Amber Bunk Ein konfuses Jahr

Seit einem Jahr ist Amber Bunk die neue Schulsozialarbeiterin der Oberschule Bassum. Vor allem, weil ihre Arbeit auf Vertrauen fußt, dauerte es ein wenig, bis sich die Schüler der 35-Jährigen öffneten.
23.02.2019, 10:20
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Ein konfuses Jahr
Von Tobias Denne

Bassum. Wenn Amber Bunk an ihr erstes Jahr an der Oberschule (OBS) Bassum denkt, dann muss sie ein wenig überlegen. „Konfus“, sagt sie schließlich. Die Schulsozialarbeiterin ist seit nun zwölf Monaten in der Lindenstadt aktiv und hat schon so einiges mitbekommen. Denn es laufen nicht nur die Umbauarbeiten an der OBS, sondern ebenfalls im Kollegium findet sich immer mal wieder ein neues Gesicht. „Die Situation ist für alle nicht einfach“, gibt sie zu und schaut aus dem Fenster ihres Büros.

Einen schönen Ausblick kann sie nicht genießen, stechen doch die Spanplatten an der angrenzenden Seite des Gebäudes direkt ins Auge. Vor einigen Tagen brachten Bauarbeiter diese an, nachdem sie die Fenster herausgebrochen hatten. Die Sanierung der OBS dauert noch an, der Lärm ist ein ständiger Begleiter. „Teilweise ist es hier schon sehr laut, aber das wird später richtig schön. Im Moment geht es nun mal nicht anders“, weiß auch Bunk. Dennoch ist sie sehr dankbar dafür, dass sie ein eigenes Büro bekommen hat, obwohl es derzeit Raumengpässe in der Schule gibt. So müssten manchmal zwei Klassen in einem Raum unterrichtet werden, die Lehrer hätten kein richtiges Lehrerzimmer. „Ich wollte unbedingt einen Raum, da es brisante Themen sind, die wir hier besprechen“, erzählt Bunk, die an der Universität Essen „Soziale Arbeit, Beratung und Management“ studierte. Vor zehn Jahren verschlug es sie in den Landkreis Diepholz. „Eigentlich wollte ich nach Schweden auswandern“, sagt sie. Das habe sie aber nun für ihre Zeit nach dem Arbeitsleben vor, bis dahin lebt sie ländlich. „Mein Beruf besteht zu 90 Prozent aus Reden. Manchmal bin ich ganz froh, drei Stunden mit dem Hund spazieren zu gehen und niemandem zu begegnen“, verrät sie.

Das ist in der OBS anders, da will sie mit den Schülern reden und ihnen helfen. So kommen sie etwa zu ihr, wenn sie Probleme im Elternhaus, in der Schule oder andere Schwierigkeiten haben. „Oder damit, was gerade ansteht“, sagt Bunk darüber, dass auch die Jugendlichen angesichts des Valentinstags mit Liebeskummer ihr einen Besuch abstatteten. Dass es dann nicht immer einfach ist, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen, damit hat die 35-Jährige gelernt umzugehen. „Meine Arbeit funktioniert nur mit Vertrauen. Und das dauert“, weiß sie. Gerade zu Beginn seien die Schüler nicht unbedingt gesprächsbereit. Bunk hat so ihre eigenen Techniken entwickelt. Dabei hilft ihr unter anderem ein Tischkicker, der in ihrem Büro steht und das erste Eis bricht. So erzählten die Jugendlichen eher etwas über ihre Probleme, wenn sie sich mit etwas anderem beschäftigten. „Gerade nach den Ferien oder dem Wochenende gibt's viel Redebedarf“, weiß Amber Bunk.

