CTC Bassum

„Man hat nicht nur ein Gefühl“

Seit rund einem Jahr läuft das Präventionsprojekt „Communities That Care“ in Bassum. Die ersten Ergebnisse sind da und wir haben uns mit Projektleiterin Anne-Kathrin Heinze unterhalten, was diese nun bedeuten.
09.10.2020, 17:34
Lesedauer: 5 Min
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„Man hat nicht nur ein Gefühl“
Von Tobias Denne
„Man hat nicht nur ein Gefühl“

Viel in den Dialog gehen, das ist wichtig für die Umsetzung von CTC, wie Anne-Kathrin Heinze sagt.

Michael Braunschädel

Frau Heinze, Sie haben in der vergangenen Schulausschusssitzung die ersten Ergebnisse des Projekts „Communities That Care“ vorgestellt. Dazu wurden bereits Schüler befragt. Sind Sie zufrieden mit den Rückläufern?

Anne-Kathrin Heinze: Ja, das bin ich. Natürlich hätten wir uns sehr über eine noch größere Beteiligung gefreut, was aber nicht so einfach war. Die Bassumer Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren besuchen verschiedene Schulen – nicht nur in Bassum sondern auch in Syke, Twistringen und Sulingen. Andererseits gibt es Schulen wie die Lukas-Schule und die Prinzhöfte-Schule, an denen wiederum viele Schülerinnen und Schüler aus dem weiteren Umland betreut werden. Je nach Absprache mit den Schulen haben wir ganze Schulklassen oder nur einzelne Schülerinnen und Schüler befragt. Das ist aber unglücklich.

Warum?

Die Kinder fragen, warum gerade sie aus der Klasse gehen müssen. Es ist einfacher, die gesamte Klasse zu befragen. Die Herausforderung dabei war, die Eltern ins Boot zu holen. Sie müssen einwilligen, dass wir die Kinder befragen dürfen, und die Schüler selbst willigen auch noch ein. Erst dann kann eine Befragung stattfinden. Positiv hierbei ist, dass wenn eine größere Anzahl von Schülerinnen und Schülern befragt wird, die Schulen die Möglichkeit haben, einen eigenen Auswertungsbericht zu erhalten.

Wurde das viel in Anspruch genommen?

Drei von acht Schulen haben einen eigenen Bericht bekommen. Andere wollten das nicht, aber das ist auch total in Ordnung. Ähnlich durchwachsen war das Feedback der Schüler. Manche fanden es total klasse, dass sie befragt wurden. Andere wiederum fanden es eine nette Abwechslung zum Unterricht und wiederum andere meinten, dass ihnen so eine Befragung nichts bringt, weil sie schon an anderen teilgenommen haben. Ohne ein Feedback zu bekommen oder ein sichtbares Ergebnis als Resultat. Das wollen wir ändern.

Präsentieren Sie die Ergebnisse nun in den Klassen?

Das steht noch nicht ganz fest. Wir sind mit den Schulen im Gespräch und überlegen, wie wir die Ergebnisse im Unterricht einbringen können. Auch gibt es Überlegungen, wie Schülerinnen und Schüler aktiv in das CTC-Projekt einbezogen werden können.

Nun zu den Zahlen: Wie würden Sie die Zahlen der Umfrage einordnen? Geht es Bassum gut?

Ich würde sagen, wir liegen voll im Schnitt. Natürlich gibt es wie überall Dinge, die prima laufen, andere hingegen weniger gut. Grundsätzlich scheint es den Kindern und Jugendlichen gut zu gehen, zwei Drittel beschreiben ihren Gesundheitszustand mit „gut bis sehr gut“ und ihre „Lebenszufriedenheit“ auf einer Skala von eins bis zehn mit 6,6. Das ist ein gutes Ergebnis.

Rund ein Drittel der Befragten hat allerdings auch angegeben, dass sie depressive Gefühle haben und ihr Leben nichts wert sei.

Sie sagten in der Ausschusssitzung, dass sei erschreckend. Woran könnte das liegen?

Es ist so, dass sich diese Zahlen aus Bassum gar nicht so viel von denen der Referenzgruppe unterscheiden. Ich glaube, dass es unter anderem daran liegt, dass man in der Pubertät in einer Umbruchphase ist. Der Körper verändert sich, die Eltern verändern sich, man beschäftigt sich mit anderen Dingen. Soll heißen, dass es nicht untypisch ist, depressive Anzeichen im Jugendalter zu haben. Wichtig ist dabei allerdings, dass sich diese Negativität nicht verfestigen darf. Wir als Pädagogen, Eltern und Freunde sollten dies im Blick haben und gegebenenfalls hilfreich zur Seite stehen.

Worauf würden Sie das Hauptaugenmerk nun legen?

