Ramadan-Beginn im Landkreis Diepholz Fasten in Krisenzeiten

Für die Muslime im Landkreis Diepholz beginnt in dieser Woche der Fastenmonat Ramadan. Auch dieser steht in Zeiten der Corona-Krise unter veränderten Bedingungen.
21.04.2020, 18:21
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Fasten in Krisenzeiten
Von Eike Wienbarg

Landkreis Diepholz. Der Fastenmonat Ramadan ist eine der fünf Säulen des muslimischen Glaubens. Neben dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Gebeten, der Almosenspende und der Pilgerreise gehört er zu den Grundfesten der Religion. In dieser Woche startet der Fastenmonat auch für viele Muslime im Landkreis Diepholz. Durch die Einschränkungen der Corona-Krise allerdings unter veränderten Bedingungen.

Seit Mitte März habe es in der Nasir-Moschee der Brinkumer Ahmadiyya-Gemeinde kein gemeinsames Gebet mehr gegeben, berichtet der Gemeindevorsitzende Mujib Ata. „Die Moschee wurde sofort geschlossen“, sagt er. Auch wenn das ein „riesiger Einschnitt“ in das Gemeindeleben gewesen sei, stand die Befolgung der Anweisungen nie in Frage. „Es ist unsere Pflicht, die Maßnahmen ohne Nachfragen zu akzeptieren – im Sinne der Gemeinschaft“, betont Ata. „Das hat von uns noch keiner so erlebt“, sagt der Vorsitzende weiter mit Blick auf das Ausmaß der Corona-Pandemie, die auch das religiöse Leben der Gemeinde massiv einschränkt.

Da an gemeinsame Gebete aktuell nicht zu denken sei, hätten er und der Brinkumer Imam Syed Salman Shah ihre Gemeindemitglieder dazu aufgerufen, die fünf täglichen Gebete zu Hause zu absolvieren. „Es ist die Chance für jeden, das Gebet zu leiten“, sagt der Imam über die veränderten Bedingungen. Der Ritus bleibe aber der gleiche: Der Gläubige wasche sich und kleide sich entsprechend. Alles so, als würde er in die Moschee gehen. Nur beten die Gläubigen aktuell eben nicht dort, sondern vielleicht im Wohnzimmer, wie Ata ergänzt.

Über den Ahmadiyya-Sender Muslim Television Ahmadiyya (MTA) wird zum Beispiel das Freitagsgebet des Kalifen Mirza Masroor Ahmad, religiöses Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinde, live und unter anderem in deutscher Sprache übertragen, berichten Shah und Ata. „Wir beten, dass die Pandemie schnellstmöglich bewältigt wird“, sagt Ata. „Die Menschheit ist in Gefahr“, ergänzt Shah. Zu sehen, wie der Kalif in einer leeren Moschee bete, sei hart für die Gemeinde. „Die Atmosphäre war herzzerreißend“, sagt Ata.

Angebote im Internet

Auch andere Angebote hat die Gemeinde ins Internet verlagert. So werde der Islam-Unterricht online angeboten. Für Frauen und Männer gibt es Sprechstunden. Einige Webinare befassen sich auch mit der Koran-Exegese, also der Erklärung und Auslegung der Schrift. All dies seien aber Notlösungen, sagt Ata, da die Ahmadiyya-Gemeinde vor allem aus der Gemeinschaft bestehe. „Für uns ist es sehr schmerzhaft, dass wir uns nicht gegenseitig sehen“, berichtet Shah. Viele Mitglieder hätten in der Krise auch berufliche oder finanzielle Ängste. „Wir mussten viel Aufklärungsarbeit leisten“, so Ata. Gerade in Großfamilien sei das Zusammenleben auf engsten Raum oft nicht einfach. „Wir sollten die Zeit für gute Dinge nutzen“, rät Shah. So müsse die Zeit für die Familie, aber auch für sich selbst aufgeteilt werden.

