Auswirkungen auf die Landwirtschaft

Coronavirus sorgt für Saison ohne Arbeiter

Schlechte Nachrichten für die Spargelbauern: Osteuropäische Saisonarbeiter dürfen wegen des Coronavirus nicht mehr ins Land. Wer soll den Spargel jetzt ernten? Wir haben mit zwei Landwirten darüber gesprochen.
26.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Coronavirus sorgt für Saison ohne Arbeiter
Von Marc Hagedorn
Coronavirus sorgt für Saison ohne Arbeiter

Er will bald wieder geerntet werden: Spargel. Die Saison steht an, aber noch ist völlig unklar, wer den Spargel von den Feldern holen soll.

Klaus-Dietmar Gabbert /dpa

Eigentlich hat Kristian Wichmann für das Gespräch mit dem WESER-KURIER gar nicht so viel Zeit. Der Unternehmer ist im Moment wie Millionen Deutsche als Krisenmanager gefordert. Seine größte Aufgabe ist es gerade, Erntehelfer für seinen Spargel- und Erdbeerhof in der Nähe von Bassum anzuwerben. Das erfordert den ganzen Mann.

Trotzdem erzählt er jetzt – das Gespräch dauert schon mehr als eine halbe Stunde – noch von Dienstagabend. Da hatten er und seine Mitarbeiter es doch tatsächlich noch geschafft, Plätze in einem Flugzeug aus Rumänien für zwölf Saisonarbeiter zu organisieren. Am Mittwochmorgen dann Kommando zurück. Der Flieger darf nicht starten. Corona. Die Rumänen bleiben in ihrer Heimat.

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Am Nachmittag spitzt sich die Lage dann weiter zu. Die Bundesregierung verhängt ab Mittwoch, 17 Uhr, ein Einreiseverbot für Saisonarbeiter, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Für die Branche ist das ein Schock. Heinrich Thiermann, einer der größten Spargelbauern in Niedersachsen und in Kirchdorf im Landkreis Diepholz heimisch, sagt: „Die Politiker überschlagen sich gerade mit Vorsichtsmaßnahmen.“

Thiermann geht das Verbot zu weit. „Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagt er. Wie auf einem Schachbrett fühle er sich. „Wir Bauern stehen in der ersten Reihe, und Dame und König hinter uns entscheiden.“ Landvolk-Präsident Albert Schulte to Brinke spricht davon, dass die anstehenden Anpflanzungen und die Spargelernte nun „massiv in Gefahr“ seien.

30 statt 400 Erntehelfer im Einsatz

400 Erntehelfer beschäftigt Wichmann sonst pro Saison auf seinem Hof, aktuell sind 30 Leute im Einsatz. Woher er die fehlenden 370 Leute nun kriegen soll? „Ein Riesenproblem“, sagt er, „für 14 Tage kommen wir im Moment mit der Mannschaft wohl noch klar. Aber was ist danach?“ Er mag noch nicht daran denken.

Bei Thiermann sind die Dimensionen noch größer. 3000 Tonnen Spargel ernten seine Leute auf 500 Hektar jede Saison, zwischen 1000 und 1500 Arbeiter setzt Thiermann dafür ein. Sie kommen vornehmlich aus Polen und Rumänien. Jetzt sind die Grenzen dicht und nur 100 von ihnen da. Wenn er keine Leute findet, so die Befürchtung, könnten diesmal nur zehn Prozent des Spargels geerntet werden, „der Rest bleibt auf den Feldern.“

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Niedersachsen ist Deutschlands Spargel-Anbauland Nummer eins. Im vergangenen Jahr wurden rund 27.500 Tonnen Spargel geerntet, gut ein Fünftel der gesamten deutschen Ernte. Bundesweit sollen 300.000 Erntehelfer fehlen.

Die Bundesregierung hatte darauf Anfang der Woche erstmals reagiert. Saisonarbeiter, so der Beschluss des Bundeskabinetts, dürfen jetzt länger und flexibler eingesetzt werden als bisher. Bis Ende Oktober sind 115 Arbeitstage erlaubt, vorher waren es 70. Die Hinzuverdienstgrenzen für Vorruheständler sind ausgeweitet worden genauso wie die Anrechnungsfreigrenzen für Bezieher von Kurzarbeitergeld. Wichmann begrüßt diese Maßnahmen, sagt aber auch: „Was nützen mir die Lockerungen, wenn ich keine Arbeiter habe, die davon profitieren können?“

Freischalten von digitalen Jobbörsen

Eine Idee, die zurzeit regelrecht boomt, ist das Freischalten von digitalen Jobbörsen. Hier stellen Betriebe ein, wie viele Mitarbeiter sie für welche Zeit und Aufgabe suchen. Genauso machen es potenzielle Erntehelfer, sie geben an, wo sie wohnen und was sie tun könnten. Der Deutsche Bauernverband hat so eine Seite, die Landwirtschaftskammern ebenso.

500 Personen hätten sich bis Mittwochnachmittag als arbeitssuchend auf der Agrarjobbörse der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer registrieren lassen, teilt eine Sprecherin mit. 18 600 Inserate sind bei der Aktion „Das Land hilft“ bisher zusammengekommen, die das Bundeslandwirtschaftsministerium gestartet hat. Auf der dazugehörigen Deutschland-Karte im Internet leuchten rote und orange Kreise, rot für viele Angebote, orange für etwas weniger. Bremen und umzu leuchten orange, hier haben sich gut 100 Menschen für die Feldarbeit gemeldet.

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Kristian Wichmann kennt das Angebot, aber er hat es bisher noch nicht genutzt. Er freut sich, dass es Menschen gibt, die ihre Arbeitskraft anbieten. Sein Problem: In seinem unmittelbaren Einzugsgebiet mitten im Landkreis Diepholz gibt es gerade mal ein knappes Dutzend Angebote. Und selbst wenn es 20, 50 oder mehr Arbeitskräfte wären, die er auf diese Weise finden könnte, müsste sich Wichmann genau überlegen, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. Ihn treiben ganz praktische Fragen um. Etwa: Woher kommt derjenige, und wie kommt er zur Arbeit? „Wir sind hier weit draußen“, sagt Wichmann, „Bus und Fahrrad sind keine Option.“

Arbeitskräfte in den unternehmenseigenen Unterkünften unterbringen

40 bis 50 Stunden arbeiten die osteuropäischen Helfer pro Woche. Die Arbeit sei hart, so Wichmann, werde aber über Mindestlohntarif bezahlt und erfordere viel Flexibilität. Da sei es praktisch, so viele Arbeitskräfte wie möglich in den unternehmenseigenen Unterkünften unterbringen zu können. Ob Schüler, Studenten, Flüchtlinge oder Kurzarbeiter aus allen Branchen, die von verschiedenen Seiten als potenzielle Erntehelfer ins Spiel gebracht worden sind, sich darauf einlassen würden? Die nächsten Wochen werden es zeigen.

Auch bei Thiermann in Kirchdorf muss man nun, da osteuropäische Kräfte fehlen, umdenken. Thiermanns Vorteil: Sein Unternehmen ist bekannt. „Uns rufen schon seit ein paar Tagen Menschen an, die helfen wollen“, sagt der Seniorchef, „bisher notieren wir ihre Namen.“ Wenn Not am Mann sei, sagt Thiermann, rufe man zurück. Seit Mittwoch weiß er: „Das wird vermutlich bald so sein.“ Das Einreiseverbot, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, solle in zwei Monaten noch einmal überprüft werden.

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