Bundesteilhabegesetz

Wenn der Nachwuchs fehlt

Ihnen fehlt immer mehr der Nachwuchs, sagen die Frühförderstellen im Landkreis Diepholz. Der Grund dafür liegt ihnen zufolge bei der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes.
12.07.2020, 18:06
Lesedauer: 3 Min
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Wenn der Nachwuchs fehlt
Von Tobias Denne
Wenn der Nachwuchs fehlt

Frühförderstellen helfen dabei, Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen früh zu erkennen oder zu beheben. Aber: Es kommen kaum neue Kinder in die Praxen. Daher haben sich Michael Werring von der Praxis Purzelbaum in Bassum und andere Frühförderstellen zusammengetan.

Michael Galian

Bassum/Landkreis Diepholz. Wenn das eigene Kind behindert ist, „ist das anfangs schwer einzugestehen“, sagt Katrin Kurtz. Die Ansprechpartnerin der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) weiß, wovon sie spricht, ist sie selbst Mutter einer behinderten Tochter. Sie ist davon überzeugt, dass Frühförderung Kindern und Familien hilft, Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen früh zu erkennen, abzumildern oder zu beheben. Dafür besuchen die Kinder eine der entsprechenden Praxen und werden spielerisch gefördert, für die Eltern ist das kostenlos. Der Landkreis Diepholz zahlt die Frühförderung (vom Säugling bis Grundschulalter).

Und genau da liegt derzeit ein großes Problem. Denn: Die Frühförderstellen im Landkreis leiden unter Nachwuchsmangel. Schuld daran soll die jüngste Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) sein. „Es ist ein tolles Gesetz, aber die Umsetzung geht daneben“, ist Michael Werring überzeugt. Der Inhaber der Praxis Purzelbaum in Bassum hat sich deshalb mit anderen Stellen im Landkreis getroffen, um gemeinsam etwas an der aktuellen Situation zu ändern. Denn nicht nur er merkt, dass deutlich weniger Kinder in seine Praxis kommen – übrigens schon vor dem Coronavirus. Auch Sylvia Dumke (Heilpädagogische Praxis mut.ich in Weyhe) und Barbara Meyer von der Praxis für Heilpädagogik und Lerntherapie in Diepholz haben dasselbe Problem. So gebe es mittlerweile mehr Ablehnungsbescheide als vorher, außerdem dauert die Bearbeitung der Anträge deutlich länger.

Das hat gleich zwei Haken: Zum einen erhalten entwicklungsverzögerte Kinder nicht die notwendige Förderung, zum anderen brechen Werring und Co. die Einnahmen weg. Mehr als 30 Prozent weniger Kinder kommen mittlerweile zur Frühförderung, dabei gilt die Umsetzung des BTHG erst seit Anfang des Jahres. „Die Kinder fallen hinten rüber“, weiß Werring.

Seit Anfang des Jahres gibt es einen sogenannten Teilhabeplaner, also einen Sozialarbeiter, der genau diese Anträge auf Eingliederung oder Frühförderung auf den Schreibtisch bekommt und über die notwendigen Förderungen entscheidet. Vorher hat das das Diagnostik-Team des Gesundheitsamtes des Landkreises gemacht. Sozialarbeiter und verschiedene Ärzte haben entschieden, ob ein Kind förderberechtigt ist oder nicht – das Team gibt es nicht mehr. „Der Teilhabeplaner kann kein Team ersetzen“, betont Werring. In Zusammenarbeit mit den Praxen und den Eltern wurde dann entschieden, ob die (für ein Jahr) befristete Frühförderung verlängert wird. „Oft liegt zu Hause viel im Argen, oft stimmt das System in der Familie nicht. Wir klären über den sozialen Hintergrund auf und unterstützen die Eltern“, beschreibt Werring die Situation.

Sylvia Dumke pflichtet ihm bei: „Es war eine hervorragende Zusammenarbeit, mit einer ausführlichen Diagnostik.“ Jetzt liege die Diagnose ob Förderbedarf bestehe oder nicht bei Kinderärzten. Und diese könnten das nicht auch noch zusätzlich leisten. Gab es vorher mehrere Seiten Diagnostik, wurde diese auf „drei Sätze gekürzt. Da sind die Ziele sehr grob gefasst“, erzählt Werring. Aber nicht nur dabei hakt es. „Die Eltern sind verunsichert, denn oft ist die Klientel schwach und die Anträge sind eine zu große Hürde“, sagt Barbara Meyer. Die Frühförderstellen bekämen gar nicht mit, dass ein Antrag dann abgelehnt wurde. „Das macht uns schon Sorge, denn die Kinder landen einfach in der Schule. Was passiert dann mit ihnen?“

Eigentlich, und da sind sich alle Beteiligten einig, ist das Gesetz ein gutes. Aber: „Die Not war noch nie so groß.“ Werring und die anderen Frühförderstellen wollen etwas tun, denn „den Kindern läuft die Zeit davon“. Nach der Schuluntersuchung im Herbst eines Jahres gebe es, wenn Bedarf besteht, normalerweise ab Januar oder Februar die Möglichkeit auf Frühförderung. Jetzt lägen Anträge teilweise mehrere Monate unbeantwortet herum, die Zeit von der Antragstellung bis zur Bewilligung ist lang. „Der bürokratische Aufwand ist riesig geworden, um an eine Förderung zu kommen. Dadurch dauert alles länger“, sagt Werring. Stattdessen würden Kinder, die Defizite aufweisen, eher an Logo- oder Ergotherapie verwiesen. Sein Appell: „Diese Maßnahmen können die Frühförderung nicht ersetzen.“ Gleichzeitig ist der Bedarf an Frühförderung nicht weniger geworden, sondern vielmehr gestiegen. Werring und die anderen Frühförderstellen hoffen, dass die Eltern wieder entscheiden können, wohin sie ihr Kind schicken: „Wir wünschen uns einfach, dass die Zusammenarbeit wieder gelingt. In anderen Landkreisen funktioniert die Umsetzung.“

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