Mit dem Beginn des heiligen Monats Ramadan – die Brinkumer Ahmadiyya-Gemeinde startet am kommenden Sonnabend, 25. April, in den Fastenmonat – wird die Gemeinschaft ebenfalls neu auf die Probe gestellt. „Eine Quarantäne in Zeiten des Ramadans war unvorstellbar“, sagt Ata. Auch die Städte Mekka und Medina, die heiligen Stätten des Islam, seien derzeit im Quarantäne-Modus.

Normalerweise verzeichne die Brinkumer Gemeinde in Zeiten des Ramadan eine verstärkte Beteiligung bei den Gebeten in der Nasir-Moschee. Das werde nun ausfallen, so Ata. Allerdings soll am Ablauf des Monats auch in Corona-Zeiten festgehalten werden. „Der Ramadan ist der Monat der Demut und der Bescheidenheit“, sagt Ata. So soll auch gefastet werden. „Das Fasten ist eine Pflicht für Gesunde“, sagt Shah. Menschen, die sich krank fühlen, zu alt oder jung, schwanger oder auf Reisen sind, seien von dieser Pflicht aber ausgenommen, betont er. „Wer sich krank fühlt, soll nicht fasten“, sagt der Imam.

Das unterstreicht auch Rahmi Tuncer von der Organisation Pro Asyl im Landkreis Diepholz. Er weist darauf hin, dass die Gläubigen in Zeiten „weltweiter Krankheit“ nicht sündigen oder vom Islam oder Koran abfallen, wenn sie nicht jeden Abend nach dem Iftar (Fastenbrechen) zum Terafi-Gebet zur Moschee gehen. So habe es schon zu Lebzeiten des Propheten Mohammed besondere Notfälle gegeben, in denen gemeinschaftlich vorgesehene Gebete alleine verrichtet wurden. Wer sich gesund fühle, könne natürlich gerne fasten, so Tuncer weiter. Die in den vergangenen Jahren eingebürgerten öffentlichen Iftar-Essen fallen in 2020 jedoch aus.

Fasten als Verzicht

Das Fasten und der Verzicht soll den Gläubigen vor allem vor Augen führen, wie gut es ihnen eigentlich geht, sagt Mujib Ata weiter. „Wir haben immer frisches Wasser und einen vollen Kühlschrank“, sagt er. „Man erkennt den Schmerz der Brüder, die sich nichts leisten können“, ergänzt ihn Imam Shah. Daher werde während des Ramadans oft auch viel Geld für Bedürftige gespendet.

Am Ende des Ramadans am 25. Mai steht für die Muslime der Brinkumer Ahmadiyya-Gemeinde das Zuckerfest. „Es wäre ein Stich ins Herz, wenn wir das nicht feiern können“, sagt Ata und ergänzt mit Blick auf die Einschränkungen über die Ostertage: „Wir konnten den Schmerz der Christen zu Ostern fühlen.“ Wie das Zuckerfest gefeiert werden kann, sei allerdings noch nicht klar. Ata hofft darauf, dass die Einschränkungen des religiösen Lebens vielleicht Anfang Mai zurückgenommen werden. „Wir appellieren an die Regierung“, sagt er. Natürlich sei das gemeinsame Gebet dann auch unter Berücksichtigung des Abstandsgebots möglich.

Bis dahin wollen die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde weiterhin bei der Bewältigung der Folgen der Corona-Krise helfen. So biete die Jugendorganisation zum Beispiel Einkaufshilfen an, berichtet Shah. In mehreren Städten organisierte die Glaubensgemeinschaft auch Blutspendeaktionen. Die Ahmadiyya-Frauenorganisation habe in den vergangenen Wochen Mundschutzmasken genäht. Auch Frauen aus Brinkum haben sich daran beteiligt, so Ata. Insgesamt kamen dabei deutschlandweit 20 000 Masken zusammen, die nun gespendet werden sollen.


Pro Asyl hat in der Zeit des Ramadans eine Hotline für alle Fragen rund um den Fastenmonat und den Islam eingerichtet.
Rahmi Tuncer ist vom 24. April bis zum 23. Mai montags in der Zeit von 14 bis 16 Uhr unter 0 54 42 / 8 05 99 99 erreichbar. Außerdem stellt er Interessierten mehrsprachige Fachbücher zu den Themen Islam, Koran, Muslime oder Integration zur Verfügung.

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