Elektro-Mobilität

„Dann wird einem schon mulmig“

Die Zahl der Elektro-Autos im Landkreis Diepholz steigt. Die Zahl der Ladesäulen hängt dem hinterher. Bärbel und Eberhard Rädisch fahren einen strombetriebenen Renault Zoe und berichten über ihre Erfahrungen.
28.02.2021, 16:58
Lesedauer: 4 Min
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„Dann wird einem schon mulmig“
Von Micha Bustian
„Dann wird einem schon mulmig“

Eberhard Rädisch und seine Frau Bärbel kommen mit vollem Akku offiziell 130 Kilometer weit. Im Winter weniger.

TAMMO ERNST

Asendorf/Landkreis Diepholz. Die Zahl der elektrisch betriebenen Autos im Landkreis Diepholz nimmt zu. Das bestätigt die Landkreisverwaltung. Im Jahr 2020 wurden hier 467 reine Elektrofahrzeuge zugelassen, im Jahr 2019 waren es 131. Die Zahl der Hybriden wuchs von 464 auf 1265. Eine klare Steigerung, sicher. Doch die allgemeinen Pkw-Gesamtzulassungszahlen beliefen sich im vergangenen Jahr auf rund 142.000 Fahrzeuge. Da ist der Anteil strombetriebenen Autos dann doch eher gering.

Bärbel und Eberhard Rädisch haben sich vor einem Jahr einen Renault Zoe zugelegt, einen kleinen Elektroflitzer. 6000 Kilometer hatte der Wagen runter, allesamt in Bremerhaven auf dem Containerterminal gefahren. Der Blech-Franzose erhält von dem Ehepaar aus Hohenmoor eine gute Zwischennote. „Für die Entfernungen, die wir fahren, reicht der vollkommen aus“, findet Eberhard Rädisch, macht aus seinem Herzen aber auch keine Mördergrube: „Wenn man Strecken von mehr als 100 Kilometern fährt, wird einem schon mulmig. Das passt mir nicht so richtig.“

Syke und Nienburg – das sind die Fixpunkte für das Ehepaar Rädisch. 24 Kilometer nach Norden, 32 Kilometer nach Süden. Nach Bremen sind's 47 Kilometer. Da kann's hin und zurück schon knapp werden mit einer „Tankfüllung“. Eberhard Rädisch: „Wenn die Batterie voll aufgeladen ist, zeigt sie 130 Kilometer an, im Winter sogar nur 98.“ Zahlen, die aber letztlich nicht immer realistisch seien.

Umso wichtiger ist es, die Tankstellen zu kennen, heißt: die Position der Ladesäulen. Denn die sind im Landkreis Diepholz noch relativ rar gesät, wie der Kfz-Landesverband Niedersachsen-Bremen mitteilt. Er vermeldete zu Beginn des Jahres für den Landkreis Diepholz 55 Ladepunkte für inzwischen 866 Elektro-Autos. Das bedeutet, dass sich 15,7 Fahrzeuge eine Ladesäule teilen müssen. Platz 274 in Niedersachsen. Zum Vergleich: Der Mittelwert liegt bei 13 E-Automobilen pro Ladesäule, niedersachsenweit liegt Salzgitter mit drei E-Autos pro öffentlicher Ladesäule an der Spitze.

Bärbel und Eberhard Rädisch nutzen diese Möglichkeit höchst selten. Ihr Renault Zoe kommt nach jeder Fahrt sofort ans Stromnetz. Zuhause. Anfangs speisten sie die Batterie ihres Wagens über normale Steckdosen. 16 Stunden dauerte das. Dann kaufte Eberhard Rädisch eine gebrauchte Wallbox. „500 bis 700 Euro, wenn man eine günstige erwischt.“ Jetzt dauert der Ladevorgang nur noch die Hälfte der Zeit. Eine öffentliche Ladesäule haben die Rädischs einmal in der Nähe von Eltze genutzt. Zwei Stunden habe das gedauert. „Wir haben in der Zwischenzeit etwas gegessen.“ Bezahlt wurde mit der ADAC-Karte: 29 Cent pro Kilowattstunde.

