Netzwerk für Frauen in der Kommunalpolitik

„Ich will begeistern“

Sarah Kolley aus Bruchhausen-Vilsen hat auf Facebook ein Netzwerk für politisch engagierte Frauen gegründet. Das soll auch Damen ohne Parteibuch und Listenplatz zum Mitmachen motivieren.
27.03.2021, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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„Ich will begeistern“
Von Micha Bustian
„Ich will begeistern“

Mit ihrer Facebook-Gruppe will Sarah Kolley aus Bruchhausen-Vilsen politisch interessierte Frauen vernetzen.

TAMMO ERNST

„Sarah Kolley hat die Gruppe ,Netzwerk für Frauen in der Kommunalpolitik - Niedersachsen' erstellt“. So steht es seit dem 7. März im sozialen Netzwerk Facebook. Nüchtern formuliert. Die junge Dame aus Bruchhausen-Vilsen hat diesen Eintrag an besagtem Montag um 8.08 Uhr gepostet. Einen Tag vor dem Weltfrauentag. Passend. Denn ihr Ziel ist es, politisch interessierte Frauen zu vernetzen. Persönlich geht sie sogar noch weiter: „Ich möchte für den Samtgemeinderat kandidieren. Und für den Kreistag.“ Selbstbewusst.

Sarah Kolley ist 35 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer zweijährigen Tochter. Zurzeit ist die gelernte Medizinische Fachangestellte in Elternzeit. 2019/20 hat sie daneben am Tandemprogramm „Frau.Macht.Demokratie“ teilgenommen. Als CDU-Mitglied bekam sie eine passende Mentorin: die Christdemokratin Claudia Staiger, Vorsitzende des Samtgemeinderats Bruchhausen-Vilsen. Für 2020/21 hat sie das Tandemprogramm „Frauen nach vorn!“ gebucht - mit dem Kreis-Nienburger Landtagsabgeordneten Frank Schmädecke, ebenfalls CDU, als Partner. Nach Ablauf des ersten Mentoringprogramms erhielt sie eine Urkunde. Ihr erster Gedanke: „Toll! Und jetzt?“

Damit stand sie anscheinend nicht alleine. Sie blieb in Kontakt mit den Frauen, die sie durch diese Zeit begleitet hatten und vernahm viel Frust. Sie erfuhr von ihren Mitstreiterinnen, dass viele Mentoren und Mentorinnen diese Aufgabe anscheinend nicht richtig ernst nehmen und das Programm nur begleiten, weil das Angebot zumeist mit einem schönen Foto in der Zeitung einhergeht. Die oft mangelhafte Begleitung wirke wenig motivierend. Dabei sei das Ziel von „Frau.Macht.Demokratie“ ja, Frauen für ein politisches Amt zu gewinnen.

Sie selbst hatte Glück - sowohl mit Claudia Staiger als auch mit Frank Schmädecke. „Beide sind sehr kommunikativ“, lobt Sarah Kolley ihre Parteikolleginnen. Und zu beiden hat sie auch noch Kontakt, kann Fragen stellen, findet Orientierung. Die Hospitation im Landtag in Hannover musste coronabedingt ausfallen. „Die wird nachgeholt“, hat sie keinen Zweifel am Wort Frank Schmädeckes. Ebenso wie die Termine im Landkreis Diepholz, bei denen Kolley den Landtagsabgeordneten begleiten möchte. „Das hat er mir versprochen.“

Doch wie gesagt: Dieses Glück hatten die wenigsten der politisch interessierten Frauen, die Sarah Kolley in den vergangenen zwei Jahren getroffen hat. Bei einem Wochenendseminar habe sie mit „den Mädels“ diskutiert, und am nächsten Morgen wachte sie mit einem Wort im Kopf auf: „Netzwerk.“

Gedacht, getan. Sarah Kolley ging in sich, dachte nach. Was würde helfen, Frauen in die Politik zu bringen? Sicherlich nicht, gleich mit dem Parteibuch zu winken oder eine Aufstellung zur nächsten Wahl in Aussicht zu stellen. „Das schreckt viele Frauen ab“, weiß die 35-Jährige aus ihren zahlreichen Gesprächen. Vernetzung würde helfen, ist sie sich sicher, Erfahrungsaustausch, politische Diskussion über jede Parteimitgliedschaft hinaus.

Gesagt, getan. Einen Tag vor dem Weltfrauentag eröffnete Sarah Kolley ihre Facebook-Gruppe. Fünf Minuten später postete sie: „Hier soll ein Netzwerk von Frauen für Frauen in der Kommunalpolitik entstehen. Natürlich können gerne auch Frauen, die es bereits in den Land- und/ oder Bundestag aus Niedersachsen geschafft haben, Mitglieder werden. Es geht um Erfahrungsaustausch, Neuigkeiten und Wissensaustausch.“ Sie schrieb Bekannte an, lud zur Teilnahme ein. Inzwischen, 20 Tage später, sind 65 Frauen dieser Facebook-Gruppe beigetreten.

„Eigentlich habe ich gedacht, es gibt so eine Gruppe schon“, sagt Sarah Kolley. Falsch gedacht. Ihr kann's egal sein. „Ich will begeistern und die Frauen mitnehmen, damit sich die Quote erhöht. Ich will politisch interessierte Frauen so weit kriegen, dass sie sich kommunal engagieren und nicht nur herumsitzen und meckern.“ Bei Whats-App würde das bereits funktionieren, weiß Kolley. Nun will sie auch über Facebook motivieren. „Die Frauen wollen ja, aber viele stehen sich selbst im Weg.“

Info

Zur Sache

Frau.Macht.Demokratie

31,2 Prozent der Bundestagsmitglieder in Deutschland sind weiblich. Nicht einmal ein Drittel, dabei leben in Deutschland eine Million mehr Frauen als Männer. Im Landkreis Diepholz saßen laut „Zeit Online“ im Jahr 2019 nur 21 Prozent Frauen in den Gremien.

Um diesen Zahlen etwas entgegenzusetzen, hat das Land Niedersachsen am März 2019 ein neues Mentoring-Programm gestartet: „Frau.Macht.Demokratie“. Damit möchte das Sozialministerium den Frauenanteil in der Politik erhöhen. Im Zuge des Programms wurde jeder Interessentin eine erfahrene Politikerin als Mentorin - es durfte auch ein Mann sein - an die Seite gestellt, um den Einstieg in die Politik zu erleichtern. Die Teilnehmerinnen durften beispielsweise das Alltagsgeschehen in den Parlamenten kennenlernen und den Zugang zu wichtigen Netzwerken nutzen. Als Ziel wurde ausgegeben, möglichst viele Frauen zu einem Engagement in der Kommunalpolitik zu motivieren. Am besten schon bei der Wahl am 12. September 2021.

Das es geht mit Frauen in der Politik, zeigt das kleine afrikanische Land Ruanda. Dort sitzen mehr als 60 Prozent Frauen im nationalen Parlament. Obwohl die festgesetzte Quote nur bei 30 Prozent liegt.

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