächst in Lichtlücken rein“, führt Städing aus. So könnten die Lücken nach einer Baumentnahme natürlich geschlossen werden. Nachteil eines Dauerwalds sei jedoch, dass er lichtliebenden Pflanzen und Tieren wenig diene.

Was jedoch Erdmanns Nachfolger nicht mehr so konsequent verfolgten, war die Ansiedlung der Bäume. Er selbst säte sie bevorzugt aus, die Nachfolger setzten auf die effizientere aber nachteilbehaftete Bepflanzung. Inzwischen weiß man: „Es ist gut, wenn sich die Bäume möglichst von selbst aussäen.“ Das sei günstiger, koste dafür aber mehr Grips. Im Idealfall entstehe dadurch eine biologische Automation, in der nur vereinzelt Bäume zugepflanzt würden, sagt Städing.

Die Hauptaufgabe des Försters sei dann, das Geschehen im Wald zu steuern, etwa Buchen von schlechter Qualität zu entnehmen und so den Jungbäumen Platz zur Entfaltung zu bieten. „Das System in sich ist eigentlich stabil“, sagt Rainer Städing. Mit dem LÖWE-Programm sehe er auch die Landesforsten auf einem guten Weg.

Am Freitag, 18. September, um 17 Uhr bieten Revierförster Marco Becker und Forstamtsleiter Henning Schmidtke eine Führung durch das Nechtelser Holz an. Treffpunkt ist am Wasserwerk südlich von Schwaförden, Nechtelsen 11 in Sulingen. Dann können auch Naturliebhaber und Spaziergänger das Waldstück für sich entdecken.

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