Fußball

Der Viel-mehr-Arbeiter des TSV Bassum

Er weiß so gut wie alles über die Gegner des TSV Bassum: Torsten Klein ist so gut vorbereitet wie kaum jemand anderes in der Bezirksliga.
09.07.2020, 15:15
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Thorin Mentrup
Der Viel-mehr-Arbeiter des TSV Bassum

Einen Ruf als akribischer Arbeiter genießt Bassums Trainer Torsten Klein. Die eigenen Punktspiele eingerechnet, sah er in der Saison 2018/19 fast 70 Begegnungen der Bezirksligisten. Über jedes Detail führt er Buch.

Karsten Klama

Wer etwas über den Fußball im Kreis Nienburg in den vergangenen 25 Jahren wissen will, der sollte am besten ein Treffen mit Torsten Klein vereinbaren. „Ich habe seit der Saison 85/86 alle Artikel aus dem Kreis aufbewahrt“, erzählt er nicht ohne Stolz. Diese Zeitungsberichte haben in gebundenen Büchern ihren Platz im Wohnzimmer in Kleins Heim in Wietzen gefunden. Sie sind jedoch nur ein kleiner Teil der beachtlichen Fußball-Sammlung des 49-Jährigen.

In seinem Büro gibt es noch viel mehr zu entdecken. Trikots und T-Shirts seiner ehemaligen Vereine wie dem SC Marklohe oder dem FC Stadthagen hängen Seite an Seite mit den Jerseys von Hannover 96 oder 1860 München, gegen die der Keeper in seiner Laufbahn gespielt hat. Aus einem weißen Regal kramt Klein mehrere Sammelbände über den norddeutschen Fußball hervor, Ordner mit diversen Trainingsformen vom Zweikampf über offensive Spielzüge bis hin zum Torschuss und die gesammelten Zeitungsberichte der vergangenen Jahre über den von ihm trainierten Bezirksligisten TSV Bassum. Kleins Haus ist ein Schatz an Fußballwissen. „So richtig interessant wird das alles erst in einigen Jahren“, weiß er, wie wertvoll diese Erinnerungen im Laufe der Zeit werden. In einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten, wird Klein allerdings nicht nur Geschichten über seine Vereine erzählen können, sondern auch über seine Gegner. Wahrscheinlich so detailliert wie kaum ein Zweiter. Denn der Trainer führt Buch über jeden einzelnen Spieler, mit dem es seine Mannschaft zu tun bekommt.

Arbeit im Detail

Es ist ein regelrechtes Bezirksliga-Lexikon, das Klein da pflegt. Die Informationen stellt er selbst zusammen: Verein, Name, Geburtsdatum und alles Weitere, was für ihn als Trainer besonders wichtig ist: Position, starker Fuß, die Stärken und Schwächen. All das hat Klein sorgfältig notiert und für seine Mannschaft aufbereitet. Es ist jede Menge Detailarbeit. „Aber es macht mir Spaß“, sagt der ehemalige Torhüter, der nach dem Ende seiner Laufbahn zwischen den Pfosten eigentlich gar nicht den Schritt an die Seitenlinie vollziehen wollte. Er habe sich ein bisschen breitschlagen lassen, erzählt er. Doch als der Entschluss feststand, war für ihn wie auf dem Feld klar: „Wenn ich es mache, dann richtig. Für alles andere bin ich nicht der Typ.“

Also sammelt Klein Informationen – und Kilometer: Er beobachtet und beobachtet und beobachtet. So oft, dass ihm einige Vereine bereits nahegelegt haben, eine Dauerkarte zu erwerben. Das sei auf lange Sicht günstiger als sich jedes Mal mit einem Tagesticket einzudecken. Ein typischer Tag für eine Stippvisite bei einem Bezirksligaspiel ist zum Beispiel der Sonnabend. Deshalb war Klein regelmäßig auf der Anlage des SC Twistringen anzutreffen – ausgerechnet also beim größten Bassumer Rivalen.

Natürlich kostet die Arbeit des Wietzeners Zeit. Denn mit den Beobachtungen ist sie nicht vorbei. Das Bezirksliga-Lexikon will schließlich gepflegt werden. Seinen täglichen Einsatz während einer normalen Saison schätzt Klein auf zwei bis drei Stunden täglich. „Das sieht keiner“, weiß er, dass diese Arbeit in Geld nicht aufzuwiegen ist. „Aber das ist auch okay so. Mir ist es wichtig, dass ich den Jungs sagen kann, wie der Gegner taktisch spielen wird, wie seine Standards aussehen, wie er das Spiel eröffnet und wo er seine Stärken hat.“ Doch Klein weiß auch: „Ob das auch jeder annimmt, ist eine andere Sache. Wenn ich von 15 Spielern acht erreiche, ist das gut.“

