Museumseisenbahn

Volldampf in die Vergangenheit

Die Dampflokomotiven des Deutschen Eisenbahn-Vereins in Bruchhausen-Vilsen fahren regelmäßig. Aber nur einmal im Jahr wird alles auf Vergangenheit gestellt, auch die Kleidung: beim historischen Wochenende.
01.09.2020, 18:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Dagmar Voss

Bruchhausen-Vilsen. „Das sind sicherlich drei Monate, die ich beim Schreiben des Drehbuchs zugebracht habe“, sagt Wolf-Jobst Siedler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Eisenbahnvereins (DEV) und zurzeit Regisseur in Vorbereitung des traditionellen historischen Wochenendes in Bruchhausen-Vilsen. „120 Jahre Kleinbahn nach Asendorf“, lautet das Thema, denn genau vor 120 Jahren wurde diese Kleinbahnstrecke eröffnet. Diesem Motto widmen sich auch die übrigen Vereinsmitglieder bei der Muselbahn seit Wochen mit ganzem Herzblut – ob nun ihrem Kostüm, mit dem man oder frau sich Sonnabend oder Sonntag, 5. und 6. September, präsentieren will, oder einigen besonderen Aktionen. Es wird eine historische Zeitung geben, die an den Bahnhöfen verteilt wird. Oder eine ungewöhnliche Zusammenstellung der Züge, alle gezogen von zwei verschiedenen Dampfloks, der „Hermann“ und der „Hoya“. Letztere verkehrte tatsächlich schon damals hier auf der Schmalspurstrecke.

Das Siedlersche Drehbuch umfasst nunmehr mindestens zehn Seiten, denn nicht nur Fahrpläne sind da zu bedenken, sondern auch die Zugzusammenstellungen inklusive Personal. „Da müssen jeweils drei Leute auf den Zügen sein, also neben dem Zugführer, erkennbar an der roten Schärpe, auch ein Lokführer und ein Schaffner“, erklärt Siedler, „und das alles natürlich möglichst authentisch.“ Es sind gemischte Züge geplant; etwas, das in Deutschland nur ganz wenige Museumsbahn-Vereine wuppen können, denn über Güterwagen verfügen nur einige wenige. Diese sogenannten gemischten Züge gab es nur bis 1920, danach hießen sie GmP, Güterwagen mit Personenbeförderung. Davor nahm man freundlicherweise neben dem Hauptanteil Fracht auch Mitfahrer mit – als Nebenstandbein quasi. Sogar ein paar besondere Wagen wie der Postwagen sind mit im Plan.

Da gibt es in einem Wagen also ein kleines Abteil für die Post, wie damals schon. „Etwas Besonderes war es damals, dass die Post anstatt per Postkutsche zweimal in der Woche dank Eisenbahn dreimal am Tag kam, nach dem Fahrplan, den wir wieder und immer noch einhalten“, sagt Regisseur Siedler – und arbeitet weiter an seinem Drehplan, in dem rund 30 Ehrenamtliche vorgesehen sind. Wer möchte, kann am Wochenende also eine Karte schreiben und diese dann im Postwagen aufgeben.

„Im Mittelpunkt steht ein Zweizugbetrieb“, verspricht der Verein. Der Hauptzug, bestehend aus Personen- und Güterwagen, werde ein besonderes Erlebnis für die Besucher sein. Immerhin kommen zusätzlich 15 Güterwagen zum Einsatz. Nicht nur komplette Personenzüge werden zu sehen sein, sondern auch Güterzugtraktionen mit Frachtstücken, die einst das alltägliche Bild bestimmt haben. Sowohl am Kreuzungsbahnhof Heiligenberg als auch in Bruchhausen-Vilsen wird eine Stückgutverladung vergangener Zeiten aufgeführt. Während der Fahrplan an beiden Tagen gleich ist, werden unterschiedliche Zugzusammenstellungen das Bild bestimmen. Da muss Siedler natürlich auch schauen, wo und wie ausrangiert und einrangiert wird, um den Gästen möglichst ein komplettes Bild der einstigen Vorgänge zu bieten. „Ich werde an den beiden Tagen überall gleichzeitig sein müssen, um immer mal wieder Hand anzulegen oder auszuhelfen“, überlegt er lächelnd, der sonst eher in altertümlicher Uniform am Bahnhof Vilsen-Ort anzutreffen ist.

„Um dem gesamten Bild viel Authentizität zu vermitteln, werden Fahrgäste in historischer Kleidung in den Zügen und an den Stationen zu sehen sein“, sagt Pressesprecher Martin Thies. Ein wesentliches Element für besagte Authentizität ist die historische Zeitung Courier und deren Verteilung.

Doktor Uhlstein (Christian Uhle) kommt als Elixir- und Zeitungs-Verkäufer mit Zylinder. „Schon im vergangenen Jahr ging der Courier reißend weg“ meinen Wolfgang Gerwien und Holger Gatz, die das Blatt zusammengestellt haben. Denn außer, dass es das gesamte Programm plus Fahrplan enthält, trifft der Leser auf witzige und skurrile Anzeigen, die Gerwien ganz im Stil der damaligen Zeit gestaltet hat. Des Weiteren enthalten sind (nicht ganz so authentisch) QR-Codes, über die man auf – nun wieder ziemlich authentisch – Wochenschauen gerät; also urkomische Kintopp-Filme über Aktionen an der Eisenbahnstrecke. Mit verantwortlich: der Kameramann Gerwien und der Dorfschupo Gatz.

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Wenn alle Interessierten sich anmelden, ihr Ticket online kaufen und bei den Aktionen auf Abstand achten, dann ist allen Corona-Bedingungen Genüge getan, hoffen die Akteure des DEV. Lustig wird es sicherlich – auch unter etwas anderen Umständen. Der Verein betont: „Sämtliche Züge sind aufgrund der Corona-Pandemie platzkartenpflichtig. Daher muss auch eine Mund-Nase-Maske getragen werden. Es besteht eine Zugbindung.“ Damit ein Mindestabstand am Bahnhof gesichert ist, sind Fahrkarten im Vorverkauf unter tickets.museumseisenbahn.de oder an den bekannten Vorverkaufsstellen von Nordwest-Ticket erhältlich. Wenige Restfahrkarten können am Schalter erworben werden. Die Abfahrten ab Bruchhausen-Vilsen erfolgen an beiden Tagen um 11, 14 und 16.30 Uhr. Zusätzlich wird sich jeweils um 11.55 und 14.45 Uhr ein Güterzug in Bewegung setzen. An den Unterwegsbahnhöfen sind einzelne Rangiervorführungen eingeplant. Außerdem gibt es ein Fotopaket zu kaufen, das Näheres über die Fahrzeugzusammenstellungen, Fahrpläne und Regieanweisungen bietet.

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