Allerdings bestehen ihre Tage nicht nur aus Schülern, die zu ihr kommen oder geschickt werden. So gibt es auch feste Termine mit Projekten, die sie innerhalb ihres ersten Jahres initiiert hat. „Ich mag es einfach, dass der Beruf so flexibel ist. Kein Tag ist gleich und es gibt immer neue Herausforderungen“, sagt Bunk. Sie muss es wissen, sammelte sie doch vor ihrer Arbeit als Schulsozialarbeiterin die unterschiedlichsten Erfahrungen. Die Schulsozialarbeiterin war unter anderem in einem Wohnheim aktiv, arbeitete mit Kindern und Jugendlichen zusammen, mit psychisch Kranken oder in einer Jugendvollzugsanstalt. „Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass ich die Vielfalt brauche. Jetzt kann ich alles miteinander verbinden“, freut sie sich, dass im Arbeitsalltag keine Routine aufkommt und sie ihre Erfahrungen einbringen kann.

Dabei muss man manchmal einfach Glück haben. So wollte Bunk ein Projekt zur Drogen- und Gewaltprävention an der Schule aufbauen. „Ich musste erst einmal schauen, wo die Schwerpunkte liegen“, erinnert sich Bunk daran, dass sie ja „irgendwo anfangen“ musste. Sie dachte dann an eine Zusammenarbeit mit einer JVA. Die Einrichtung in Bremervörde meldete sich, da sie genau so ein Projekt angefangen hatte und noch auf der Suche nach Schulen war. „Das ist eins-zu-eins das, was ich mir vorgestellt habe“, freut sich Bunk über den Zufall.

So fahren Schüler freiwillig („So etwas funktioniert nur in der Zusammenarbeit mit den Eltern“) nach Bremervörde und lernen einen ehemaligen Häftling kennen, der mit den Schülern redet. „Wir wollen den Schülern zeigen, wo der Weg endet, wenn sie den weitergehen“, hofft Amber Bunk darauf, dass ein Besuch in der JVA Bremervörde mehr als nur einen Schockeffekt bei den Jugendlichen auslöst. „Es ist eine gute Sache, so bekommen die Schüler noch einmal einen anderen Blickwinkel. Vielleicht finden sie es hier cool, dass sie Kontakt mit der Polizei haben.“ Abseits des Freundeskreises finde es aber niemand mehr cool. Angesprochen werden die Jugendlichen, die im vergangenen halben Jahr auffällig geworden sind – für die etwa eine Konferenz einberufen werden musste oder die Kontakt zur Polizei hatten. Ein erster Besuch steht für Mitte März auf dem Plan. Die Strecke von mehr als 100 Kilometern werden die Jugendlichen im Rahmen des Projekts „SOS 180 °C“ ein- bis zweimal im Jahr auf sich nehmen.

Wichtig für sie ist bei derartigen Projekten, dass sie die Rückendeckung der Schulleitung hat. „Er ist offen für neue Sachen“, freut sich Bunk darüber, dass Cord Mysegaes sie bei ihrer Arbeit unterstützt. So wie etwa beim Offenen Treff, den sie am Nachmittag leitet. Jeder darf kommen und „wir arbeiten kreativ zusammen“, sagt Bunk über das Angebot. Sie selbst hat vor ihrem Studium eine „Ausbildung im handwerklichen Bereich“ gemacht und kann das nun einbringen. Dabei geht es nicht um eine Beratung oder Hilfestellung, sondern die Schüler kommen einfach vorbei und lernen sie auch kennen. „Es dauerte, bis die Schüler mich wahrnahmen“, erinnert sich Bunk an ihre erste Zeit. Vor allem, weil die Stelle der Schulsozialarbeiterin zuvor mehr als ein Jahr unbesetzt war. „Man merkte, dass hier eine große Lücke klaffte“, sagt sie nun. Nicht unbedingt einfacher wurde es dadurch, dass Bunk (früher: Plachetka) im vergangenen Jahr heiratete. So vermuteten manche, dass plötzlich eine neue Sozialarbeiterin an der Schule anfängt.

Mittlerweile wissen die Schüler, dass es eine Person an der Schule gibt, zu der sie gehen können, wenn sie Probleme haben. In den Gesprächen geht es nicht immer um Liebeskummer, unter anderem das Thema Selbstverletzung begegnete Bunk bereits. Doch trotz der schweren Themen hat die 35-Jährige gelernt, auch damit umzugehen: „Es ist wichtig, dass man nicht mitleidet. Ich mache meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen, kann aber nur Hilfe leisten, wenn es gewollt ist.“

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