Gemeinsam im Gebietsteam, zu dem Personen zählen, die täglich unsere Kinder und Jugendlichen beim Aufwachsen begleiten, haben wir insgesamt vier Handlungsschwerpunkte festgelegt. Der erste ist die Stärkung der Familie. Dabei wollen wir Eltern in ihrer Rolle als Familienmanager unterstützen. Als Zweites geht es um die adäquate Begleitung der Jugendlichen in ihrer Entwicklung und um Unterstützung bei der Bewältigung von aggressiven und antisozialen Impulsen. Auch mit den Bildungseinrichtungen wollen wir zusammenarbeiten und die Erzieher und Lehrer in ihrer Rolle als Experten für kindliche Entwicklungs- und Bildungsprozesse unterstützen. Als vierten und sehr wichtigen Punkt hat sich herausgestellt, dass sich die befragten Kinder und Jugendliche mehr Mitbestimmung bei der Auswahl und Ausgestaltung der Angebote für ihre Altersgruppe wünschen. Dem wollen wir natürlich nachkommen.

Wie das?

Wenn es aggressive oder antisoziale Impulse gibt, müssen wir diese auffangen. Dazu schauen wir in die Bildungseinrichtungen, weil uns aufgefallen ist, dass in Kindergärten und Schulen über Jahre hinweg immer mehr Kinder Auffälligkeiten zeigen, es ihnen schwerfällt, sich an Regeln zu halten und andere Kinder und auch Gegenstände zu wertschätzen. Wir wollen Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer in ihrer wichtigen Arbeit unterstützen und sich zu vernetzen. Dabei spielen gerade die Übergänge Kita-Schule, Grundschule-weiterführende Schule eine große Rolle.

Um den Übergang einfacher zu machen, könnte man das Gespräch früher ansetzen?

Genau. Dabei muss man schauen, ob das überhaupt im Zuge von Datenschutz machbar ist. Gespräche und Übergabeprotokolle könnten den Übergang leichter und reibungsloser gestalten.

Wie geht es jetzt weiter?

Meine momentane Aufgabe ist, herauszufinden, welche Präventionsangebote es in Bassum gibt und was weiterhin noch möglich ist. Vielleicht gibt es Angebote doppelt oder welche, die gar nicht angenommen werden. Dabei wollen wir auch in den Austausch mit den Kindern gehen und sie fragen, was sie sich wünschen.

Gibt es Dinge, die schon vorher umsetzbar sind?

Die Präventionsstrategie CTC gibt uns einzelne, wichtige Schritte vor. So macht es total Sinn, erst mal zu schauen, welche Programme und Angebote vor Ort bereits erfolgreich umgesetzt werden, bevor man etwas Neues einführt. Gerne wollen wir institutionsübergreifend Angebote machen, denn wenn Kinder etwas in der weiterführenden Schule wiedererkennen, was sie schon im Kindergarten oder in der Grundschule kennengelernt haben ist der Lerneffekt größer. Man kann auf bereits Erlerntem aufbauen.

Gibt es im Landkreis noch andere Kommunen, die CTC anbieten?

Noch sind wir leider die Einzigen im Landkreis, aber wir hoffen, dass sich das ändert. CTC bietet viele Vorteile, von denen alle Beteiligten profitieren können. Wir fokussieren uns auf die tatsächlichen Bedarfe der Kinder und Jugendlichen, die Personen aus verschiedenen Institutionen kooperieren regelmäßig und ziehen an einem Strang. Wir haben Daten und Zahlen zum Ist-Zustand und schauen wie wir Herausforderungen gemeinsam angehen können. Das ist eine super Grundlage und wenn CTC weitergeführt wird und es regelmäßige Befragungen gibt, kann man erkennen wie sich Bedarfe verändern und mit ihnen die benötigten Angebote.

Wie nah kann man an Befragten sein, da sich das Projekt von Befragung bis zur Umsetzung über Jahre erstreckt?

Wir haben Kinder und Jugendliche zwischen elf und 18 Jahre befragt. Die eine Gruppe wächst als Zielgruppe heraus, aber die nächsten kommen nach. Wir begleiten die Kinder und Jugendliche ein Stück weit ins Erwachsen werden.

Wann stünde eine Wiederholung der Umfrage an?

Nach etwa zwei bis drei Jahren, um einen Referenzwert zu haben. Anhand der Zahlen wird man sehen können, ob das, was man angestoßen hat, auch erfolgreich war oder woran wir weiter arbeiten müssen. Das ist total spannend.

Das Gespräch führte Tobias Denne

Info

Zur Person

Anne-Kathrin Heinze

ist die Projektleiterin von „Communities That Care“ in Bassum. Seit mehr als einem Jahr arbeitet sie an der Umsetzung, jüngst stellte sie die Ergebnisse aus den Schülerbefragungen im Schulausschuss vor.

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