Wenn die Bassumer am Spieltag in die Kabine kommen, können sie sich ein Bild von der Akribie ihres Trainers machen. Dann hängen sie da, Kleins gesammelte Werke: Alle Informationen zu jedem Spieler, auch ein entsprechendes Porträt. „Das ist schon Wahnsinn. Das habe ich bei all den Trainern, die ich vor Torsten hatte, noch nicht erlebt“, sagt TSV-Kapitän Mathis Hoffmann. Mit dieser Aussage will er keinesfalls die Arbeit von Kleins Vorgängern schmälern, sondern vielmehr seine Wertschätzung für die Mühen seines jetzigen Coaches ausdrücken. „Das war für mich komplettes Neuland. Aber es hilft wirklich. Und wenn wir verlieren, können wir uns wirklich nicht beschweren, dass es daran liegt, dass wir nicht gut vorbereitet waren.“

Kapitän Hoffmann ist begeistert

In der Tat: Diese Ausrede gibt es unter Klein für Bassum nicht. Dass der FC Sulingen beim Gastspiel in der Lindenstadt im vergangenen Oktober nach einer kurz ausgeführten Ecke über Bennet Lüdecke zum Torerfolg kam, dürfte den Coach kaum gewundert haben. „Das ist ein typisches Muster“, weiß er von etlichen Spielen des FCS, die er live verfolgt hat. Dass seine Spieler das nicht verinnerlicht hatten, habe ihn durchaus geärgert. „Uns geht es aber genauso“, wurmt das auch Hoffmann. Schließlich hatte Klein ausdrücklich darauf hingewiesen. Dieses Beispiel zeigt: Nicht alles bleibt direkt hängen. „Aber noch einmal ist uns das nicht passiert“, sieht Hoffmann einen Lerneffekt auch während der Spiele. Bassum gewann 2:1. Es war auch ein Sieg der Vorbereitung durch Klein. Generell nutze fast jeder Spieler die Informationen, verrät Hoffmann. Selbst erfahrenere Recken wie er. „Ich habe sogar noch einiges über die Jungs gelernt, gegen die ich schon vor Torstens Zeit hier gespielt habe“, lacht er.

Bassums Mathis Hoffmann ist beeindruckt, wie gut sein Trainer Torsten Klein auf die Gegner vorbereitet ist. Er greift gern auf die Informationen des 49-Jährigen zurück.

Bassums Mathis Hoffmann ist beeindruckt, wie gut sein Trainer Torsten Klein auf die Gegner vorbereitet ist. Er greift gern auf die Informationen des 49-Jährigen zurück.

Foto: Thorin Mentrup

Für Klein ist diese Aussage zweierlei: ein Lob auf der einen, eine Bestätigung seiner Arbeit auf der anderen Seite. Hinter seiner Akribie steht ein klarer Glaube: „Ich bin der Meinung, man wird erkennen, ob jemand seine Hausaufgaben gemacht hat und seine Jungs gut einstellt oder ob er nur irgendetwas erzählt.“ Längst hat sich unter den Trainerkollegen herumgesprochen, dass Klein außerordentlich viel Wissen gehortet hat. Das ist nicht verwunderlich, haben ihn die meisten schließlich schon mehrfach in zivil mit Block und Stift unter den Zuschauern auf ihrer Anlage gesehen. Etliche Coaches haben ihn bereits angerufen und nach Informationen gefragt. Meist teilt Klein dann auch sein Wissen. Eng ist die Verbindung besonders zum ehemaligen FC-Sulingen-Trainer Stefan Rosenthal, mit dem er einst gemeinsam auf dem Platz stand und der sich ebenfalls sehr detailliert vorbereitet. „Wenn wir mit unseren Mannschaften aufeinandergetroffen sind, haben wir versucht, uns etwas Besonderes einfallen zu lassen“, sagt Klein. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. „Am Ende darf man nicht vergessen, dass wir im Amateurbereich sind“, weiß auch Hoffmann, dass die Ansprüche nicht zu groß werden dürfen.

Dessen ist sich auch Klein bewusst, sich selbst klammert er aber davon aus. Der B-Lizenz-Inhaber ist häufig unterwegs, häufiger jedenfalls, als es in der Bezirksliga üblich ist. In der Saison 2018/19 beobachtete er fast 40 Partien. Dazu kamen 30 Punktspiele mit seinem TSV. Rund 70 Mal sah er also Bezirksliga-Fußball. Torsten Klein ist kein Mehr-, sondern ein Viel-mehr-Arbeiter. Kein Weg ist ihm zu weit: „Nach Lemförde sind es 77 Kilometer, aber auch da bin ich dreimal hingefahren“, sagt er. Mit einem einzigen Besuch ist sein Werk ohnehin kaum einmal getan: Direkt beim ersten Mal jedes Detail wahrzunehmen, das sei nahezu unmöglich.

