Fahrradwerkstatt Bassum

Reparieren statt wegschmeißen

Seit fünf Jahren reparieren die Ehrenamtlichen der Fahrradwerkstatt in Bassum fleißig Räder, um sie Menschen günstig zu verkaufen, meist an Geflüchtete. Aber es hat sich einiges in der Zeit geändert.
02.09.2020, 18:09
Lesedauer: 3 Min
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Reparieren statt wegschmeißen
Von Tobias Denne
Reparieren statt wegschmeißen

Legen Hand an: Pit Rodenberg (von links), Stefan Seltmann und Nashwan Samoki richten abgegebene Räder wieder her.

Vasil Dinev

Bassum. Eine der witzigsten Geschichten, da staunte Stefan Seltmann nicht schlecht, begann damit, dass eine vollverschleierte Muslima in die Bassumer Fahrradwerkstatt kam und „sie hat mir fast den Schlüssel aus der Hand genommen“, erinnert sich Seltmann. Sie bestand darauf, ihr Fahrrad selbst zu reparieren – mit im Schlepptau waren ihr Mann und ihre zwei Kinder. Die Muslima war auch noch schwanger. Zugegeben, ein extremes Beispiel von Hilfe zur Selbsthilfe. So oder so ähnlich soll es auch laufen, die Menschen sollen bei der Reparatur mitmachen und nicht dabei stehen. „Wir sind keine Dienstleiter, sondern Unterstützer“, betont Pit Rodenberg.

An diesem Tag ist noch niemand zum Bahnhof gekommen, um sich ein Rad auszusuchen oder reparieren zu lassen. Was natürlich nicht heißt, dass die Ehrenamtlichen nichts zu tun haben. Eine Woche zuvor wurden zwölf bis 15 Räder angeliefert, nur ein paar waren direkt fahrbereit. Beim Rest wird nun Hand angelegt. Nashwan Samoki ist seit fast drei Jahren mit von der Partie. „Es macht einfach Spaß, Leuten zu helfen. Und was kaputt ist, muss man nicht sofort wegschmeißen“, weiß der gebürtige Iraker. Zum Team gehören noch Arman Emami, der seit vier Jahren dabei ist, sowie Rodenberg und Seltmann. Die Vier sind das Herz der Bassumer Fahrradwerkstatt, die es mittlerweile seit fünf Jahren gibt. „Teilweise sind wir kaum nachgekommen. Die Leute standen vor der Tür, das Fahrrad war das Verkehrsmittel“, erzählt Rodenberg über die Hochzeiten bei der Werkstatt, die im Frühjahr 2015 in das heutige Mühlenquartier eingezogen ist.

Schon, als die ersten Geflüchteten nach Bassum kamen, wurde von der Gruppe „Willkommen in Bassum“ überlegt, ob es eine Werkstatt geben sollte. Von den früheren fünf bis sechs Ehrenamtlichen sind vier geblieben. „Im ersten Jahr haben wir viele Räder verschenkt, aber gemerkt: Was nichts kostet, hat keinen Wert“, sagt Seltmann. Zwischen zehn und 25 Euro nehmen die Ehrenamtlichen nun für ein Rad, damit die neuen Besitzer auch pfleglich damit umgehen. Die Einnahmen werden für Ersatzteile ausgegeben. „Wir haben immer einen Vorrat von fünf bis acht Rädern, die fertig sind“, berichtet er. Seltmann und das Team haben beobachtet, dass weniger Menschen kommen – der Bedarf ist aber noch da. „Wenn die Schule losgeht, dann sind Kinderräder gefragt“, sagt Rodenberg.

Allerdings wird die Arbeit nicht einfacher. Gerade, weil die Stadt Bassum plant, das Gebäude wegen Baufälligkeit abzureißen. Eigentlich sollte das in diesem Jahr schon passiert sein, das Coronavirus machte dem aber einen Strich durch die Rechnung. „Es wird immer schwieriger, Räume zu finden. Hier sind wir gut ausgestattet, das ist top“, sagt Rodenberg. Seltmann gibt zu: „Die Motivation hat nachgelassen, jeden Freitag zu kommen. Vor allem, wenn der Schuppen abgerissen wird.“ Die beiden und auch Samoki sind vom Projekt aber immer noch überzeugt. Gerade, weil durch die Reparatur und das Ausschlachten von wirklich kaputten Rädern viel gespart und deutlich weniger weggeschmissen wird. Seltmann findet: „Es müsste mehr solcher Projekte geben.“ Das Reparatur-Café im Fönix sei ein gutes Beispiel. Sicher, die Vier haben sich immer mal wieder gefragt: Braucht es das Angebot überhaupt noch in Bassum? Denn gerade vor ihrem Domizil an der Bahnhofstraße waren sie knapp ein halbes bis ein dreiviertel Jahr obdachlos. „Wir mussten warten, bis was frei wurde“, erzählt Seltmann. Vor zwei Jahren zogen sie dann in die ehemalige Obdachlosenunterkunft. Die Ehrenamtlichen sind aber der Meinung: Ja, die Werkstatt soll es noch geben. „Reparaturen sind nicht billig“, weiß Rodenberg. Die Werkstatt bietet also genau den Menschen Hilfe, die wenig Geld zur Verfügung haben und wenig Kontakte. „Viele Geflüchtete haben kein Netzwerk“, sagt Seltmann. Aber: Sie müssen mitarbeiten.


Seltmann, Rodenberg, Samoki und Emami suchen noch Mitstreiter, die sich vorstellen können, freitags bei der Fahrradwerkstatt an der Bahnhofstraße 2 mitzuarbeiten. Die Kernzeit ist von 16 bis 17 Uhr. Anmelden brauchen sich Interessierte nicht, wie Seltmann betont: „Einfach vorbeikommen.“

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