In der Anschaffung sind Elektro-Autos meist teurer als ihre Benzin- oder Diesel-Geschwister. Bärbel und Eberhard Rädisch haben 10.500 Euro für ihren damals fünf Jahre alten Renault Zoe bezahlt. Dazu die Wallbox und die Miete für die Batterie des Wagens. „Wenn man sich die kauft, kostet sie 8000 Euro“, berichtet Eberhard Rädisch. Die Gegenrechnung: Er braucht bis zehn Jahre nach der Erstzulassung keine Kfz-Steuer zu bezahlen. Und im Verbrauch ist der E-Flitzer auch recht günstig: 20 Kilowatt verbraucht er auf 100 Kilometer, umgerechnet sind das sechs Euro. Kosten, die das Ehepaar Rädisch höchst selten tragen muss. Denn: Sie haben eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach, speisen ihr Auto mit selbst erstelltem Solarstrom. So waren es auch ökologische Gründe, die Bärbel und Eberhard Rädisch dazu bewogen haben, auf Strom anstatt auf Benzin zu setzen.

Weniger erfreulich: Im Winter ist die Batterie schnell leer. „Licht, Heizung – das läuft ja alles über die Batterie“, erklärt Eberhard Rädisch. Seine Gattin ergänzt: „So richtig warm habe ich das Auto noch nicht erlebt.“ Doch die Vorteile überwiegen für die Rädischs. Man höre nur die Reifen, keinen Motor. Das sei „wie ein Dahingleiten“, schwärmt Bärbel Rädisch, die offen zugibt: „Anfangs wollte ich das E-Auto gar nicht fahren.“ Das hat sich geändert.

Info

Zur Sache

Zukunft der E-Autos

Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen, hat beobachtet, dass das Kaufinteresse für Elektro-Pkw durch die hohe staatliche Förderung auch an der Weser stetig zunehme. Vielerorts fehle es aber noch an einer Ladeinfrastruktur, die mit dem Elektro-Autoboom Schritt halte. Erforderlich sei ein Ladenetz auch an den Autobahnen. Eine besondere Herausforderung bleibe dabei die Ladeinfrastruktur für Busse und Lastwagen.

Eine Aufgabe für die Politik. Deshalb erfragt der heimische Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig regelmäßig den aktuellen Sachstand zum Ausbau der Ladeinfrastruktur im Wahlkreis Diepholz/Nienburg beim Bundesverkehrsministerium. Durch die abschließende Auswertung des vierten und fünften Förderaufrufs liegen die Gesamtmittel nun bei 1,14 Millionen Euro für 27 heimische Antragsteller, teilt Angela Petermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin in Knoerigs Berliner Büro, mit. Das freut den CDU-Politiker sehr, denn damit werde die Elektromobilität auch in unserem Flächenlandkreis zunehmend attraktiver.

Antragsteller für öffentliche Ladesäulen sind überwiegend Energieunternehmen und Tankstellen, aber auch Supermärkte und Betriebe für Haustechnik sowie Kommunen wie die Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen.

„Für das Bundesprogramm Ladeinfrastruktur standen von 2017 bis 2020 rund 300 Millionen Euro zur Verfügung„, führt Axel Knoerig aus. Geplant sei eine Neuauflage in diesem Jahr im Umfang von weiteren 500 Millionen Euro. “Seit November werden auch private Wallboxen an Wohngebäuden vom Bund gefördert, und zwar mit 900 Euro pro Projekt über die KfW-Bank. Dafür stehen insgesamt 200 Millionen Euro bereit. Außerdem haben wir den Ausbau von Ladestellen an Mehrfamilienhäusern Ende 2020 mit dem Wohneigentumsmodernisierungsgesetz rechtlich vereinfacht.“

Für den nutzerfreundlichen, flächendeckenden Ausbau der öffentlich zugänglichen Ladeinfrastruktur ist eine neue nationale Leitstelle zuständig, lässt Axel Knoerig wissen. „Geplant sind auch europaweit transparente und einheitliche Bezahlsysteme“, ergänzt der Abgeordnete. „Laut Bundesverkehrsministerium startet in diesem Jahr zudem eine Ausschreibung von 1000 Standorten für ein Schnellladenetz für Langstrecken-Fahrten. Mitte des Jahres soll ein Förderprogramm zur gewerblichen Nutzung in Höhe von 350 Millionen aufgelegt werden.“

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