Gute Planung ist alles

Punktspiele, Beobachtungen, Privatleben. Um all das unter einen Hut zu bekommen, muss Klein gut planen. „Wenn ich mal beim Training fehle, habe ich mit Andreas (Merdon, der Bassumer Co-Trainer, Anm. d. Red.) jemanden, der das problemlos übernehmen kann“, gibt es sportlich keine Probleme. Und privat? Schließlich geht der eine oder andere Freitagabend, Sonnabend oder Sonntag für Fußball drauf. „Da braucht man jemanden, der dir den Rücken freihält“, weiß Klein und fügt zufrieden an: „Aber auch da habe ich Glück.“ Seine Lebensgefährtin Aneta trage seine Leidenschaft mit.

Sobald der Spielplan steht, kann Klein seine Routen planen. Dabei stehen die Kontrahenten im Fokus, auf die seine Bassumer zeitnah treffen. Viele Spieler kennt der TSV-Trainer bereits aus dem Effeff, einige Hürden gibt es dennoch. „Es ist zum Beispiel problematisch, wenn wir am Anfang einer Saison auf Mannschaften treffen, die auf- oder abgestiegen sind. In der Vorbereitung sind wir selbst viel unterwegs. Das ist dann schon schwierig.“ Dann muss ein besonders guter Plan her.

Und wenn ein Team den Trainer wechselt? „Dann schaue ich es mir auch noch einmal an und beobachte, was sich verändert hat“, reagiert Klein auch darauf. Sieht der Fan des 1. FC Köln denn überhaupt noch Spiele seines Effzeh? „Wenn samstags Bezirksliga ist, ist Bezirksliga. Dann hat Bundesliga keinen Vorrang“, verdeutlicht der Coach, wie ernst er seine Aufgabe nimmt. Auch ihm selbst gibt diese intensive Vorbereitung ein gutes Gefühl: „Ich fühle mich besser, wenn ich den Gegner ganz genau kenne. Vielleicht mag der eine oder andere das übertrieben finden. Aber ich will mir keinen Vorwurf machen, dass wir nicht gut vorbereitet waren, wenn wir Punkte liegen lassen.“

Klein weiß, dass er mit seinem Fleiß auf lange Sicht auch Werbung in eigener Sache betreibt. Mindestens in den Kreisen Diepholz und Nienburg hat er sich längst einen Namen gemacht, zumal er in Bassum gute Arbeit leistet. Dort hat er bis zum kommenden Sommer ohnehin zugesagt. Irgendwann, das ist auch klar, aber wird seine Zeit in der Lindenstadt enden. Bis dahin wird seine Elf jedoch bestens vorbereitet auf jeden Gegner sein. Ganz egal, wer da kommt: Klein wird ihn bereits analysiert haben.

Info

Zur Person

Torsten Klein

wird 1971 in Hoya geboren. Mit dem Fußballspielen beginnt er acht Jahre später beim TSV Wietzen. Dort endet 2010 auch die Laufbahn des Torhüters, der es über die Stationen SC Marklohe, bei dem er den Sprung von der Jugend in den Herrenbereich meistert, SC Uchte, FC Stadthagen und Landesberger SV im Jahr 2002 zum BSV Rehden in die Niedersachsenliga schafft. Er ist ein kompromissloser Keeper, der auch als Aktiver vorlebt, was ihn als Trainer auszeichnet: Wenn er etwas anpackt, dann richtig. Nach Rehden läuft Klein erneut für Marklohe auf, spielt mit dem ASC Nienburg später noch in der Landesliga und feiert mit dem TSV Wietzen 2009 den Aufstieg in die Bezirksliga und im Folgejahr den Klassenerhalt.

Beim TSV steigt Klein vom Spieler zum Trainer auf. Erfahrung in diesem Metier hat er zu dieser Zeit bereits gesammelt. Zwischen 1992 und 1994 betreute er die F-Junioren in Marklohe. Im Herrenbereich behauptet sich der 49-Jährige, hält mit Wietzen die Bezirksliga und schließt sich zwei Jahre später dem TSV Eystrup an. Dort bleibt er bis zum Ende der Spielzeit 2015/16 und formt aus einem Kreisklassisten beinahe einen Bezirksligisten. Den Aufstieg verpasst sein Team erst in der Relegation. Klein dagegen schafft es im Januar 2017 in die siebthöchste Spielkasse. Er heuert beim TSV Bassum an. Dort läuft sein Vertrag bis zum Ende der kommenden Saison.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+